Atomare Strahlen und Treibhausgase machen nicht an Grenzen halt. Torsten Albig

Um Gottes Willen?

Wie kann ein so schlechter Film für so viel Ärger und Vernichtung sorgen? Eine Spurensuche.

Diesen millionenfach angeklickten 14-minütigen Trailer eines angeblich zwei Stunden langen Anti-Mohammed-Films, der zu blutigen Krawallen und Morden im befreiten Bengasi und an anderen Orten der arabischen Welt geführt hat, schaltet man als Betrachter nach wenigen Minuten weg.

Nicht einmal aus Würgereflex wie Hillary Clinton, die den kompletten Film zwar ebenfalls mutmaßlich nie gesehen hat, aber wohl zumindest den Trailer „abscheulich oder verwerflich“ findet. Oder wie Guido Westerwelle, der den Film ebenfalls mutmaßlich nie gesehen hat und die arabische Welt – einem kruden Verständnis von Diplomatie folgend – aufruft: „Ich appelliere gerade am heutigen Freitag, am Tag der Freitaggebete, dazu, dass mit Entschiedenheit auch gegen dieses Video die Meinung zum Ausdruck gebracht wird, denn das ist ein verabscheuungswürdiges Video.“

So schlecht, wie Spätnachmittagsserien im Privatfernsehen

Nein, dieser Filmausschnitt ödet schon deshalb so unsagbar, weil er so schlecht gemacht ist. So schlecht, wie diese Spätnachmittagsserien im Privatfernsehen, die man wegschaltet, wenn man sich versehentlich dorthin verzappt hat.

Der Trailer zu diesem Machwerk (ich habe ihn dann doch zu Ende gesehen) deutet auf einen Film hin, der nicht annähernd die cineastische Qualität von Mel Gibsons Film „Die Passion Christi“ haben kann. Gibsons Film hatte damals ebenfalls eine – allerdings unblutige – Empörung ausgelöst, die beispielsweise in Deutschland eine gemeinsame Erklärung des Zentralrats der Juden, der DBK und der EKD zur Folge hatte: „Die Darstellung des Films birgt die Gefahr, dass antisemitische Vorurteile wiederaufleben. Dies ist besonders brisant angesichts einer Situation in Europa, in der ein Erstarken antisemitischer Tendenzen erkennbar ist.“

Jetzt also starben Menschen aufgrund einer völlig unbedeutenden, noch dazu grottenschlecht gemachten Filmvorschau. Und die gewalttätigen Demonstrationen in den islamischen Ländern dauern weiter an. Die USA schicken sogar prophylaktisch Kriegsschiffe zum Schutz amerikanischer Bürger vor dem aufgebrachten Mob und zieht aktuell einige ihrer Botschafter ab.

Man könnte verzweifeln über diesen ganzen Wahnsinn

Höchste Zeit, verbal auf diese real existierende Ausformung des Islam einzudreschen? Na klar, und mit Recht. Aber streiten wir da nicht mit der Wasserpistole für den religiösen Frieden? Was ist bloß los im 21. Jahrhundert mit diesen unsäglichen monotheistischen Weltreligionen? Was geht in den Führern, Gefolgsleuten und Geführten dieser Religionen vor? Was bewegt „religiöse“ Menschen auf beiden Seiten über Jahrhunderte hinweg für ihre religiösen Überzeugungen zu wüten und zu töten? Man könnte tatsächlich verzweifeln über diesen ganzen Wahnsinn, diesen Hass und diese Brutalität im Namen Jesu oder Mohammed.

Noch mal Hillary Clinton zu den Morden in Bengasi: „Ein Anschlag, der Menschen aller Glaubensrichtungen in der Welt entsetzen sollte: Wir beten für die (…), die wir verloren haben.“ Nein, Frau Außenministerin, diese Taten entsetzen auch jene schweigende Mehrheit, die überhaupt keinem Glauben angehören oder keinen mehr ausüben. Menschen, die eben nicht beten, sondern die noch auf ursprünglichste Weise Mitgefühl und Trauer empfinden können. Ja, da ist er dann auch wieder, dieser bleierne Beigeschmack, den man in den eigenen Reihen spätestens seit W. Bushs religiös argumentierten Gott-will-es!-Feldzügen wieder so deutlich schmeckt.

Der für den Beginn des 21. Jahrhunderts prophezeite Krieg der Kulturen blieb aus. Denn Kultur hat das alles nicht. Was bleibt, sind die alten blutschmutzigen Gefechte im Namen einer der beiden Religionen, im Namen einer großen weltumspannenden Unkultur. Das könnte nun zur traurigen Annahme verleiten, der Mensch sei tatsächlich von Natur aus schlecht. Ja, die christlichen Religionen behaupten das ja explizit, lassen aber das verheißungsvolle Schlupfloch Glaube: Wer nur kräftig glaubt, kann das Böse überwinden. Wer bitte schön möchte in diesen ganzen Taschenspielertrick-Wahnsinn noch tiefer eintauchen? Was für ein ewig verdammtes Ringen um eine Plausibilität im Irrationalen: Auf unserer Glaubenshalbkugel von Augustinus über Luther bis zum deutschen Papst, der nebulös-modern behauptete: „Niemand hat die Möglichkeit, an einem perfekten ‚Punkt null‘ anzufangen und sein Gutes in völliger Freiheit zu entwickeln.“

Aber ja, aktuell erscheint das Christentum im großen Ganzen domestiziert. Und die Gezähmten domestizieren ihre Kinder auch schon selbst. Aber aus Notwendigkeit! Denn sie stehen ja unter säkularem Dauerfeuer. Im eigenen Land. Unter dieser Selbstbeobachtung steht der Islam nicht. Man schaut von außen auf den Wahnsinn.

Die typischen Reflexe greifen

Exemplarisch für die ganze Boshaftigkeit der Religionen steht der Nahost-Palästina-Konflikt. Diese unheilbar blutige Wunde zwischen Christentum/Judentum und Islam. Und wie dünn der Heilschorf auf dieser bösen Wunde ist, beweisen nun wieder die Reaktionen auf dieses unsagbar öde 14-minütige Filmchen. Denn klar, die ominösen Macher des Films, jetzt wohl zwangsgeoutet als irgendwie im Koptisch-Ägyptischen verchristete Hass-Nerds, sollten anfangs Juden sein. Klar: Hollywood, Film, Juden – so soll dann die hohle Glaubwürdigkeits-Indizienkette wirken.

Wer könnte hier noch die Behauptung widerlegen, dass der gute Wille, der Wille Gutes zu tun, auf beiden Seiten dieser Religionen ein Lippenbekenntnis ist. Es scheint geradezu, dass sich Islam und Christentum am effektivsten über die Gewaltbereitschaft der anderen Seite definieren. Und doch kommt man als nicht monotheistischer Europäer nicht umhin, angesichts der Gewaltexzesse, die dieses Videos ausgelöst hat, am Stockholm-Syndrom zu erkranken. Ja doch, man wird geradezu genötigt, sich mit dem in den jahrhundertelangen Kämpfen der Aufklärung zwangsberuhigten Christen zu solidarisieren.

Sie meinen, wir bräuchten unsere Christen als tapfere Frontsoldaten gegen den radikalen Islamismus? Nur was machen wir anschließend mit den so wieder radikalisierten Christen, denen wir dann ja erlaubt haben müssten, zu verwildern? Nein, die düstere Rechnung ginge nicht auf. Denn das elementare Interesse am Frontmachen besteht auf beiden Seiten der monotheistischen Religionen.

Der großartige Wolfgang Brosche – der hoffentlich in Zukunft eine größere Plattform bekommt als nur in der Kommentarfunktion bei The European – formuliert es treffend: „Was die katholische Moral (die protestantische ist ja nur ein Ableger davon) tatsächlich über zwei Jahrtausende verbrochen hat, findet sich nicht bloß in Deschners überbordender Faktensammlung.“ Für den Islam gilt selbstverständlich das Gleiche, nur dass man 700 Jahre weniger auf der Rechnung hat, bzw. auf den Rücken der Menschen herumtrampeln konnte, die überall auf der Welt nur eines wollten; in Frieden gelassen werden und ihren Kindern ein friedliches und zufriedenes Leben ermöglichen.

Eine nicht abreißen wollende Kränkungsmaschinerie

Dieses Video ist exemplarisch für eine nicht abreißen wollende Kränkungsmaschinerie, die – wer kann da noch anders annehmen? – bei monotheistischen Religionen wesensimmanent sein muss. Bösewichter definieren ihr Heilsversprechen über ein Mehr an Boshaftigkeit ihres Gegenübers. Ein Wettstreit des Bösen? Vielleicht tatsächlich, wenn man denn überhaupt noch in den religiösen Kategorien Gut und Böse denken kann. Auch da also Verwandtschaft. Wesensgleichheit. Dazu weiter Wolfgang Brosche: „Religionen streiten sich (…) immer bis aufs Blut um die Richtigkeit und Wahrheit ihres Gottes.“ Und Brosche zum Stockholm-Syndrom: „Wenn auch ein Großteil der Bevölkerung angeblich religiös indifferent ist, fürchte ich, dass in unsicheren Zeiten der Run in die Kirchenbänke wieder einsetzt. Aus Zukunftsangst und der Angst vor der eigenen Verantwortung (…). Ganz gleich, um welche Religion es sich handelt – sie vergiften im 21. Jahrhundert noch immer unser Leben.“

Zurück zum Anfang: Der wegen seiner Homosexualität in beiden Religionen in Sünde lebender deutsche Außenminister Guido Westerwelle ruft zu (friedlichen) religiösen Demonstrationen auf! Was für ein Akt der kompletten Selbstverleugnung! Denn in mindestens sieben islamischen Ländern, im Iran, Nigeria (nördliche Landesteile), Mauretanien, Sudan (nördliche Landesteile), Jemen, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten droht Westerwelle sogar die Todesstrafe (Quelle Wikipedia).

Die monotheistischen Religionen werden ausgenutzt

Und dann fragt man sich, was wohl einer wie der Vorzeigekatholik Martin Mosebach in diesen Tagen empfindet. Hoffen wir mal, er ist domestiziert entsetzt über die Eskalation wie wir alle. Aber wie groß muss da auch diese klammheimliche Wildheit sein, seine jüngste Forderung vermeintlich bestätigt zu sehen, die da besagt: dass es der „Kunst und dem sozialen Klima dient, wenn Blasphemie wieder strafbar ist“. Und dieser Film ist natürlich ohne Zweifel genau das: eine Blasphemie im Gewande der Kunst, so wenig künstlerisch die auch sein mag.

Ja, der Hass und die Gewalt in den islamischen Ländern anlässlich dieses Videos nutzt tatsächlich auf perfide Weise beiden monotheistischen Religionen. Oder wie Martin Mosebach in seinem Essay „Vom Wert des Verbietens“ geradezu zu erhoffen scheint: „Aber auch für den weltanschaulich strikt neutralen Staat könnte sich die Notwendigkeit einer Bekämpfung der Blasphemie ergeben, wenn die staatliche Ordnung durch sie gefährdet wird. Das kann geschehen, wenn eine größere Gruppe von Gläubigen sich durch die Blasphemie in ihren religiösen Überzeugungen so verletzt fühlt, dass ihre Empörung zu einem öffentlichen Problem wird.“

Das nun zu denken, ist düster. Vielleicht zu düster

Und jetzt zum Abschluss mal eine Kehrtwende, wie sie beispielsweise Dr. Bernhard von Guretzky vordenkt: „Was wäre denn eigentlich, wenn die Eskalation um dieses ,Video‘ doch alles nur ein abgekartetes Spiel gewesen ist, wie damals bei den Mohammed-Karikaturen? Und eben kein – zumindest aktuell berechtigter – Anlass, auf die monotheistischen Religionen zu schimpfen? Dann müsste man sich allerdings die Frage stellen, wie es sein kann, das sich eine Gesellschaft dermaßen aufhetzen lässt. Und was ist der Westen für eine seltsame Gesellschaft, dass er meint, wegen dieses Machwerks im Boden versinken zu müssen?“

Ja, dafür sprechen könnte, was Benjamin Netanjahu gerade der NBC erklärte: Iran werde von einer Führung mit einem unglaublichen Fanatismus beherrscht. Dabei handle es sich um „denselben Fanatismus“, der Grundlage der Gewalt gegen zahlreiche westliche Botschaften in der muslimischen Welt in den vergangenen Tagen gewesen sei. Das nun weiter zu denken, ist düster. Vielleicht zu düster.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Wallasch: Wachablösung für Maxim Biller

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