Weisheit ist begreifen, dass man nicht weiß, ob etwas schwarz oder weiß ist. Umberto Eco

Change is possible

Bald wird US-Präsident Barack Obama nach Berlin kommen. Unser Kolumnist Alexander Wallasch hat ihm im Vorfeld einen Brief geschrieben.

Dear Mister President Barack Obama,

wenn Sie morgen und übermorgen Deutschland besuchen, wünsche ich Ihnen, dass Sie über Ihre geladenen 4.500 Gäste am Brandenburger Tor hinweg trotzdem wahrnehmen werden, was man Ihnen von außerhalb der bewachten und abgeriegelten Bannmeilen zurufen wird: „Kehren Sie um: Change is possible, yes you can !“

Ich wünsche Ihnen, dass Sie hellhörig genug sein werden, die hoffentlich lautstarken Proteste engagierter Menschen in Berlin zu hören: „Kehren Sie um“ – zurück zu dieser magischen Aufbruchsstimmung, die Ihren Wahlkampf vor vielen Jahren begleitete, der den wählenden Amerikanern klarmachte, dass die Bush-Administration den Ruf Ihres wundervollen Landes der Freien und der Freiheit so nachhaltig geschädigt hat, wie es kaum ein US-amerikanischer Präsident, eine US-amerikanische Regierung zuvor vermochte.

Noch immer schauen Millionen mit Hoffnung nach Amerika

Und lieber Präsident Obama, es waren ja damals bei Weitem nicht nur die Menschen Ihres Landes, die einen Wechsel wünschten. Weltweit war eine Erleichterung spürbar, als der Wechsel vollzogen war. Jeder wahlberechtigte US-Amerikaner wählte damals für viele Menschen auf der Welt mit. Besonders für jene, in deren Ländern Freiheit und Menschenwürde noch nicht verwirklicht waren. Die unterdrückten und sprachlosen Völker und Menschen rund um den Erdball haben seit jeher eine große Sehnsucht nach dieser amerikanischen Leitkultur, auch wenn sie sie bisweilen anders benennen.

Und nein, es ist nicht wahr, dass Amerika heute überall auf der Welt gehasst wird. Das Gegenteil ist der Fall. Mit einer fast schon kindlichen Naivität schauen immer noch Hunderte von Millionen Menschen hoffnungsvoll auf Ihr Land und dessen Präsidenten. Wohin sollten sie auch sonst schauen? Es mangelt an Alternativen. Der Jubel und die Begeisterung, als Sie Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika wurden, hat das deutlich gemacht. Über alle Schatten und Düsternis ihres Vorgängers hinweg wurde klar: Es braucht nur einen, den man für aufrichtig hält und schon sind viele wieder allzu gerne bereit, die Werte Ihres Landes als Vorbild für die Werte der Welt anzuerkennen. Der Mensch braucht solche Vorbilder zu jeder Zeit.

Und dieser große Vertrauensvorschuss für Sie war nicht selbstverständlich. Das haben Sie verstanden, als Sie nach Ihrer Wahl erklärten, dass die Sicherheit von nun an nicht mehr über allen Idealen und nicht mehr über der Rechtsstaatlichkeit stehen darf. In Ihrer Antrittsrede 2009 sagten Sie, dass ab jetzt wieder die Hoffnung der Angst vorzuziehen sei. Sie haben diesen Appell zunächst an Ihre Landsleute gerichtet, aber viele Menschen weltweit beschlossen, Sie ebenfalls beim Wort zu nehmen.

Sehnsüchte und Hoffnungen der Menschen

Aus Europa fließen pro Sekunde fast 5.000 Gigabyte Daten in die USA. Wir vertrauen Ihnen. Wir müssen Ihnen sogar vertrauen, wenn wir weiter an der schnellen, modernen Kommunikation des 21. Jahrhunderts – an dieser wohl größten aller Erfindungen der Menschheit, einer amerikanischen Erfindung! – teilhaben wollen. Wir überantworten den Servern und Datenspeichern vieler privater Unternehmen in Ihrem Land private und vertrauliche Informationen in nie da gewesenem Umfang. Lassen Sie diese Daten schützen und missbrauchen Sie diese Daten nicht aus Sorge um Sicherheit oder aus schnöder Gewinnsucht. „Change is possible, yes you can!“

Wenn Sie mit Ihrer Air Force One in der Welt unterwegs sind, treten Sie als Verfechter der Freiheit auf. Damit meinen Sie, wie Sie mehrfach betonten, auch die Freiheit des Internets. Aktuell aber arbeiten Tausende Ihrer Spezialisten und Techniker an geheimen, gigantischen Überwachungsprogrammen, um die Sie jede Diktatur und jeder totalitäre Staatsapparat auf der Welt beneiden wird. „Change is possible, yes you can!“

Sie formulierten die Sehnsüchte und Hoffnungen der Menschen in Ihrem Land und wie selbstverständlich für die ganze Welt. Und Sie waren nichts weniger als angetreten, sie step by step zu erfüllen. Aktuell haben Sie es eiliger und wollen die Idee der Freiheit dem syrischen Volk per F-16-Jägern aus der Luft zukommen lassen. Aber es gibt auf der Welt keine Sehnsucht nach ihren F-16-Jägern: ebenso wenig wie nach Ihrem globalen NSA-Überwachungsapparat. „Change is possible, yes you can!“

Wir sind in Deutschland aufgewachsen mit der Gewissheit, auf der Seite der Guten zu stehen. Auf der Seite der Freiheit, der Menschenrechte, der gelebten Individualität und eines unverrückbaren Schutzes auch der Rechte von Minderheiten. Jenseits der Mauern und Stacheldrahtverhaue stand der Feind. Das Amoralische, das Böse, die Unfreiheit. Und wir sind ebenso fest wie naiv davon ausgegangen, dass das Festhalten an unseren Werten, an amerikanischen Werten, den Unterdrückten in diesem Dunkel Hoffnung gibt.

Und wir haben verinnerlicht, dass wir als freies Volk die Aufgabe und die Pflicht haben, unsere Regierenden, also quasi die Verwalter unserer US-amerikanisch geprägten freien Gesellschaft, jeden Tag aufs Neue daran zu erinnern, was ihre Aufgaben sind. Im Zweifel haben wir in der Zeit zwischen den Wahlen eine Gegenbewegung, eine Gegenöffentlichkeit geschaffen, die den ihr von uns gegebenen Handlungsrahmen wieder einschränkt. Unsere Gesellschaft hat dieses zähe Ringen ausgehalten. Die Freiheit ist sogar gestärkt aus diesen Machtkämpfen hervorgegangen. Wir sind also über viele schmerzliche Etappen von 1945 bis heute zu selbst denkenden Musterschülern geworden. Musterschüler allerdings, die nicht nur die besseren Demokraten geworden sind als ihr Lehrmeister, sondern auch einen Wohlstand erwirtschaftet haben, um den uns heute die Welt nicht nur beneidet, sondern oft auch davon profitiert.

Stolz & dankbar

Lieber Präsident Barack Obama, Deutschland hat nach der Nazi-Diktatur wie kein anderes Land auf der Welt Ihren „American Way of Life“ verinnerlicht. Wir haben – und das gilt im Prinzip auch für weite Teile Europas, denn auch die anderen Staaten des alten Kontinent haben sich von der Begeisterung für die Werte Ihres Landes anstecken lassen – Ihre Werte zu unseren Werten gemacht und stehen, wie beispielsweise eine aktuelle BBC-Studie ermittelt haben will, in der Beliebtheitsskala der Menschen auf der Welt an erster Stelle. Darauf sind wir stolz. Und dankbar.

Nostalgisch könnte man sagen, wir sind zu einem perfekten Botschafter der amerikanischen Idee von Demokratie und Freiheit geworden. Wenn wir nun an diesen Werten festhalten, dann wissen wir, warum, wissen, dass es sich lohnt. Und wir sind bereit, für diese Werte zu werben. Deshalb rufen wir Ihnen und Ihrer Regierung zu: „Change is possible, yes you can!“

Ihre Vorgänger-Regierung hat nach 9/11 einen Dauernotstand ausgerufen, ein Kriegsrecht. Beenden Sie jetzt diese Spirale eines auf monströse Weise anwachsenden Kriegs- und Überwachungsapparats und besinnen Sie sich wieder auf Ihre wirkmächtigste und eindrucksvollste Waffe, die Ihre Nation so groß gemacht hat und scheinbar aus dem Nichts heraus Vorbilder wie die Bundesrepublik Deutschland schaffen konnte: Werte, die von Freiheit und Menschenrechten erzählen und die in Ihrer Verfassung verankert sind. „Change is possible, yes you can!“

Aktuell sind die massiven Destabilisierungen, das Elend, die Toten und die Hoffnungslosigkeit der Menschen in Nordafrika und im Nahen Osten Ergebnis einer Abkehr von diesem uramerikanischen Erfolgsmodell. Selbst in den niedergerungenen Staaten, im Irak, in Afghanistan und demnächst in Syrien wird es keine neuen Satelliten der Freiheit nach US-amerikanischen Vorbild mehr geben, weil Sie Ihre Vorbildfunktion verloren, verschenkt und weggebombt haben. „Change is possible, yes you can!“

Aber es ist nicht zu spät. Schauen Sie beispielsweise in die Türkei. Nehmen Sie die aktuelle Entwicklung dort zum Anlass, wieder an Ihre eigenen Werte zu glauben. Die Hoffnung der Menschen dort wird gespeist von den besten und wirkmächtigsten Waffen der Welt: Aber diese unblutigen Waffen sind auch die gefährdetsten überhaupt, solange Sie es als amerikanischer Präsident zulassen, dass US-amerikanische und internationale Interessengruppen diese Werte torpedieren und systematisch unterwandern und aushöhlen wollen. Ihr ärgster Feind saß nicht in Tripolis und sitzt auch nicht in Damaskus, er agiert direkt aus Ihrem Wohnzimmer heraus. Und er souffliert Ihnen eine Gewaltspirale, die zerstört, was Ihre Vorväter so mühsam in die Welt gesetzt haben: den Glauben an Freiheit und Gerechtigkeit.

Lieber Barack Obama: „Return to yourself“.

Ps.: Jetzt mal schauen, ob sich nicht doch noch ab morgen in Berlin ein paar nicht abgeriegelte Plätze für ein paar Tausend Menschen finden lassen, die Ihnen lautstark und unüberhörbar zum Brandenburger Tor hinüberrufen werden … Sie wissen schon: „Change is possible …“

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Wallasch: Wachablösung für Maxim Biller

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