Der intrinsische Erkenntnisdrang der Forscher mag einem abgeklärten Journalisten fremd sein. Andrea Kamphuis

Katholischer Eiertanz

… und Martin Lohmann hat doch recht! Er ist der wahre Katholik und jener Amboss, den eine echte Diskussion braucht.

Alles bestens in diesem Deutschland 2013! Könnte man tatsächlich annehmen, wenn man die Debatten im angebrochenen ersten Quartal dieses Jahres anschaut. Denn es ist doch wunderbar, dass wir anscheinend keine anderen Sorgen haben, als Sexismus zu erkennen, wo gar keiner ist, „Antisemitismus“ zu schreien, wo einer nur seine legitime Meinung sagt, und jetzt brandaktuell „die Pille danach“ zu fordern, wo es doch eine davor längst gibt.

Gut, Sie merken schon, ich bin zynisch unterwegs. Letzteres Beispiel bezieht sich nämlich auf eine madige Debatte, die sich am Katholiken Martin Lohmann entzündet hat, der – so empfinden es jedenfalls mittlerweile die meisten – die Frechheit besessen hatte, seine Kirche ernst zu nehmen, sie beim Wort zu nehmen. Und diese Worte so klar zu formulieren, dass sich sogar ein Kardinal Meisner, der es von Amts wegen doch besser wissen müsste, hinter ihm verstecken müsste. Nicht allerdings, ohne dem sturen studierten Aloisius-Kollegiaten aus dieser Hintertür-Position derbe ins Kreuz zu treten, in dem er sich von Lohmann distanziert und damit einen weiteren Ausfallschritt weg von seiner traditionellen katholischen Kirche unternommen hat.

So weit, so gruselig

Aber was war da im Vorfeld geschehen? Gut, die Sache ging ja durch die Presse: Am 15. Dezember 2012 wurde eine 25-Jährige mit K.O.-Tropfen sediert, wohl zum Zwecke einer Vergewaltigung. Um eine Schwangerschaft aus diesem kriminellen Beischlaf auszuschließen, entschied sich die übel Gepeinigte für die „Pille danach“. Sie bekam zwar das Rezept von der Notärztin, aber an zwei katholischen Krankenhäusern hintereinander wurde ihr die in so einem Fall begleitend dringend nötige medizinische Untersuchung und Spurensicherung verweigert, deren Aussagewert mit jeder Stunde nach der Tat geringer zu werden droht.

So weit, so gruselig. Und dieses große Gruseln zwang nun einen Kardinal Meisner zur Stellungnahme. Zumindest fühlte er sich wohl gezwungen – die Kirche scheint dünnhäutiger geworden – und äußerte sich folgendermaßen:

„Was im Dezember des vergangenen Jahres einer jungen Frau in zwei katholischen Krankenhäusern widerfuhr, hätte nie geschehen dürfen: Sie suchte Hilfe in großer Not und fand keine Aufnahme. Dieser Vorgang beschämt uns zutiefst, denn er widerspricht unserem christlichen Auftrag und Selbstverständnis.“

Aber es sollte noch dicker kommen. Kardinal Meisner beriet sich anschließend noch mit „Fachleuten“ über die Verordnung der „Pille danach“ und kam zu folgender Einschätzung aus seiner katholischen Sicht:

„Wenn nach einer Vergewaltigung ein Präparat, dessen Wirkprinzip die Verhinderung einer Zeugung ist, mit der Absicht eingesetzt wird, die Befruchtung zu verhindern, dann ist dies aus meiner Sicht vertretbar. (…)Wenn ein Präparat, dessen Wirkprinzip die Nidationshemmung ist, mit der Absicht eingesetzt wird, die Einnistung der bereits befruchteten Eizelle zu verhindern, ist das nach wie vor nicht vertretbar, weil damit der befruchteten Eizelle, der der Schutz der Menschenwürde zukommt, die Lebensgrundlage aktiv entzogen wird.(…) Dass das Abgehen befruchteter Eizellen auch ganz natürlicherweise ohne menschliches Zutun geschieht, berechtigt einen Menschen nicht dazu, diesen natürlichen Vorgang aktiv zu imitieren. Denn die Beendigung eines Menschenlebens durch die Natur nennt man ein Naturereignis. Dessen absichtliche Imitation nennt man Tötung.“

Unchristliches Sodom und Gomorra

Verstanden werden sollte diese Kardinalseinschätzung als klare Handlungsanweisung für katholisch-medizinische Einrichtungen: „Die Ärzte in katholischen Einrichtungen sind aufgefordert, (…) sich in ihrem ärztlichen Handeln an den oben genannten Prinzipien auszurichten.“

Kardinal Meissner ist ja sonst Hüter des Glaubens und normalerweise die Hassfigur der lärmenden Talkshow-Demokratie. Hier hat er eine christliche Position mit einiger Spitzfindigkeit moraltheologisch abgesichert. Das ist natürlich Nonsens. Denn was für eine intelligente Pille soll das sein, deren chemische Kampfstoffe auf dem Weg zur Gebärmutter selbstständig in der Lage sind, zu erkennen, ob das zu bekämpfende Ei nun schon vom Vergewaltigersperma erreicht wurde oder nicht. Und das erkannte der Katholik Lohmann sofort. Und er reagierte, indem er in Talkshows erklärte, dass es diese vom Kardinal beschriebene Pille ja noch gar nicht gäbe, die geläufige „Pille danach“ also weiterhin nicht mit der katholischen Lehre vereinbar wäre.

Das Problem jetzt: Dieser tatsächlich unsympathisch auftretende Lohmann – aber für seine Physiognomie in Talkshows kann er zunächst nichts – hat also aus katholischer Sicht recht. Und er ist eben nicht dem Eiertanz des Herrn Kardinal auf den Leim gegangen. Denn was für ein Quatsch ist es auch, zu diskutieren, ob das Ei nun befruchtet ist oder nicht? Für die Betroffene spielt das im Übrigen überhaupt keine Rolle. Das sollten auch die Katholiken Jauch und Lanz wissen, die Lohmann gerade in ihren populistischen Tribunalen verheizt haben.

Und wer nun annimmt, der Kardinal hätte hier mal ein Zeichen von Christlichkeit und Nächstenliebe gesetzt, liegt falsch. Denn das hieße ja, der gute Mann wäre über das Allgemeingültige – sprich über das unchristliche Sodom und Gomorra – hinausgegangen. Tat er aber gar nicht. Er geht höchstens – wenn überhaupt, dann – ein Stück weit über das Katholische hinaus. Aber dazu gleich. Denn hinzu kommt ja noch, dass eine Vielzahl von Vergewaltigten erst viel später feststellt, dass sie überhaupt schwanger geworden sind. Das sind die, die von einer Anzeige, z.B. aus Sorge und Angst, absehen. Denen verbietet der Kardinal und die katholische Kirche eine Abtreibung sowieso, die ja bis zu einem bestimmten Zeitpunkt regulär bzw. säkular straffrei längst möglich ist.

Nicht das ewige Gewäsch der Kirchenleute

Nochmal: Lohmann hat recht. Meisner hat Unrecht. Das macht natürlich keine der Positionen angenehmer. Es verdeutlicht nur, dass Lohmann der bessere Gesprächspartner ist, weil er das, was er glaubt, auch mit dem nötigen Feuereifer vertritt. Er macht sich streitbar. Und gerade diese konsequente Haltung ist die wahrhaft streitbare. Nicht das ewige Gewäsch der Kirchenleute, die in fast zwei Jahrtausenden der Missionierung noch jede säkulare Haltung, jeden gesellschaftlichen Konsens erfolgreich assimiliert haben.

Und das macht ja während einer Missionierungskampagne durchaus Sinn, mal rein auf den Erfolg einer solchen Schweinerei schauend. Nun ist aber Europa längst katholisch ausmissioniert. Die christliche Missionsarbeit liegt hierzulande fast ausschließlich in den Händen der neuen Freikirchler. Die sind dann auch in ihrem Grundverständnis so sektiererisch, unerbittlich und radikal, wie es die katholische Kirche zu ihren besten Missionierungszeiten war.

Der Sinn und Zweck von Assimilierungen ist also weggefallen für die katholische Kirche. Jetzt sollte es der Kirche darum gehen, ihr Profil zu schärfen. Ihre Traditionen wiederzuentdecken, wiederzubeleben und Leitbild zu werden für die wenigen, die diesem Leitbild noch folgen wollen. Sonst gehen auch die verloren. Das scheint ohne Zweifel die Sorge des Katholiken Lohmanns zu sein. Eine berechtigte Sorge im Übrigen!

Die Zeiten sind so schnelllebig geworden, Veränderungen in rasendem Tempo. Werte, so sie überhaupt noch vorhanden sind, zerfleddern immer weiter und werden nicht mehr durch allgemeingültige neue ersetzt. So ist es faktisch einfach richtig, dass Traditionalisten der katholischen Kirche die progressiveren Christen sind, denn sie werden in Zukunft die Bewahrer des Glaubens sein. Man könnte es frei und modern eine katholische „Retro“-Bewegung nennen.

Aber Lohmann ist kein Kardinal. Und die deutschen Kardinäle schielen nach wie vor nach dem gesellschaftlichen Konsens, wo Gesellschaft als Gemeinschaft von Menschen gleicher Werte heute kaum noch zu dechiffrieren ist. Welche Werte sollten das auch sein? Längst sucht sich jeder heraus, was ihm beliebt, was mit seinem individuellen Umfeld am besten in Einklang zu bringen ist.

Kardinal Meisner ist ein Facebook-Katholik

Ja, Lohmann ist der bessere Mann für die Sache der Kirche. Und dieser Kardinal Meisner ist – ja, es klingt was widersinnig – so sehr Mainstream, das man sich wundert, dass sich das Kirchenvolk nicht noch viel mehr erschreckt über ihre Führer. Denn diese Haltung kennt man aus weltlichen Diskussionen zu fast jedem beliebigem Thema. Denjenigen, der heute noch mutig genug ist, eine Haltung klar offenzulegen, kann man mit der Lupe suchen.

Hinzukommt nun noch eine Facebook-Generation, die noch weniger eine klar abgegrenzte Haltung zeigt. So gesehen ist Meisner fast schon ein Facebook-Katholik, einer der schaut, was die Community denkt und dann reagiert, in der Annahme, damit die meisten Likes abzuschöpfen.

Lohmann wird nicht gelikt. Und er scheint da auch keinen Wert drauf zu legen. Gut so. Das macht ihn streitbar. Das macht ihn zum interessanteren Gesprächspartner. An diesem Mann möchte man seine antichristliche Grundhaltung aufrichten. Mit diesem Mann lohnt es noch, ins Gespräch zu kommen. Er ist der Mann der Kirche. Auch wenn diese Kirche so in die Katakomben zurückgebombt werden würde. Sie würde dort immerhin mit erhobenem Haupt landen. Und das hat sie verdient, so sehr man auch mit dem Verein hadert.

Also um nicht missverstanden zu werden, ich bin kein Christ. Und ich weiß, dass die Kirche nie mehr die Macht haben wird, etwas so Segensreiches wie die „Pille danach“ zu verbieten. Aber ich respektiere es, wenn sie dazu eine Haltung hat. Ihre Haltung. So wie die Haltung eines Vegetariers gegen Schlachthäuser akzeptiert wird auch von manchen Fleischfressern.

Ich habe es einfach satt, mit feigen Schwämmen zu diskutieren. Da ist mir so ein Amboss wie Lohmann einfach deutlich lieber.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Wallasch: Wachablösung für Maxim Biller

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Katholische-kirche, Frauenrechte, Katholizismus

Kolumne

Medium_ef2be7c711
von Wolfram Weimer
07.06.2016

Debatte

Vergewaltigung: Fragwürdige Neuregelung

Medium_b6c0e02947

Frauen wehrt Euch gegen Mütterchen Staat!

Mit neuen Gesetzen will die Regierung Frauen besser vor Vergewaltigung schützen. Doch erstens ist fraglich, ob das nötig ist, und zweitens: wo bleibt die gesellschaftliche Eigenverantwortung? weiterlesen

Medium_3f82112c30
von Sabine Beppler-Spahl
10.12.2014

Kolumne

Medium_0d97a5631f
von Julia Korbik
06.12.2014
meistgelesen / meistkommentiert