Unter Aufbaudiät verstehen die Ärzte ein totes Huhn, das man in heißem Wasser ausgewrungen hat. John Wayne

Sie haben keine Wahl!

Heinrich Schmitz hat in seiner Kolumne kräftig die Wahlwerbetrommel gerührt. Weil er wählen gehen fast so schön findet wie Weihnachten in die Kirche gehen? Zeit für Tacheles, Herr Schmitz!

Eine Replik auf: Sie haben die Wahl von Heinrich Schmitz

Vielleser des European – und davon gibt es ja mittlerweile immer mehr – wissen längst, dass ich die Kolumnen meines Freundes, des Rechtsanwaltes Heinrich Schmitz sehr schätze und entsprechend kommentiere. Ein besonderes Alleinstellungsmerkmal dieser Kolumnen besteht darin, dass es Heinrich oft mit schlafwandlerischer Sicherheit gelingt, komplizierte Themen und Sachverhalte verständlich und nachvollziehbar darzustellen, einzuordnen und damit den Leser auf seine Seite zu ziehen. Heinrich visiert ein Ziel an, gibt Gas und kommt ohne große Umwege an. Eine große Kunst. Nein, diesen Heinrich möchte man vor Gericht nicht als Gegner haben. Noch weniger, wenn dort noch dieser schamlos lustige kölsche Dialekt offensichtlich wird, den sein geschriebener Text noch nicht einmal offenbart.

Anyway – bei seiner Kolumne „Sie haben die Wahl“ ist Heinrich wie gewohnt in seinem geliebten Köln gestartet und wollte wohl Richtung Berlin, ist dann aber anstatt wie gewohnt östlich über den Rhein westwärts gefahren und in Brüssel gelandet.

Den Kopf in den Sand stecken

Das wäre zunächst nicht so schlimm, aber der Gute hat es bis zum Schluss nicht gemerkt! Dabei sind Brüssel und Berlin – wenn man über Wahlen, nationale Selbstbestimmung, Souveränität und die Frage diskutieren will, warum Intellektuelle in Berlin und dem Rest der Republik in Sachen Bundestagswahl „für einen Verzicht auf die Stimmabgabe werben“ usw. – denkbar unterschiedliche Standorte, Blickwinkel.

Und klar haben die in Brüssel natürlich kräftig gefeixt, als der Heinrich mit seinem „Sie haben die Wahl!“ loslegte. Und ich in Berlin – äh, Braunschweig – natürlich auch. Denn klar, wer an Berlin denkt und Brüssel darüber vergisst, der hat New York und meinetwegen auch Beijing schon gar nicht mehr im Kopf. Und das ist natürlich, wenn es um die Frage geht, welchen Einfluss und Sinn Bundestagswahlen in Deutschland haben, nicht so ganz unwichtig. Schmitz macht also den Berliner Vogel Strauß mitten in Brüssel und lässt den Kopf im Sand.

Eine Haltung, die mein Freund Schmitz übrigens mit Jakob Augstein teilt, denn der ist jüngst mit seiner deutschen Kapitalismuskritik „Sabotage“ auch zwischen Flensburg und Konstanz stecken geblieben. Und so wenig, wie es jemals wieder diesen von Augstein 300 Seiten lang herbeigeflehten Rheinischen Kapitalismus geben kann, gibt es noch eine Qual der Wahl. Nicht für die Wähler in Deutschland und also auch nicht für wichtige nationalpolitische Entscheidungen. So gesehen ist bereits die Überschrift der Schmitz’schen Kolumne („Sie haben die Wahl“) falsch.

Dafür möchten Sie prominente Zeugen? Kein Problem, nehmen wir doch mal diese rostige Triangel Lafontaine, Schröder und Fischer. Alle drei 1998 in der Nach-Kohl-Zeit angetreten voller Ideale und der utopischen Annahme: alle Möglichkeiten offen!

Günter Grass und der Pisse-Eimer

Die Herren haben sich dann in ihren neuen Maßanzügen an ihre neuen Schreibtische gesetzt und ihre neuen Bleistifte gespitzt. Aber in dieses muntere Spitzen hinein begannen die ganzen Scheiß-Telefone zu klingeln. Und es hörte nicht mehr auf. Da waren Anrufer aus aller Herren Länder am anderen Ende mit Forderungen und Direktiven, mit denen unsere drei Fragezeichen zuvor naiverweise niemals im Leben gerechnet hätten.

Banken Industrie, Kapital – jeder machte auf etwas aufmerksam, was man Neu-Regierenden neu erzählen muss, und was doch bitte bei zukünftigen Entscheidungen mitgedacht werden muss. Eine Telefonklingelei wie bei der Mafia im Wettbüro. Aber dann machte Lafontaine etwas Bemerkenswertes: nach dem ersten rüden Anruf legte er den Hörer einfach neben die Gabel und die Beine hoch. Ergebnis: Die europäische und internationale Presse wurde beauftragt, den guten Saarländer, der so stur am Wählerauftrag festhielt, binnen Monaten zum Schrecken Europas hochzuschreiben: zum Weltbuhmann. Schröder und Fischer standen am Zeitungskiosk, wurden darüber leichenblass und sahen ihre gerade eroberten Felle schon wieder davonschwimmen.

Ergebnis: Dolchstoßlegende 2.0. Aber gleich mit zwei Dolchen im Rücken lässt sich schwerlich nationale Finanzpolitik im nationalen Wählerauftrag machen. Lafontaine verließ das besetzte Haus, Schröder und Fischer wurden irgendwann später Lobbyisten und ein greiser Günter Grass ist sich sogar im Wahlkampf 2013 nicht zu blöde, der von Bad Godesberg bis Schröder entsozialisierten – also asozialen – SPD noch den Pisse-Eimer abzunehmen und über Oskar Lafontaine auszukübeln.

Und nun kommt also mein Freund Heinrich Schmitz, der das ja auch alles weiß und in der einen oder anderen seiner vielen Facebook-Attacken längst auskommentiert hatte, und will seinem Lesevolk was ganz Neues erzählen. Zitat:

„Daraus nun aber die Konsequenz zu ziehen, bewusst auf sein Wahlrecht zu verzichten, kann nur derjenige, dem das demokratische System nicht erhaltenswert scheint. Dass man etwas für die Demokratie tun kann, indem man nicht wählen geht, ist grober Unfug. Und es ist eine unbewusste Überbewertung der Parteien.“

Aber um Himmels willen, das ist ja nicht neu! Regelmäßig vor den Wahlen wird ja nicht nur Schmitz ein wenig rührselig und will wider besseres Wissen in diesem Millionen Euro teuren Vorgang eine Bedeutungsschwangerschaft entdecken, wo das deutsche Kind längst abgetrieben ist. Da stehen noch ganz andere in der ersten Reihe.

Mut zur Lücke

Aber Heinrich bemerkt es ja im Grunde längst selbst, wenn er in einem Nebensatz kleinlaut feststellt: „In dieses Parlament können wir wählen, wen wir wollen.“ Das ist von ihm selbstverständlich anders gemeint, stimmt dann aber noch weniger. Zumal er sich im Nachsatz in einer fast weihnachtlichen Vorwahlzeit-Stimmung nicht zu schade ist zu behaupten: „Diejenigen, von denen wir wissen oder denken, dass sie unserem Willen eine Stimme geben (…) Würde gar nichts schaden, ein paar Philosophen und andere Denker und Querdenker im Parlament zu haben.“
Ja, es würde nicht schaden. Aber natürlich auch nicht helfen. Freund Schmitz hofft aber sogar hier, „dass so Debatten bald wieder eine andere Qualität bekommen“. Bald wieder? So wie damals bei Adenauer, Strauß und Wehner? Das ist der Wunsch nach Politik als große medial aufbereitete Nostalgie- oder Loriot-Show.

Also lieber Heinrich, mal Deine Kolumne beiseite gelassen, was ich mich vielmehr frage, ist, warum Dir nach dieser Dir herzlich gegönnten Wahlstimmung zum Abschluss der finale Mut abgeht, Deine Erkenntnisse zu sortieren und das Ding doch noch zum Guten hin zu drehen. Indem Du uns, Deinen Lesern, explizit die Dir noch verbleibende Empfehlung aussprichst:

Nämlich anzuraten, die LINKEN zu wählen, die ja als Einzige noch dumm oder mutig genug sind, die Mahner- oder Chronistenfunktion zu übernehmen. Die zumindest als letzte politische Kraft (oder Schwäche) in Deutschland in der Lage sind, die Geschwindigkeit der Entnationalisierung, der fortschreitenden Abgabe politischer Souveränität an Unbekannt, von nationalen Entscheidungen hinüber in wirtschaftliche Zwänge, zu artikulieren und die Akteure dieses großen Deutschland-Verrates von Fall zu Fall zu benennen.

Damit hättest Du Dein natürlich ehrenwertes Ansinnen noch über die Ziellinie retten können. Aber dann hätte Deine Überschrift von Anfang an so lauten müssen:

SIE HABEN KEINE WAHL:
Wählen Sie DIE LINKEN, oder lassen sie es einfach ganz.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Wallasch: Wachablösung für Maxim Biller

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