Junge, sei doch einfach still

von Alexander Wallasch22.07.2013Gesellschaft & Kultur, Medien

Spiegel-Journalist Matthias Matussek wird von ARD-Moderator Kurt Krömer als „Puffgänger“ und „hinterfotziges Arschloch“ bezeichnet. The-European-Kolumnist und Matussek-Freund Alexander Wallasch hat dazu eine Meinung.

Also die Sache geht so: Gast sagt was, Gastgeber fragt höflich: „Wie bitte?“, Gast wiederholt und Gastgeber antwortet wie auf Stichwort gereizt: „Warum sagste alles zweimal?“, Publikum lacht. Mehr muss man zu Kurt Krömers „Krömer – die internationale Show“ in der ARD eigentlich gar nicht wissen. Der Gast degradiert zum Fußabtreter, zum Sidekick.

Harald Schmidt hatte in seiner Late-Night-Show jahrzehntelang auch Gäste. Die Gespräche waren nicht selten zum Schreien komisch, auch wenn keiner der Gäste aufgefordert wurde, sich zu wiederholen. Patzer und Peinlichkeiten waren selten und wenn, dann nur darauf zurückzuführen, dass der Respekt vor dem Altmeister der deutschen Late-Night-Moderation einfach ein stückweit zu groß war beim geladenen Gast. Lampenfieber also. Aber auch da half Schmidt nach Kräften bei der positiven Korrektur eines drohenden Gesichtsverlustes.

Krömer ist ein Angstarsch

Nur echte Moderationsnieten bauen gezielt auf diese Momente der Fremdscham. Führen sie sogar bewusst herbei. Ja doch, dieser Krömer ist so eine Niete. Schlimmer: ein Angstbeißer noch dazu. Einer, der den Gesichtsverlust des Gegenübers geradezu herbeisehnt. Sie kennen das als Extrem vielleicht aus asiatischen Spielshows. Diese menschenverachtenden, schmutzigen Spiele mit Kandidaten. Asiaten fürchten ja angeblich nichts mehr als den Gesichtsverlust. Aber Asiaten sind wohl auch furchtlose Masochisten.

Unter uns Europäern kennt das jeder aus dem privaten Kreis, wenn mehrere Gäste, die sich noch nicht so lange kennen, zusammenkommen. Dann kann es im ungünstigen Fall schon mal passieren, dass das Umschiffen peinlicher Fremdschammomente zum durchgehenden Fremdschammoment wird. Unter Spießern besonders schlimm, am schlimmsten, wenn der Gastgeber selbst ein Angstbeißer – also einer ohne asiatischen Arsch in der Hose – ist. Und dieser Kurt Krömer hat sogar physiologisch keinen Arsch in der Hose. Er ist also ein Angstarsch mit zu großem Wohnzimmer bei der ARD.

Aber solche Typen kennt man ja zur Genüge. Diese Nerds, die immer geduckt in der zweiten oder dritten Reihe stehen, im Sog der wirklichen Macher schwimmen und sich sogar dran gewöhnt haben, ab und an öffentlich runtergebügelt zu werden. Hündische Tröster, die nur die Ladys abbekommen, die aus der ersten Reihe herausfallen. Dieser Krömer ist so ein kläffender Abstauber. Wie wir nun ahnen dürfen (zum Thema „Puffgänger“ später), sogar zu feige, sich selbst mal eine Hure zu bestellen. Aber er hört sicher liebend gerne zu, was andere so mit Huren machen, wenn sie es denn machen. Der fiese Eindruck drängt sich auf: Er selbst ist ja auch eine. Eine Maulhure ohne Arsch, nur noch mit ein bisschen schäbigem Mut ausgestattet, sich – und noch viel mehr seine Gäste – auf der Bühne zum Hansel zu machen.

Wenn Fremdscham zum Lustgewinn wird

Dieser Krömer muss in seinem Leben so oft von den echten Jungs beleidigt worden sein, dass ein Gewöhnungseffekt eingetreten sein muss. Und er hat nur daraus noch die Kraft gewonnen, die es braucht, sich vor den Vorhang zu stellen und andere durch den Kakao zu ziehen. Clowns machen das im Zirkus gerne mal mit jemandem aus dem Publikum. Aber die Lacher gewinnt man in der Manege nur, wenn man dem Probanden seine Würde lässt und nicht ausschließlich darauf baut, davon lebt, das Gegenüber lächerlich zu machen.

Lächerlich macht sich so ein Moderator, wenn er diese Regel nicht einzuhalten bereit oder in der Lage ist. Nun wird das TV-Format dieses Krömers allerdings gerade deshalb geschaut, weil der Zuschauer weiß und hofft, dass der Moderator immer wieder aus zu viel Angst zubeißt. Das Erlebnis Fremdscham wird also hier zum eigentlichen Lustgewinn. Nicht neu, aber effektiv. Und unglaublich öde. Wer schaut so etwas? Nur die Zukurzgekommenen? Die Hinterbänkler, die Deppen aus der zweiten Reihe?

Jedenfalls ein allgemeiner Solidarisierungseffekt mit einem Moderationsversager.

Naturgemäß haben es die Typen aus der ersten Reihe – die Macher, die, die etwas riskieren im Leben, die kein Blatt vor den Mund nehmen – besonders schwer, solchen Dümmlichkeiten („Warum sagen Sie alles doppelt?“) zu entkommen. Denn ihr Herz wächst auf einer Art übergeordneter Loyalität. Journalist und Freund Matthias Matussek besitzt diese Loyalität und hat sie selbst auch mehr als verdient. Und er musste nun die Verweigerung dieser Loyalität, die Verweigerung eines Minimums an Anstand, das einem sogar noch vom Clown im Zirkus gewährt wird, in einer Aufzeichnung zur Krömer-Sendung am eigenen Leibe erfahren: Er wurde wohl von Beginn an vom „Moderator“ durchgängig als „Puffgänger“ und „Hinterfotziges Arschloch“ bezeichnet.

Und er musste erfahren, dass man den Frechheiten dieser zu kurz gekommenen Krömers nur entgehen kann, wenn man bewusst den Gesichtsverlust hinnimmt oder dem Schmalhansmoderator noch mehr Angst macht, als er ohnehin schon mit sich herumträgt.

Lass es, Krömer

Denn solche runterdemokratisierten Typen wie dieser Krömer fürchten nur eines noch mehr als der Teufel das Weihwasser: körperliche Gewalt. Der Mann muss als junger Kerl sehr, sehr oft übel verprügelt worden sein. Denn nur geprügelte Hunde teilen so unterirdisch aus. Aber in einer TV-Show wird selten geprügelt. Ich wage mal die Prognose, dass dieser Krömer, wenn ihn doch mal wieder einer wie damals vermöbelt, als er sich zu frech und gar zu ätzend aus der zweiten Reihe meldete, auch ohne dauerhafte körperliche Blessuren hinterher nicht mehr der selbe Ätzer sein wird.

Aber welcher Gast könnte das sein, der ihm mal reflexartig aufs freche Rotzmaul schlägt? Die, denen er es zutraut, die behandelt er nämlich bereits instinktsicher seltsam devot. Schade, dass Matussek uns und vor allem Krömer nicht noch mehr überrascht hat als nur mit seinem berechtigten nachgeschobenen Veto gegen diese Beleidigungen. Einen ganz kurzen, trockenen linken Haken hätte er ganz sicher auch mit etwas über 50 noch hinbekommen. Und ich bin weiter sicher, der Jüngere hätte seine Hände in diesem 1:1-Ring unten gelassen.

Krömer hätte also etwas daraus gelernt, das ihm sicher auch auf seiner elenden Afghanistanreise, die er aktuell in einem ebenso elenden Buch zusammengefasst hat, hätte hilfreich sein können: Lass es. Mach was anderes.

Oder frei nach Heinrich Manns „Der Untertan“: Junge, sei doch einfach still.

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