Wir brauchen mehr Arbeitsplätze, nicht mehr Druckmittel gegen Arbeitslose. Heinrich Franke

Deutscher Sohn

Es ist nicht lange her, da lief die Grenze quer durch Deutschland – unser Kolumnist schreibt kurz vor dem Tag der Deutschen Einheit über die Teilung des Landes.

Folgende Ausschnitte sind Erinnerungen, die Toni hat, als er mit einem ehemaligen Kriegskameraden einen Ausflug von Braunschweig ins nahe Halberstadt unternimmt:

„Zonenrandgebiet. Ich erinnere mich an Ausflüge mit den Eltern an den innerdeutschen Grenzstreifen. Die Straße hörte einfach irgendwo im Nichts auf. Das Nichts war ein Feld oder ein schäbiges Stück Wald. Die scharfe Warnung der Eltern: ,Ab jetzt halten wir uns fest an den Händen. Die da drüben haben Selbstschussanlagen und Hunde.‘ Eindringliche Botschaften, denen an den Aussichtspunkten noch mit mannshohen, mehrsprachigen Schautafeln Nachdruck verliehen wurde.

Sonntags waren die Grenzgucker-Parkplätze besetzt bis auf die letzte Bucht. Schlange stehen also auch im Westen. Aber wenigstens Drive-in. Mütter packten Lunchpakete aus, und aus den Autoradios der am Vortag waschanlagen-polierten Golfs und Passats schallte Rio Reisers ,König von Deutschland‘ bis weit hinüber in den streng bewachten Osten. Durch Vaters Leica-Fernglas sah man im Herbst den Atem der Schäferhunde. Gespenstisch echt. Angeleint hinterm Zaun an langen Laufleinen. Aber fast noch eindrucksvoller waren die Soldaten auf dem kurzen, gedrungenen Turm – so grün wie meine kleinen Plastikkämpfer zu Hause –, die bewegten sich kaum. Einer schaute meistens unentwegt durch einen Feldstecher zu uns rüber, und ein zweiter telefonierte. Da drüben war Schluss mit lustig, das war einem sechsjährigen Zonenrandgebietsbewohner schnell klar. Da wohnten die Kommunisten, die gierig nach unserer Freiheit schielten. Nicht für sich selbst, sondern bloß aus Missgunst: um sie uns wegzunehmen.

Freiheit statt Sozialismus

Freiheit statt Sozialismus. In unserem Keller hing es schwarz auf weiß hinter der Werkzeughakenwand. Unter den Schraubenziehern: ,Aus Liebe zu Deutschland‘. Hinter Hammer und Rasentrimmer: ,Freiheit statt Sozialismus‘. Hinter den Schraubzwingen: ,Sicher sozial und frei. CDU‘. Vielleicht wirklich einfach nur, um die dreckige Rückwand zu verdecken, oder weil Dad die Plakate wutschnaubend vom Laternenmast vor dem Haus abgerissen hatte, sich aber nicht traute, sie vor den Nachbarn wegzuschmeißen.

Für meine Eltern war das, was bürokratisch und emotionsarm Zonenrandgebietsförderung hieß, nur ein schwacher Trost. ,Dahinten lag der Feind, und wir hatten nichts zu fressen als rohe Kartoffeln‘, sagte Großvater und streckte den Arm aus Richtung Osten. Im Keller des Kriegsgegners stapelten sich Landserhefte. Kriegserinnerungen im Perry-Rhodan-Format.

Selbstschussanlage, Kalaschnikow und Minengürtel: Das war damals unser Wilder Westen. Wir spielten den ganzen Tag draußen mit den Nachbarskindern Deutschland und DDR. Ich war natürlich am liebsten DDR, das war abenteuerlicher. Aber es wurde ausgelost.

Drüben lebten auch Menschen, Deutsche sogar. Zu Weihnachten schickte man Massen von Paketen, vollgestopft mit Kaffee, Schokolade und Zitronen, an die Ostverwandtschaft, für die wir regelmäßig mit einem neuen Satz Erzgebirgsfiguren und Salzwedler Baumkuchen belohnt wurden. Unser Weihnachtstisch war jedenfalls mit Massen von Chorsängern und Engelsscharen bedeckt. Für Mutter und Vater ,viel zu teuer bezahlt das Schnitzzeugs, wenn man bedenkt, was die Großeltern den undankbaren Genossen alles liebevoll in die Päckchen gesteckt haben‘.
Als ich acht Jahre war, fiel die Mauer in Berlin. Wir mussten hier noch einige Wochen und Monate länger warten: So eine Mauer fällt leichter als ein doppelt und dreifach gesicherter und verminter Grenzzaun. Hatten die in Berlin keine Minen, oder wurden sie noch zu DDR-Zeiten still und heimlich entfernt?

Der Tauschhandel blühte

Jetzt fuhren wir an Sonntagen nicht mehr Grenze gucken, sondern weiter über Wolfenbüttel bis nach Hessen – nicht das Bundesland, sondern eine kleine, pflastersteinige Ortschaft, von der hier zuvor niemand etwas gehört hatte und die heute dank einer Umgehungsstraße schon wieder in Vergessenheit gerät. Vor der Grenzöffnung waren die Straßen in Hessen einfach unterbrochen. Der Übergang Hessen war nur eine sehr kurze Episode, anfangs sogar noch mit einem schnell und unbürokratisch ausgestellten offiziellen DDR-Einreisepapier. Altpapierweiß mit Hammer und Zirkel.

Zuerst passierte man zerfallene landwirtschaftliche Gebäude. Hier machten sich die Helden der Arbeit wohl als Erstes aus dem Staub. Dann erschienen in der aufgehenden Sonne die ersten mitleiderregenden Wohnhäuser. Graue, einstöckige Einfamilienunterkünfte ohne Fassadenfarbe und durch Flickwerk instand gehalten, das uns zumindest den legendären Organisationseifer der östlichen Brüder und Schwestern unter Beweis stellte. Zwischen der Pflastersteinschlaglochstraße und den Behausungen schlummerten ungepflegte Vorgärten. Stiefmütterchen oder wenigstens Primeln – Fehlanzeige. Hinter der ersten Kurve sah man links hinten die Dorfkirchenruine liegen. Militariasammler konnten in den übermannshohen Brennesselwäldern sicher noch das eine oder andere Überbleibsel angloamerikanischer Luftüberlegenheit absammeln. Etwas weiter die Straße runter an der Ecke ein kleiner Schuhladen und eine Fleischerei. Null Komma nichts ausverkauft. Westmark: Ostmark anfangs 1 : 11. ,Wiedergutmachung‘, wie Dad scherzhaft sagte. Er schlug Mutter eine Wette vor und ging nur mit dem Autonotfallkissen in den Schuhladen. Heraus kam er mit zwei Paar neuen Schuhen. Der Tauschhandel blühte. Mutter fand die Schuhe grässlich, aber das war nicht Teil der Wette. Vater trägt seine heute wieder bei der Gartenarbeit.“

Der Text ist ein Auszug aus dem Roman „Deutscher Sohn“ von Alexander Wallasch und Ingo Niermann, Blumenbar 2010

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Wallasch: Wachablösung für Maxim Biller

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