Es gibt kein Recht auf Wirtschaftswachstum. Kieron O'Hara

Bar jeder Unterhaltung

Kneipenromane können interessant sein. Leider ist Ju Innerhofers Neuerscheinung in dem Genre eine Abiturientinnenschulaufsatz-Katastrophe. Ein Verriss.

„Du bist fristlos gefeuert. Als Barfrau. Und als Autorin“, möchte man Ju Innerhofer von der ersten Seite an zurufen, während man ihre fiktive Ich-Erzählung-Gegenwart „Die Bar“, liest. Aber Ju – wahrscheinlich Judith, Julia, Juli … egal – geht einfach nicht. Sie bleibt und nervt und wortödet einfach 200 und noch ein paar Seiten lang weiter.

Nun kann man die Autorin ganz gut im Netz recherieren. Eine gut aussehende Frau irgendwo zwischen Patricia Kaas und Ute Lemper. Also hübsch, aber unsympathisch. Gut, es kann sein, dass man, wenn einem die Autorin ihre Geschichte live erzählen würde, schon alleine deshalb zuhört, weil man die Anwesenheit einer gut aussehenden Frau mehr schätzt als gute Unterhaltung. Weil man ein visueller Mensch ist, weil man geil und also geduldig ist oder weil man betrunken ist. Was auch immer.

Aber ein Buch liest man nun mal nicht in Anwesenheit der Autorin, ich bin ungeduldig und betrunken Bücher lesen ist eine ebenso schlechte Idee, wie ein Buch betrunken zu schreiben. Ju schafft es aber leider auch nüchtern nicht. Eine unendliche Abiturientinnenschulaufsatz-Katastrophe. Eine bräsige Litanei an Banalitäten und nicht enden wollenden bemitleidenswerten Selbstbespiegelungen, eingebettet in einen großen tiefflorigen Teppich, geknüpft aus Langeweile. Glauben Sie es ruhig: Absolut unvorstellbar, dass auch nur irgendjemand in der Lage wäre, diese „Erzählung“ rund um die Bartätigkeit einer Barfrau in Berlin zu Ende zu lesen, ohne dabei Seite für Seite mehr alle Hoffnung auf wenn schon nicht spannende, dann wenigstens unterhaltsame Literatur fahren zu lassen.

Wie originell!

Wer sich im Genre „Kneipenroman“ zu Hause fühlt, wer Fauser, Regener, Hanekamp – von mir aus sogar Jan Off oder Helene Hegemann – gelesen hat und in dem Wissen, dass da eigentlich nicht mehr viel hinzukommen kann, trotzdem aus alter Genre-Verbundenheit Ju Innerhofers „Die Bar“ gekauft und angelesen hat, wird „Die Bar“ nach ein paar Dutzend Seiten verlassen und lange auch in das Genre nicht mehr zurückkehren. Dieser Roman ist ein letzter schaler Drink, mitten hineingeschüttet ins verdutzte Lesergesicht.

Warum und worum geht es? Mia, so heißt die Protagonistin – studierte Medizinerin wie die Autorin selbst – und Barfrau in „Der Bar“, erlebt die letzte Saison einer angesagten Szene-Gastronomie mit großen Außenbereichen. Oder sind es nur Außenbereiche? Egal. Der Laden macht wohl zu (analog Tino Hanekamp erfolgreichem „So was von da“). Am DJ-Pult läuft jedenfalls ein Countdown, der die Tage herunterzählt.

Diese Mia arbeitet immer sonntags von Nachmittag bis Mitternacht, sofern der Schichtleiter sie nicht anruft und geringe Gästezahl meldet, dann geht Mia auf eigene Kappe in „Die Bar“. Mia hat zwei Freunde, mit denen sie in einer WG wohnt (WG-Analyse also analog Hegemanns „Axolotl Roadkill“). Ihre Mitbewohner heißen Jan und Victor und laufen ebenfalls ständig in der Bar herum. Das war es im Wesentlichen.

Obwohl halt. Die Langweile wird ungefähr ab Mitte Roman – die meisten Leser werden es sowieso nicht bis hierher schaffen, deshalb darf man es getrost verraten – noch von einer tödlichen Erkrankung Jans erfolglos reanimiert, der dann ungefähr den gleichen Todeskampfzeitraum eingeräumt bekommt, wie das Countdown-Sterben der Bar braucht. Wie originell. Sie meinen, das könnte vielleicht doch ganz spannend sein? Nein, ist es nicht. Jedenfalls nicht bei Ju Innerhofer.

Kein Stereotyp wird ausgelassen

Jeder, der beruflich einigermaßen erfolgreich schreibt, heißt, wer davon irgendwie notdürftig oder erfolgreicher seinen Lebensunterhalt bestreiten kann, kennt das: Mitmenschen die auch schreiben – also potenziell jeder, der eine Schule besucht hat – werden vorstellig mit einer Idee, einem losen Manuskript oder Höchststrafe: einem fertigen Roman. Nun ist es aber so, das Text erst dann wirklich unterhaltend und lesenwert wird, wenn zum allgemeinen Schreibvermögen, das jede Abiturientin mitbringen sollte, diese magischen letzten fünf Prozent hinzukommen. Da hilft auch keine Axel-Springer-Akademie, wie Akademie-Teilnehmerin Innerhofer eindrucksvoll beweist. Axel Springer hat die letzten fünf Prozent nicht im Köcher. Jedenfalls nicht für Ju Innerhofer.

Die Scheinwerfer gehen sogar erst dann an, wenn es darüber hinausgeht, wenn immer wieder Sätze überwältigen, schmerzhaft schön anklopfen im Oberstübchen, wie bei – weiß nicht – sagen wir mal: Nils Minkmar, Matthias Matussek, Ingeborg Harms, Florian Illies. Letzterer auch deshalb noch einmal mehr erwähnenswert, weil Illies wie Innerhofer ebenfalls von diesen Literaturagenten Landwehr & Cie vertreten wird und in der Online-Rubrik „Autoren“ nun die zweifelhafte Ehre hat, sich den Buchstaben „I“ mit Innerhofer teilen zu müssen. Einziger Verdienst für die – logisch – Berliner Agenten: Sie haben so die größtmögliche Distanz zwischen Genialität und Unvermögen, zwischen schreiben können und schreiben wollen, zwischen schreiben müssen und schreiben wollen, eindrucksvoll sichtbar gemacht.

Aber noch mal kurz zurück zur „Erzählung“, zurück in diese Jägermeister-, Koks- und Ketamin-Bar. Denn klar, dass das alles auch nicht fehlen darf. Kein Stereotyp wird ausgelassen. Von Innerhofer erfahren wir: „Es gibt im Berliner Nachtleben so einige, die nicht nur Alkohol konsumieren. Die meisten kombinieren ihn mit anderen Drogen.“ Von der ersten bis zur letzten Seite geht das so. Eine lose, öde Sammlung von Banalitäten rausgeschwätzt von einer Barfrau, die an alles erinnert, nur nicht an eine toughe Barfrau.

Zumindest wird das allen klar, die mal eine kennengelernt oder noch besser als Gastronomen beschäftigt haben. Wenn, wie die Kurzvita der Autorin im Buchdeckel suggerieren will, diese Ju Innerhofer tatsächlich mal drei Jahre im Nachtleben gearbeitet hat, dann macht es das alles nur noch schlimmer. Denn wenn die Autorin aus ihrem realen Erleben geschöpft haben will, dann beweist das einmal mehr, dass ihr die letzten fünf Prozent nicht vergönnt sind. Dieses Brillieren und Jubilieren – wenigstens mal einen verdammten kurzen Satz lang – über eine selbstreflektorische Abiturientinnen-Jungmädchen-Tagebuchseite hinaus, findet hier nicht statt. Null, Niente, Nothing. Will sich nicht einstellen. Fehlanzeige.

Was denkt man sich dabei?

Nun soll man nicht hämisch sein, wenn sich eine den falschen Job aussucht. Es gibt ja genug Menschen, die heute keine andere Wahl haben, wenn sie sich selbst und ihre Familie ernähren wollen. Da lügt man sich durch. Ju Innerhofer aber ist gelernte Medizinerin und noch hübsch genug, dass sie wohl bisweilen nebenbei modelt, wie eine Sed Card im Internet erzählt. Also großartige Alternativen, die dieses großartige Scheitern ihrer Autorenschaft nicht zur persönlichen Katastrophe werden lassen. Umso mehr muss man sich fragen, was dem Metrolit-Verlag eingefallen sein muss, so ein schlechtes Buch zu veröffentlichen: Noch dazu als Einstand! Immerhin hat dieses Verlagsformat ja Premiere.

Da ist man also angetreten mit so einer urbanen Mischung aus gescheitertem Berlin-Großkotzkonzept „Blumenbar“ und ganz tiefem Seitenblick auf die kontinuierliche Arbeit der guten Jungs des Mainzer Ventil-Verlags – so sieht das dann übrigens auch aus: wie eine Zwangsehe zwischen diesen beiden Polen, zwischen PR-Aufschneiderei und guter Verlagsarbeit der alten Schule (Ventil) – und dann schickt man eine hübsche Medizinerin mit Schreibambitionen ins Rennen, schmeißt sie auf den überladenen Pokertisch, als wär’s ein Royal Flush.

Was denkt man sich dabei? Glaubt man, der hochgepimpte Hype dieses neuen Verlages, der neuen Marke wird’s schon richten? Wird so abstrahlen, dass ein paar Tausend Verkäufe drin sein müssten? Immerhin ist es den Metrolit-Jungs auch noch gelungen, einen Auszug dieses misslungenen Buches bei „Welt Kompakt“ unterzubringen. Eine – ne, sogar zwei! – Seite Vorab-Langeweile erfolglos hochgetunt und aufgepeppt dann noch mit ein paar Sätzen Innerhofer-Interview. Es ist tragisch. So viel muss man wirklich sagen. Auch für die Autorin, die sich vielleicht sogar gut beraten wähnte und dann von Agenten und Verlag respektlos in dieses große Dilemma geschubst wurde.

Denn das ist eben auch eine große Kunst, die beide nicht zu beherrschen scheinen, wenn ihnen ein 175-cm- (Sed Card) Mädchen mit strahlend blauen Augen gegenübertritt und behauptet, sie hätte mal eine Weile als Barmädchen gearbeitet und für über 200 Seiten Erzählung Insiderwissen. Das allerdings kann man dann aber auch wieder als großen Erfolg ansehen. Als einen Innerhofer-Erfolg. Eine 95-Prozent-Barfrau verkauft einer 95-Prozent-Agentur eine 95-Prozent-Erzählung, welche die Agentur dann einem 95-Prozent-Verlag erfolgreich verkauft. Jetzt fehlen nur noch die 95-Prozent-Leser. Die sind allerdings im Moment noch hinreichend mit dem Bestseller „Von nix kommt nix“ beschäftigt, dieser immerhin einigermaßen unterhaltsam geschriebenen Biografie der Geissens, dieser „schrecklich galamourösen“ Millionärsfamilie.

Der Autor veröffentlichte bei Blumenbar und Ventil.

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