Soziale Isolation und Ungleichheit sind völlig außer Kontrolle geraten. Kumi Naidoo

Hot Chocolate Apokalypse

Das neue Buch von Matthias Matussek überrascht, denn der Zorn des Autors scheint verflogen. Der Roman „Die Apokalypse nach Richard“ ist ein seltenes und gutes Buch. Es könnte sogar geeignet sein, mehr Menschen für den Glauben zu vereinnahmen, als die vielen Glaubenssätze in Talkshows.

War Matthias Matusseks „Das katholische Abenteuer“ noch „eine Provokation“, ein Aufschrei, die Abrechnung eines Beleidigten, eines Katholiken, der es einfach satt hatte, für seinen Glauben in einem Diesseitsdeutschland angepöbelt oder schlimmer, ausgelacht und verhöhnt zu werden, ist dieser Roman, diese Novelle, eine unerwartbare Überraschung. Ein Attentat der Sanftheit und literarisches Überfallkommando: erzählend, mitreißend, von einer Intensität und – ja, doch – Liebe, wie sie wohl nur ein Wortbesessener auszuformulieren in der Lage ist.

Es gibt eine Vorgeschichte

Bevor wir gleich zu „Die Apokalypse nach Richard. Eine festliche Geschichte.“ kommen, muss aber die Vorgeschichte dazu erzählt werden; müssen die ganze Aufregung, die vielen Matussekschen Talkshowauftritte und natürlich auch aktuell die religiöse Aufgeladenheit des Weltgeschehens im 21. Jahrhundert mitgedacht werden. Matussek hatte sich nach „Vaterlose Gesellschaft“ und „Wir Deutschen“ 2011 mit „Das katholische Abenteuer“ sehr persönlich und sehr laut auf der Debattenbühne zurückgemeldet. Was würde als nächstes kommen? Kann da überhaupt noch was kommen, oder war der gute Mann am Ende ausgebrannt infolge der ganzen Aufregung? Denn klar ist auch: Wer provoziert, erwartet Empörung. Und die Weißglut kam. Aber vielmehr noch von den wechselnden Talkshow-Mitdiskutanten als von Kollegen – da gilt bei manchen wohl doch noch die Krähenloyalität.

Vielleicht ist es das zufällige Verdienst eines Michael Angeles, zur Schnittstelle zu Matusseks neuestem Werk zu werden. Denn der beendete in „Der Freitag“ seine Rezension über „Das Katholische Abenteuer“ so: „Neben einem gewinnenden Porträt des Vaters, kann einem schon anrühren, wenn Matussek von seinen Kirchgängen erzählt.“ „Anrühren“ ist das Stichwort, wenn man sich demnächst bei einer Tasse heißem Kakao in dieser christlichen oder verweltlichten – ganz egal – Vorweihnachtsstimmung aufs gemütliche Sofa legt und „Eine festliche Geschichte“ zur Hand nimmt. Man sollte also idealerweise in so einer Anrührstimmung sein, wenn das Buch funktionieren soll.

Die äußere Form von „Die Apokalypse nach Richard“ erinnert an Dickens „Christmas Carol“. Denn auch bei Matussek steht der goldbraun gebackene Truthahn im Zentrum (Der knusprige Vogel ziert als Motiv sogar den Buchdeckel.). Und ist ein Bekenntnis zum Wunder. Dieser wohl zutiefst menschlichen Sehnsucht. Nun haben wir Wunder allerdings aus unerfindlichen Gründen an Hollywood und die Popindustrie delegiert. Die Figuren Matusseks erzählen eine ganz andere Geschichte. Jene, die besagt, dass wir paradoxerweise mitten in einer Welt voller Wunder leben, ohne dass wir dafür den Schlenker nach Mittelerde bräuchten.

Subtile Wunder freilich. Eines besteht zum Beispiel schlicht darin, dass diese verstreute Familie, um die sich in der Novelle alles dreht, an Weihnachten auf wundersame Weise wieder zusammenfindet. Diesen weihnachtlichen Magnetismus kennen auch Nichtkatholiken. Aber ist das tatsächlich schon ein Wunder oder nur wundersam? Mal schauen.

Matussek führt einfühlsam – und genau: auch anrührend – die Einzelschicksale dieser vereinzelten Menschen zu einer Familiengeschichte zusammen. Zum großes Wiederfinden. Zum Wiederentdecken. Weihnachten wird also tatsächlich wie bei Dickens das Fest der Familie. Und alle entdecken, dass Blut dicker ist als Wasser. Dass Familie über alle leidigen Diskussionen, Provokationen und sogar Weltstimmungslagen hinweg doch das Wichtigste bleibt. Fast möchte man ahnen, Matussek sendet hier auch eine liebevolle Botschaft an Verwandte aus. An seine vielen Brüder und deren Familien, die er schon in „Das katholische Abenteuer“ beschreibt und davor auch in seiner Autobiografie „Als wir jung und schön waren“.

Aber keine Sorge, die Sache ist kaum kitschig. Sie hat auch wilde poppige Elemente: „Die Apokalypse nach Richard“ ist stellenweise eine brodelnde Walker-Percy-Geschichte, dieser abgebrühte Heavy-Metal-Katholik, dieser irre Dichter, der mit „Liebe in Ruinen“ diesen Sci-Fi-Thriller über eine verwilderte amerikanische Endzeit geschrieben hat. Ein Katholik auf Speed.

Also findet der crazy Amerikaner auch seinen Platz in Matusseks Buch: „Walker Percy schrieb einmal, er gehe nicht in die Kirche, um Trost zu finden, sondern um mit seinem Schöpfer zu reden. Wenn er sich trösten wolle, würde er vögeln.“

Der Zorn scheint verflogen

Eine weitere Innenansicht dieser nichts destotrotz zutiefst katholischen Arbeit ist ein Facettenreichtum des Glaubens: Jedes der einzeln vorgestellten Familienmitglieder spielt eine eigene Glaubensvariante durch. Hauptfigur Richard (Großvater) ist eisern festgefügt in seinem Glauben. Aber altersmilde ökumenisch und nicht mehr so streng wie früher. „Richard hatte nie Probleme mit Wundern gehabt. Er lebte mit einem Bein in einer Welt der Mysterien, Wunder gehörten für ihn zum Alltag. Für ihn konnte alles die Gestalt eines Wunders annehmen, jeder neue Tag war eines. Seine Frau Waltraud war eines. Gottes Schöpfung war ein Wunder, für das er in diesen letzten Jahren immer dankbarer wurde.“

Die Figur Richard wird zuerst eingeführt. Etwas statisch noch, fast so als würde sich Matussek über Richard noch einmal katholisch vorstellen, um alle Zweifel oder sogar Selbstzweifel auszuräumen. Ein Schnelldurchlauf durch „Das katholische Abenteuer“. Aber über die paar Seiten lässt sich locker hinweggehen. Und es lohnt. Schon die ersten Hamburg-Beschreibungen versöhnen auch Nicht-Katholiken. Wunderbar die Kirch- und Spaziergänge mit Bildern, wie einem milden LSD-Trip entnommen. „…und dann trat Richard wieder auf die Straße, und die Welt hatte sich verändert. Sie war still geworden und blendend hell. Blauer Himmel. Kobaltblau. Schmerzhaft blau. Unwirklich. Ein Stich ins Violette. Ein Blau, wie man es nur auf LSD-Trips sieht, oder in Visionen, die moderne Kirchenkünstler, die LSD werfen, auf ihre Pfingstbilder malen.“

Der Zorn aus der letzten großen Debatte scheint also bei Matussek verflogen. Und wird ersetzt durch etwas, das seitenweise an eine öffentliche Beichte oder Selbstanalyse – je nachdem auf welcher Seite des Ufers der Leser steht – erinnert. Aber nie unsympathisch: Roman (Richards Sohn) „war klar, dass er in der Redaktion als Sonderling galt. Als schwierig. Früher war er als Reporter durch die Welt gefahren und hatte genau das geliefert, was alle wollten, all diese bunten und halbgescheiten Geschichten mit diesem amüsierten Blick von oben. Oder ganz dicht dran. Er war prämiert worden und hatte Karriere gemacht, war zum Chefreporter gemacht worden, und plötzlich, vor rund drei Jahren, war ihm alles fade geworden.(…)“ Matussek hadert also. Aber das liegt eben einfach in seiner komplizierten Natur: „Wie konnte er diesen Beruf je ernst nehmen. Wieso hatte er nichts Ordentliches gelernt. Bäcker zum Beispiel oder Ingenieur.“

Roman ist also zweifelsfrei Matusseks Alter Ego. Dieser katholische Lenin ist streitlustig verbohrt, fiebernd, fast asozial. Ein katholischer Kiffer, der mit allen über Kreuz liegt, der sogar davon überzeugt ist, dass das „Katholische die einzig mögliche Widerstandsform“ ist. Ein Rebell. Marihuana-Opus-Dei.

Nick, Richards Enkel ist am besten umschrieben als eine Art postmoderner Pantheist. Der Junge glaubt an Drachen und Mangas. Sein Glaube ist exotisch und esoterisch. Vielleicht liegt es daran, dass es selbst in seinem Internat keinen Altar mehr in der Krypta gibt, sondern eine Wellness-Oase für Meditationen mit Kristall in der Mitte.

Dann ist da noch die volksfromme Waltraud, Richards Frau: Und wer Matussek aus Facebook kennt, fühlt sich nicht nur an dessen Frau, sondern auch an seine katholischen Verehrerinnen erinnert, die gemeinhin friedlich mit den restlichen 4999 „Freunden“ koexistieren, aber bei Angriffen auf MM, wie Matussek bei Zuckerberg genannnt wird, schon mal unangenehm schrill werden können. Waltraud legt viel Wert auf äußere Riten. Sie ist natürlich Gansbratenkönigin, betet, pflegt ihre Krippe aus Naturstein, den Baum mit den symmetrischen Lammettafäden und lebt ihren Glauben so direkt, wie sonst keine der fein gezeichneten Figuren.

Ja, das Lesen dieses Buchs macht Spaß. Das Finale, das hier nicht verraten werden soll, ist, was man so „Kino vom Feinsten“ nennt. Wer sich von Zitaten aus Hollywoodkatastrophenfilmen abgeholt fühlt, kommt also ebenso auf seine Kosten, wie der intime Kenner der Prophezeiung des 2. Petrus-Briefes. Wie man überhaupt sagen kann, dass hier eine Filmvorlage bereit liegt. Dialoge seitenweise. Wörtliche Rede wie vorbereitet für die Drehbuchadaption. Nein, Journalisten sind normalerweise keine Meister dieser direkten Aussprache. Es gibt das Interview und die Reportage. Die Kunstform dazwischen ist der buchschreibenden Journaille fremd. Wer Bücher von Journalisten liest, findet in Dialogen nicht selten die Schwachstelle. Oder sie werden von den routiniert perfektionistischen Beschreibungen einfach zerdrückt. Matussek hingegen beherrscht die Wiedergabe wörtlicher Rede. Das Ping-Pong scheint ihm sogar richtig Spaß zu machen.

Perfide Missionierung

Klar finden sich Elemente aus „Das katholische Abenteuer“, aber in einer Leichtigkeit, die erheitert, statt zu provozieren, die nachdenklich stimmt, statt wütend zu machen. Kurz gesagt: Die mehr das Herz aufwühlt, als das Hirn martert. Dass dann auch noch ein chinesischer Papst auftaucht, ist natürlich ein großer Spaß für den Benedikt-verliebten Matussek. Und da kann man auch als kirchenferner Mensch mal mitschmunzeln. Und nur um jetzt keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, die Sache ist von dieser Welt. Tarantino-Film, türkischstämmige Kinder Grüner Abgeordneter, Nicholas Sparks – alles dabei.

Die „Apokalypse des Richard“ ist ein „heißer Kakao-auf-dem–Sofa“-Leseerlebnis. Und wieder mal ein guter Grund, allein sein zu wollen. Nicht aus Enttäuschung über andere, sondern mit einem breiten Grinsen auf den Lippen über den neuesten Streich des Journalisten. Eine Aufforderung muss allerdings angefügt werden: Matthias Matussek, also mal ehrlich: Schreiben sie nur noch Romane. So

500-Seiten-Dinger, die aus den Schuhen hauen. Sagen Sie doch alle nervigen Talkshows ab. Und überlassen Sie die Verteidigung Ihres geliebten Glaubens nun denen, die noch nichts dazu gesagt haben. Dieses Buch könnte nämlich geeignet sein, mehr Menschen für Ihre Sache zu vereinnahmen, als es all Ihre Glaubenssätze in Talkshows vermögen.

Ein seltenes Buch. Ein gutes Buch. Und ich weiß nun allerdings als Atheist und trotzdem bekennender Matussek-Fan nicht, ob ich mich darüber freuen oder ärgern soll. Das war bei „Das Katholische Abenteuer“ noch klar einzuordnen. Hier könnte es einen kleinen Moment lang gefährlich werden für uns. Denn „Die Apokalypse nach Richard“ missioniert in der perfidesten Form. Ach was soll’s: Schwamm drüber.

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Alexander Wallasch: Die Heimlichtuer

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