Es ist nicht so, dass im 36. Stock des Euro-Towers 23 alte Männer sitzen und nach Macht geifern. Jörg Asmussen

Visitenkarte von Dietmar

Was bleibt, wenn ein Bekannter stirbt? Erinnerungen an zwei Leben, die sich nur manchmal überschnitten haben.

Ein Freund oder besser: ein guter Bekannter seit zwei Jahrzehnten, stand in der Samstagsausgabe der Örtlichen. Unter Todesanzeigen. In einem Viertelmillion-Menschen-Örtchen stehen so im Schnitt zehn bis fünfzehn Verstorbene. Manche doppelt. Denn zur Familienanzeige kommt noch eine hinzu, wenn sie irgendwo länger gearbeitet, einem Verein angehörten oder sonst irgendeine besondere Lebensleistung vorzuweisen hatten.

Mein Bekannter hat keine private, dafür eine von einem Künstlerverein. Dietmar Dörner war Künstler. Er malte autodidaktisch, also ohne Kunsthochschulabschluss, so lange ich ihn kenne. Zu Lebzeiten war er damit nicht erfolgreich. Ich glaube sogar, er entsprach ziemlich exakt dieser romantisierten Vorstellung des mittellosen Künstlers, die ja tatsächlich selten romantisch ist. Bei Dietmar war das auch so.

Eine letzte Begegnung

Dietmar wohnte nicht nur in meinem Viertel, er war auch lange Jahre immer dort Gast, wo ich Wirt war. So sind mir auch drei großformatige Bilder übrig geblieben, die eine Weile über unserem Wohnzimmersofa hingen. Unsere Kinder sind mit ihnen größer geworden, werden also wohl für immer damit die ersten Jahre ihrer Kindheit verbinden. Über meinem Kinderbett hingen nur Kalenderbilder. Neulich hat mir meine Mutter mal investigativ eines vorgehalten, das sie irgendwo wiederentdeckt hatte und mich gefragt, ob ich damit etwas anfangen könne. Ich war nicht sicher. Als sie aufklärte, was es damit für eine Bewandtnis hat, schon eher. Ich werde Dietmars Bilder jedenfalls aufheben, wer weiß.

Als ich das Todesdatum anschaute, erinnerte ich mich zuerst, dann Frau auch, dass wir Dietmar noch einen Tag vorher an der Penny-Haltestelle stehen sahen. Breitbeinig, als blase ein starker Wind. Hager. Die für sein Alter noch auffällig vollen Haare wild nach allen Seiten ablockend. Mehr suchender als stechender Blick. Schwitzend wie immer, aber optisch nicht kränker als sonst. Unseren Wagen hatte er nicht entdeckt, als wir vorbeifuhren und zu lange überlegten, ihn einfach mitzunehmen. Aber dann hätte er vielleicht auch wieder dies und jenes zu erzählen gehabt die paar Meter nach Hause und wir hatten mit anderen Dingen zu tun. Also wartete er weiter auf seinen Bus und ist wohl weniger als 24 Stunden später gestorben.

Nach den Großformaten in den 1990er-Jahren kam er mal eines Abends mit einem kleinen Kasten in mein Café, angefüllt mit Papp-Visitenkarten eines örtlichen Taxiunternehmens, bei dem er mal tätig war, bis er seinen Führerschein verlor oder freiwillig abgab. Dietmar war damals schwer auf Bier und Schnaps. Aber er hat die ganzen Jahre härter mit sich gerungen als andere und war schon eine lange Weile trocken.

Fünf Mark oder ein Hefeweizen

Seitdem zeigte er auch diese seltsam verletzbare, furchtsame Überwachheit des Abstinenzlers. Diesen gehetzten Blick, als hätte man jemanden unsanft aus dem Schlaf geholt. Und irgendwie stimmt es ja auch. Nur dass er sich selbst befreit hat. Eine große Leistung, dachte ich damals. Als Wirt ist man ja gewissermaßen Fachmann und kann es beurteilen. Seine exzessiven Thekenphasen sind mir in Erinnerung. Sie kosteten ihn besagte drei Großformate, als das Kleingeld fehlte. Denn Anschreiben war Dietmars Sache nicht.

Aber zurück zu seinen Visitenkarten: Jede einzelne war einseitig mit Ölfarbe bestrichen und dann wieder kunstvoll verschoben, verwischt, zerkratzt. Wie düstere Max Ernsts in Mini-Miniaturformat. Sein Preis für die kleinen Kunstwerke: fünf Mark. Oder ein Hefeweizen. Nach einer Weile steckten etliche der Ölgemäldchen auf Visitenkarte an der Thekenrückwand. Wir haben dann irgendwann im Café eine Ausstellung damit gemacht. Richtig mit Vernissage, Eröffnungsrede und Vorankündigung.

Viel früher und nachts rief ich ihn mal aus einer Bierlaune heraus zu Hause an. War ja in der Nachbarschaft. Er saß auch gerade beim Bier, der Mond schien hell, also warum eigentlich nicht zusammen weitertrinken? In seiner Ecke viele Einfamilienhäuser aus den 1950er-Jahren. Hohe Hecken. Schmale Einfahrten. Absolute Ruhe. Die Möblierung noch fast komplett aus der Zeit des Hausbaus. Nicht viel Neues hinzugekommen. Sein Hauptaufenthaltsraum noch im frühen Jugendzimmerstil. Verwohnt. Und dieser Geruch, wie in alten Antiquariaten. Historisch.

Seine alte Mutter schlafe schon, wir müssten also nicht flüstern auf der Stiege nach oben. Zum Bier gab es Soleier in trüber Flüssigkeit aus einem schrecklich großen Glas, die seine Mutter wohl irgendwann angesetzt hatte. Ich aß zwei und spülte sie rasch mit Dosenbier herunter. Vergessene Beat-Musik kam aus einem alten Kassettenspieler, während er auf diesen wirklich überall herumliegenden gewischten Ölbildern herumkratzte, um wohl hier und dort so etwas wie Figuren herauszuarbeiten. Dann kroch eine alte Schildkröte langsam durchs Zimmer. Sie sei schon über fünfzig Jahre alt, erfuhr ich damals ungefragt. Meine spontane Idee, ihr mal eine brennende Kerze als wandelnde Lichtquelle auf den Rücken zu kleben, fand er nicht so gut, nachher würden wir es vergessen und sie würde alles in Brand stecken. Also unterließen wir es.

Als wäre er nicht gestorben

Irgendwann hatte dann irgendwer für Dietmar eine Website eingerichtet, wo diese Visitenkarten-Bilder wieder in der Jetzt-Welt auftauchten. Die Website gibt es immer noch. Und noch andere Sachen von ihm. Aber so, als wäre er gar nicht gestorben. Da gibt es wohl niemanden, der zuständig ist für eine Aktualisierung. Bis ins Wikipedia hat es Dietmar nicht geschafft und für Facebook und Co. war der Gute zu analog. Es gab mal ein Foto von Dietmar in der Zeitung anlässlich einer Ausstellung. Da steht er etwas verloren vor einem seiner kleinen Bilder und schaut skeptisch in die Kamera. Die Arme eng am Körper. Frisch rasiert. Hemd in die Hose gestopft, an der das Gürtelende herunterhängt, wie man es in den 1980er-Jahren trug.

Ich recherchiere eine Telefonnummer des Fotografen und habe morgens um halb neun dessen traurige Witwe am Apparat, die sich jetzt beim besten Willen nicht durch das umfangreiche Fotoarchiv wühlen kann. Ja, so ist das wohl manchmal, trotz Internet sind nicht mehr alle Erinnerungen reproduzierbar. Schade.

Also Dietmar, mach’s mal gut. Ich bin am Tage der Nachricht am Abend zu deinem Haus gefahren, lag ja auf der Strecke zum Penny. Aber da war niemand. Alles wie immer. Stille. Nur der Briefschlitz klapperte im Wind. Und die herausgeklingelten Nachbarn wussten auch nichts Genaues über deine Todesumstände. Nicht, was aus der Schildkröte wurde und auch nicht, wer und ob jemand die unzähligen zerkratzten Visitenkarten mitgenommen hat. Hoffen wir mal, sie sind nicht in den blauen Tüten gelandet. Könnten aber, denn so ein einzigartiges Lebenswerk ist ja nicht für jeden auf den ersten Blick erkennbar.

Zur Webseite von Dietmar Dörner

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Wallasch: Wachablösung für Maxim Biller

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