Wir werden sehen, ob junge Leute wirklich besser sind, nur weil sie jung sind. Michel Friedman

Schnapp

Gibt es so etwas wie die Antisemitismusfalle? Und wieso geraten so viele schlaue Köpfe da eigentlich immer wieder hinein?

Antisemitismusdebatte – ja, da setzt sich niemand gerne ohne Not in die Nesseln. Journalisten und Medienleute mit Karriereambitionen schon gar nicht. Ein großes Tabuthema? Auf alle Fälle ein großes Pfui-Finger-weg-Ding.

Und behaftet mit einer komplizierten, nirgends richtig festgeschriebenen Sprachregelung, die – wenn es sie gäbe –, wahrscheinlich für ein neues Schulfach taugte. Von Jenninger über Walser, Grass, Möllemann, Judith Butler und die vielen anderen – und jetzt Jakob Augstein. Glaubt man ihren Kritikern und selbsternannten Antisemitismus-Richtern, sie alle hätten also dringend mal Nachhilfe gebraucht, will man ihnen nicht Vorsatz unterstellen.

Fast scheint es, als würde, wer sich einmischt, wer an der Debatte teilnimmt, wer debattiert, öffentlich mitdenkt oder nachdenkt, stets bereits unter einem ganz merkwürdigen Generalverdacht stehen, der über eine notwendige Sorgfaltsüberprüfung hinausgeht.

Kaum jemand bezeichnet sich als Antisemiten

Klar, man soll, man muss sich sogar für das Thema interessieren. Aber kann man sich falsch interessieren? Falsch positionieren? Es kann falsche Gesprächspartner geben. Ja, das wurde auch von den meisten verstanden. Denn neben der inhaltlichen Positionierung spielt die Person selbst eine entscheidendere Rolle, als das bei anderen Themen vielleicht der Fall wäre.

Antisemitismus. Eigentlich ja erst der Vorwurf zu einer bestimmten Positionierung zu einem bestimmten Thema. Präziser: eine negative Haltung gegenüber Juden. Eine negative Haltung, die zum Holocaust geführt hat.

Die Pressekonferenz zum „Antisemitismusbericht des deutschen Bundestages“ trug diese negative Haltung gegenüber Juden und später auch gegenüber Israel jüngst wieder mitten in die deutsche Gesellschaft hinein. Eigentlich hatte man sich ja längst auf einen für viele zufriedenstellenden Konsens geeinigt, der so geht: „Judenfeindliche Haltungen und Äußerungen findet man doch nur bei Extremisten und anderen jungen und alten Nazis.“

Besagter Bericht erklärte nun allerdings etwas anderes: „Wissenschaftler und Fachleute, die den Bericht erarbeitet haben, konstatieren, dass es diesen latenten Antisemitismus bei etwa 20 Prozent der Bevölkerung gebe“ (Quelle: Wikipedia).

Zwar heißt es am selben Ort auch: „… das Ausmaß des Antisemitismus lässt sich – ebenso wenig wie seine Wirkung auf Einzelne, auf Gruppen und auf die Gesellschaft insgesamt – nicht verbindlich bestimmen“, aber was sagt das eigentlich? Es bleibt also unverbindlich. Einen unverbindlichen Antisemitismus aber kann es nicht geben.

Was zunächst sicher ist: Kein Mensch in Deutschland, außer vielleicht Häftling Horst Mahler, bezeichnet sich freiwillig öffentlich als Antisemiten. Obwohl das streng genommen in Deutschland nichts Verbotenes wäre, so wie man sich öffentlich als „rechts“ bezeichnen kann, was schon mal häufiger vorkommt. Ja selbst der Vorwurf „Antisemit“ ist zunächst keine strafbare Handlung.

Strafbar macht sich der Antisemit wohl erst, wenn er sein „Bekenntnis“ mit einer öffentlichen Äußerung verbindet, die volksverhetzenden Charakter hat. Aber kennen Sie jemanden, der Ihnen gegenübertritt und allen Ernstes erklärt, er sei Antisemit? Wer würde freiwillig jemand sein wollen, der in direkter Linie steht mit Himmler und Mengele?

Man wird also von anderen als Antisemit „erkannt“. Beispielsweise dadurch, indem man etwas äußert, das den Verdacht nahelegt, man würde Juden bzw. Menschen jüdischen Glaubens mit einer bestimmten negativen Eigenschaft belegen.

Henryk M. Broder will das nun jüngst bei Jakob Augstein festgestellt haben: „Jakob Augstein ist nicht nur ein lupenreiner Antisemit und eine antisemitische Dreckschleuder, er ist auch Verleger eines antisemitischen Drecksblattes.“

Was hier klingt wie ein Zitat aus einem „Stürmer“-Artikel mit verkehrten Vorzeichen, ist Broders Reaktion auf einen Artikel, den Augstein auf „Spiegel Online“ veröffentlicht hat und in dem er sich zu den Ausschreitungen rund um den „Mohammed-Schmäh-Film“ fragt: „Wem nützt die Gewalt?“ Dort schreibt er: „Kann man sich vorstellen, dass der kriminelle Kopte, der sich das vermutlich im Gefängnis ausdachte, und seine Crew ohne ihr Wissen dafür missbrauchte, in anderem als im eigenen Auftrag handelte? Zumindest traut man den Fundamentalisten im Lager der US-Republikaner und in der israelischen Regierung zu, die unerwartete Schützenhilfe politisch auszunutzen – was sie auch tun.“

„Ach wissen Sie, ich bin Rassistin“

Seien Sie ehrlich, hätten Sie vor dem Broder-Ausraster vermutet, das könne antisemitisch sein? Und glauben Sie nach Broder, dass Augstein bewusst etwas Antisemitisches äußern wollte oder gar selber Antisemit ist? Noch dazu ein „lupenreiner“?

Eine ältere Dame hatte mir mal in einem längeren Interview-Gespräch über ihre Lebensgeschichte gestanden: „Ach wissen Sie, ich bin Rassistin. Warum soll ich daraus mit über 90 noch ein Geheimnis machen?“ Das ist äußerst unsympathisch, aber selbst das ist zunächst kein Verbrechen, die Frau hat ja nicht gestanden, jemanden umgebracht zu haben. Für den Antisemitismus gilt das Gleiche: Gedanken können irre sein, aber sie bleiben zunächst frei von Strafe, weil sie niemandem schaden außer der Person selbst, von der allerdings anzunehmen ist, dass ihr nicht mehr zu helfen ist. In Demokratien übrigens ebenso wie in Diktaturen.

Aber zurück zu Augstein. Was jener ganz sicher nicht im Sinne hatte, war diesen letztlich für alle beteiligten Seiten negativen Skandal zu entfachen. Broder hat sich wahrscheinlich weiter diskreditiert und Augsteins Schreibarbeiten werden in Zukunft vielleicht durch eine scharfe oder verzerrte (je nachdem, wie man sich positioniert) Antisemitismus-Aufspür-Brille betrachtet werden.

Wenn Augstein also in Fettnäpfchen getreten ist, also die vermeintliche Provokation nicht selbst gesucht hat, kann man dann daraus schließen, dass es selbst für gebildete Journalisten, wie er unzweifelhaft einer ist, unsagbar schwer ist, überhaupt festzustellen, wann eine Sache oder die eigene Denke antisemitisch ist? Wenn das aber schon für einen wie Augstein zum Problem wird, wie soll das dann der einfache Bürger auf der Straße noch auseinanderhalten?

Das wiederum macht nun den Kern des Antisemitismusberichts („Latenz“) zunächst glaubwürdig. Warum sollen nicht mindestens geschätzte 20 Prozent dasselbe Problem haben wie Augstein?

Da stellt sich nun aber die berechtigte und folgerichtige nächste Frage, nämlich woher Broder so genau weiß, was antisemitisch ist, und warum seine Sicht der Dinge nun ein so besonderes Gewicht hat, dass ein ordentlicher Skandal daraus werden kann.

Gibt es jemanden, der Einfluss und Reputation genug hat, festzustellen: „Nein, Augstein ist kein Antisemit“, um sich so dem Broder’schen Urteil zu widersetzen? Ein Blick in die Medien zeigt: Es findet sich noch keiner. Die Fakten erlauben also niemandem festzustellen, dass Augstein kein Antisemit ist? Hat Broder also doch recht? Und brauchen wir zukünftig ein Schulfach „Antisemitismus“ oder zumindest an Universitäten so etwas wie das „Kleine Latinum für Antisemitismus“? Und für alle Medienleute das „Große Latinum Antisemitismus“?

Ja, das klingt so bescheuert, wie es ist. Denn wenn jemand Antisemit sein soll, dann ist das ja kein Wissensdefizit – Augstein ist gebildet –, dann ist es entweder tatsächlich eine fiese unausrottbare Geisteshaltung oder so etwas wie das ultimativ Schlechte im Menschen. Also im nicht-jüdischen Menschen. Oder – wenn man logischerweise den von deutschen organisierten Holocaust mitdenkt – im herkunftsdeutschen (Sie sehen, es wird kompliziert) Menschen.

Nur, um das festzustellen, wäre es hilfreich, mal verbindlich festzulegen, was genau Antisemitismus ist. Und dann müssten Journalisten und andere eben lernen, jenen ebenso zu beherrschen bzw. zu unterdrücken wie beispielsweise die Fähigkeit, trotz Geilheit nicht dem oder der nächstbesten Gegenüber an die Wäsche zu gehen.

Wir müssten also einen inneren Antisemitismus – so er denn da ist – zivilisieren. Das allerdings würde wieder voraussetzen, dass es so etwas wie eine genetische Disposition für Antisemitismus gäbe. Und das wiederum wäre Rassismus. Ist das anzunehmen dann wiederum Antisemitismus?

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Wallasch: Wachablösung für Maxim Biller

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