Die wichtigste Begabung, um glauben zu können, ist der Sinn für das Schöne. Martin Walser

Schwafelrunde ohne Safety Car

So eine laute Pöbelrunde aus Inkompetenz, Geistesarmut und Dreistigkeit hätte man bei Günther Jauch selbst in Kenntnis solcher Gesprächskreise kurz vor Wahlen nicht für möglich gehalten. Eine Polemik.

Gut, man könnte verzweifeln angesichts der Entblößungen, die sich unsere Spitzenpolitiker eine Woche vor der Wahl am Sonntagabend in der Talkrunde bei Günther Jauch gegenseitig zum Besten gaben. Man könnte aber auch dankbar sein, für diesen so wunderschön klaren Panoramablick auf dieses große gemeinschaftliche Versagen. Auf die Gewissheit, dass, wer sich die besten und kompetentesten Deutschen in die Politik wünscht, mit den führenden Protagonisten dieser elenden Politikerkaste auch 2013 fast komplett auf Sand gebaut hat.

Hübsch haarspraysteif

Diese laute Pöbelrunde aus Inkompetenz, Geistesarmut und Dreistigkeit hätte man selbst in Kenntnis solcher Gesprächskreise kurz vor Wahlen nicht für möglich gehalten. Wer behaupten würde, Jauch hätte seine Arbeit schlecht gemacht, der irrt. Günther Jauch hat das Beste getan, was man in so einer Situation überhaupt tun kann, er hat einfach grinsend aufgesteckt. Denn seine Aufgabe kann es ja nicht sein, Spitzenpolitiker vor sich selbst zu schützen. Dafür ist schon jeder selbst verantwortlich.

Man kann übrigens anfangen bei wem man will. Nehmen wir als Erstes diese unsägliche Ursula von der Leyen. In unerträglicher Jahrmarkt-Lautstärke und Penetranz trommelte die hübsch haarspraysteif Frisierte ohne Unterlass, ohne Maß und Rhythmus um Stimmen für ihre Partei. Noch der größte Schlenker war ihr gerade gut genug, anderen das Wort abzuschneiden, Jauchs Oberarm dabei ständig zu quetschen, ebenso wie den ihres Kabinettskollegen Daniel Bahr von der FDP. So etwas ging vielleicht damals, als die knarzige Alte noch jünger allein unter Männern Regionalpolitik verantwortete, hier wirkte es auf unangenehme Weise aufdringlich, nervig, anachronistisch und vorlaut.

Zum mittlerweile zum Landwirtschaftsministeranwärter aufgeblasenen Niedersachsen Sigmar Gabriel kommen wir später, denn der beerdigte diese Sendung am Ende mit einer der dämlichsten Attacken, die sich ein deutscher Politiker in der Schlussphase eines Wahlkampfes im 21. Jahrhundert je geleistet hat.

Ganz furchtbar anzusehen

Wer war noch da? Diese sommersprossige Königin des evangelisierten deutschen Ostens, Katrin Göring-Eckardt, die schmerzhaft daran erinnerte, dass es mal eine Petra Kelly bei den Grünen gab und die es sogar schaffte, Sehnsucht nach der aufrechten Jutta Ditfurth zu wecken, deren Format sie zwar körperlich anzustreben scheint, intellektuell aber nie erreichen kann: Inhaltlich null Aussage. Menschlich ohne nennenswerte Sympathiewerte. Und auf dem Stuhl neben Gabriel wie die grüne Besserwisser-Schwester der SPD.

Gut, dieser nett auf modern gescheitelte Minister (Für was nochmal? – Egal!) Daniel Bahr von der FDP ist ja irgendwie ein Lieber, einer, dem man fast schon ungern böse ist, dass er tut, was er tut. Aber er tut’s nun mal. Und er hatte großes Glück, neben von der Leyen zu sitzen. Neben dieser zeternden Niedersächsin sieht beinahe jeder jünger, gesünder und vor allem ehrlicher aus. Was hat die Frau bloß? Ein verschlepptes Schilddrüsenproblem? Es ist jedenfalls ganz furchtbar anzusehen.

Nochmal Egal. Denn nun kommen wir zum Tiefschlag des Abends. Denn einen gibt es immer, der besonders heraussticht: Der Dreckspokal des Abends geht umwegsfrei an Sigmar Gabriel. Denn als es einfach nicht mehr zu vermeiden war, zwischen diesem Terror des Unterbrechens und Dazwischenschwätzens die Masterfrage des Abends zu beantworten, ob man nun Rot-Rot-Grün ins Auge fasse, oder wenigstens auf Tolerierungskurs geht, griff Gabriel gegenüber – das habe ich noch nicht erwähnt, weil es ja mittlerweile bei all ihren Auftritten zur Selbstverständlichkeit geworden ist – einer argumentativ brillanten, stoisch den Wahnsinn um sie herum ertragenden Sahra Wagenknecht, in die mieseste aller Terrorkisten.

Politischer Offenbarungseid zur besten Sendezeit

Gabriel behauptete allen Ernstes, die SPD könne nicht mit den Linken zusammengehen, weil nicht klar sei, wie die Linke sich zu der historischen deutschen Verantwortung gegenüber sechs Millionen ermordeter Juden stelle. Wie bitte? Selbst die sonst so taffe Wagenknecht konnte nicht glauben, dass Gabriel zu so etwas fähig wäre. Ein Armutszeugnis, ein politischer Offenbarungseid zur besten Sendezeit und eine bodenlose Frechheit ohne Beispiel, die in normalen Zeiten ein politisches Nachspiel haben müsste.

Da passte es dann auf besondere Weise, dass Jauch zum Abschluss noch eine der wohl schäbigsten Fragen aus dem Facebook – in etwa so, ob Gabriel sich einen flotten Dreier mit den beiden Damen rechts und links von ihm vorstellen könne – vorlas, die so erschreckend dämlich war, dass Gabriel eigentlich in seinem Element hätte sein können. Aber dann war die Sendezeit ebenso vorbei, wie Gabriels feistes Grinsen und Caren Miosga auf dem Bildschirm. Wer hätte gedacht, dass Carens Erscheinen einmal diesen erlösenden Charakter bekommen könnte.

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Alexander Wallasch: Mit Pirinçci am Kitzler

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