Erst haben die Menschen das Atom gespalten, jetzt spaltet das Atom die Menschen. Gerhard Uhlenbruck

Glückwunsch, Angela Merkel

Gerade weil Merkel im Ausland so unbeliebt ist, wird sie hierzulande aus Solidarität geschätzt.

Warum lange drum herumreden, der individuelle Alltagstest zeigt es doch sowieso längst. Wer auch nur einen einigermaßen durchmixten Bekannten- und Freundeskreis hat, weiß es längst: Angela Merkel wird weitere vier Jahre Bundeskanzlerin bleiben, so sie es denn will.

Die Gründe dafür sind so einfach wie überzeugend: Sie hat gefühlt nichts falsch gemacht und vieles richtig. Auch die vielfache Behauptung, die Menschen würden in Angela Merkel nur eine strategisch kalte Machtpolitikerin sehen, ist falsch. Nein, das kommt beim Wähler anders an. Merkel wird über politische Lager hinweg als emotionale, besonnene Person wahrgenommen. Ja, tatsächlich: Angela Merkel hat Besonnenheit in den Stand einer Emotion erhoben. Also die gefühlsmäßige Entscheidung, alle Gefühle dem Verstand unterzuordnen.

In dieser Unterdrückung versteckt sich das weinende Kind ebenso wie die hysterische Mutter und der aufgebrachte Vater. Und man meint dann aus jedem dieser überaus beherrschten Merkelsätze herauszuhören, dass die Gute eigentlich auf einer glühenden Herdplatte sitzt. Contenance. So fühlen sich viele, die vor dem Chef oder in der x-ten Stuhlkreisgruppe am allerliebsten mal die Beherrschung verlieren würden. Ein erstaunliches Phänomen: Angela Merkel wird mit einem Minimum an emotionalen Äußerungen als zutiefst emotionaler Mensch wahrgenommen. Ihre kurzen emotionalen Explosionen auf der Tribüne bei Fußballtoren der Nationalmannschaft könnten dafür übrigens ein Indiz sein.

Hässliche, fleißige Deutsche

Es ist weiter erstaunlich, wie geschlechtsspezifisch die Medien agieren, das macht der gemeine Bürger heute längst nicht so: Wenn man Merkel – also als Frau – wie es schon 2011 beispielsweise Ines Pohl in der „Taz“ tat, Attribute wie „kalt und berechnend“ zuordnet, dann kann das für 2013 nicht mehr gelten. Im Gegenteil. Man stelle sich das mal vor, noch 2006 titelte der „Spiegel“ und meinte es ernst: „Merkel so unbeliebt wie Bush“. Solche Beobachtungen sind heute allenfalls noch in Athen, Warschau, Lissabon und Madrid zu machen, aber Athener, Warschauer, Lissabonner und Madrider haben nun mal keine Stimme bei der deutschen Bundestagswahl. Nicht wenige deutsche Wähler sehen sich dabei solidarisch in die Pflicht genommen.

Wir vergessen nämlich eines, weltweit mit Wohlwollen betrachtete schwarz-rot-goldene Fahnen zur WM 2010 und diverse positive Deutschland-Beliebtsheitsumfragen von heute sind das eine, die Wahrnehmung, dass wir im Ausland nach wie vor zu den hässlichen, fleißigen Deutschen gezählt werden, ist das andere. Millionen Deutsche im Sommerurlaub sind da instinktsicher genug, dass dieses nette Wort, die freundliche Einladung und der sympathische Etagenkellner zunächst einmal sehr viel mit dem Euro-gefüllten Geldbeutel zu tun haben und dass dann lange nichts mehr kommt.

Das ist nun auf dem großen europäischen Polit-Parkett nicht anders. Mit anderen Worten, diese Anti-Haltung gegenüber Angela Merkel im europäischen Ausland bewirkt eine Solidarisierungswelle zu Hause. Diese Negativstimmung gegenüber der deutschen Bundeskanzlerin hilft ihr sogar zu Hause, denn die einfache Logik beherrscht noch jeder: Wer bei seinen Verhandlungspartnern unbeliebt ist, ist das oft aus einem bestimmten Grund – er macht seine Sache besonders gut. Für Deutschland. Und diese Angela Merkel bringt dabei sogar noch das politische Kunststück fertig, weiterhin als Europäerin erkannt zu werden. Finanzkrisen hin oder her. Denn auch die Kosten für eine vorübergehende Abwehr hat sie, damals sogar noch im Verbund mit ihrem Minister Steinbrück, so geschickt nach vorne geschoben, dass erst eine nächste Generation die Zeche zu zahlen hat und wir aktuell kaum eine Erschütterung dieser erschütternden Vorgänge bemerken.

Umso weniger Emotionen die Presse dieser Frau zubilligt, umso emotionaler wird sie wahrgenommen. Das hat nichts mit Zauberei zu tun, das ist Resultat einer einfachen Erkenntnis: Fehler werden verübelt, das haben Politiker wie Guttenberg und Wulff zu Recht schmerzhaft erleben müssen. Aber solche Fehler hat Merkel nicht gemacht. Hingegen sind fehlerhafte politische Entscheidungen in einer Gesellschaft, die an einer unerträglich hohen Zahl an individuellen Entscheidungsaufforderungen pro Tag erkrankt, zu jenen Fehlern geworden, die man verzeihen kann. Zumal die Tragweite solcher Entscheidungen ebenso unübersichtlich ist wie die schlussendliche Entscheidung selbst.

Was der wählende Bürger aus dieser düsteren Ära Schröder/Fischer mitgenommen hat, ist die Erkenntnis einer immensen Bedeutung europäischer und internationaler Politik. Und wenn man sich dann an die Bedeutung Helmut Kohls auf dem europäischen Parkett erinnert, dann wird diese im bundesdeutschen Gedächtnis tief verankerte, gefühlte Vor-Wende-Sicherheit der Kohl-Ära zur Bonuskarte der Kanzlerin. Da kann dann auch ein auf Kompetenz getrimmter Steinbrück auf der Theaterdrehbühne der SPD keine gute Figur machen.

Ja, dieser langweilige Wahlkampf ist nicht deshalb einer, weil eventuell irgendwelche Frontschweine nicht genügend in den Infight gehen würden. Er ist es, weil eine erstaunliche Zäsur stattgefunden hat: Der Wähler hat mit der Wahrnehmung der internationalen Dimension der Finanzkrise die unweigerlich zunehmende Bedeutungslosigkeit nationaler Entscheidungen erkannt. Und die Bundestagswahl ist nun mal zweifellos eine nationale Angelegenheit.

Der Wähler traut es der längst mit dem internationalen/europäischen Parkett vertrauten deutschen Bundeskanzlerin weit mehr als Steinbrück, der sein Lehrgeld noch zu bezahlen hätte, zu, noch das Bestmögliche für Deutschland, für das eigene Land herauszuschlagen. Die daraus unweigerlich resultierende Erkenntnis: Die Wähler Angela Merkels agieren aus einer Pro-Deutschland-Entscheidung heraus. Dieses so schwer erkrankte Europa macht aktuell einfach mehr Angst als Hoffnungen.

Rot-Grün fürchtet die eigene Vergangenheit

Helmut Kohls Großtat war ja dann auch nicht die Wiedervereinigung, wie ihm heute so schnell ins Geschichtsbuch eingetragen wird, seine Leistung bestand vielmehr darin, sich mit einem unmissverständlichen All-In für diese riskante Europa-Karte zum hartnäckigsten Zocker am europäischen Verhandlungstisch gemacht zu haben. So bestand das Kunststück Helmut Kohls für Deutschland darin, die Geschwindigkeit der Entnationalisierungsmaschinerie, als Folge fortschreitender Globalisierung, ausgerechnet mit einem aus heutiger Sicht fast wahnwitzigen All-In für Europa zu verlangsamen. Grotesk.

Und Angela Merkel profitiert davon heute auf eine Weise, die Schröder und Fischer nicht für sich zu nutzen wussten. Als nach Kohl diese rot-grünen Jungs auf der politischen Bühne erschienen, muss das für alle Verhandlungspartner wie ein Kanonenschlag-Startschuss zum großen Deutschland-Fressen gewirkt haben. Lafontaine erkannte das übrigens genau. Deshalb forderten ihn die englischen Zeitungen sofort zum Duell. Als Schröder ihm dann, noch besoffenen von der neuen Kanzlerschaft, von hinten in die Kniekehle trat, war die Party bereits im vollen Gange und die Minen für die größte Abzocke aller Zeiten konnten unbemerkt an den machtbesoffenen Schröder und Fischer vorbei ins deutsche Haus getragen werden.

Merkel profitiert jetzt davon, dass sie sich auch ohne diese Kohl’sche All-In-Karte an den europäischen Verhandlungstisch setzen kann und dort eine deutsche Wirtschaftskraft im Rücken spürt, die heute nicht von den Grünen und auch nicht von der SPD als Ergebnis einer grün-roten Regierungsarbeit verkauft wird. Darauf verzichtet man, um nicht zum x-ten Mal Hartz IV, die Agenda, Riester usw. mit hintendrauf gepackt zu bekommen und sich als Zerstörer der sozialen Marktwirtschaft Ludwig Erhards beschimpfen zu lassen.

Also herzlichen Glückwunsch, Frau Merkel. Wer soll Sie noch aufhalten? Eine starke LINKE in Wächterfunktion werden wir Ihnen aber nicht ersparen. Denn bei all Ihren routinierten Geschäften auf der europäischen Bühne für Deutschland wird eine starke LINKE lautstark dafür sorgen, dass am heimischen Herd der Haussegen nicht in Schieflage kommt. Die Grünen und die SPD sind derweil immer noch damit beschäftigt, ihre Wunden zu lecken und die Tsunami-Opfer ihrer Regierungszeit zu beerdigen.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Wallasch: Im Zweifel beleidigend

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