Ich hatte am Wochenende dienstlich Gelegenheit, eine Dampferfahrt auf der Elbe zu unternehmen. Und dabei ist mir etwas aufgefallen: Eine Diskrepanz zwischen meiner persönlichen Vorstellung und der Realität. Das ist ja zunächst nichts Besonderes. Hier allerdings hat es mich noch einmal überrascht. Die Vorstellung so einer Unternehmung war bei mir geprägt von einer unbestimmten Miefigkeit, von einem Musikantenstadl-Ambiente und einer Innenansicht Deutschlands, die man ja allenfalls anspruchslosen US-Amerikanern als deutsche Realität unterjubeln mag.
Ach schlimmer noch, auf der Fahrt hin nach Dresden hatte ich Vorahnungen von dem, was da kommen mag. Das gipfelte sogar in der Erinnerung dieser merkwürdigen Szene aus dem Film „Cabaret“: „Tomorrow Belongs To Me“, dieser genialen Persiflage einer deutschen Seelenlandschaft, die bis heute Gänsehaut verursacht und die Frage aufwirft, wie deutsch bin ich eigentlich in meinem Innersten?
Gesteigerter Peinlichkeitsfaktor
Dieses Lied, die meisten werden sich erinnern, wird spontan in einem bayerischen Biergarten gesungen und wirkt aus dem Zusammenhang gerissen zunächst wie das Intro zu einem Nazi-Gay-B-Movie. Wäre da nicht diese Theatralik, dieses Pathos, das so gut harmoniert mit einer kindlichen Vorweihnachtszeit-Erregung oder dem wohlig aufgeräumten Gemütszustand während einer Abendgeschichte, vorgelesen von der Großmutter. Genau, eben all jene Gefühlswallungen, die wohl jede Kultur auf ihre Weise bereithält, die aber nur in Deutschland so madig beschmuddelt wirkt.
Also gesteigerter Peinlichkeitsfaktor, perfekt eingefangen in diesem Blockbuster-Film von 1972. Und noch mehr schwallt mir ins Gemüt: Die flüsternd vorgetragenen Erlebnisse der Großeltern, Eltern und Verwandten. Das leise Jammern ob der Grausamkeiten der Vertreibungen, der Erniedrigungen der Flucht und das Jammern über die verlorenen Werte aus der materiellen wie aus der geistigen Schatulle. Und ins kindliche Gemüt pflanzte sich dann nach und nach so eine Tragik, die sich irgendwann sogar selbstverständlich zum Teil einer deutschen Diasporadenke ausformte. Ein Kinderglaube. Angelegt im Unterbewussten. Eine Sozialisierung. Keine genetische, aber trotzdem eine vererbte Stütze. Oder Bürde: immer wieder bekämpft vom Geist der Freiheit, von diesem so reizvollen Woodstock-Feeling und einem, entliehen aus amerikanischen Roadmovies.
Nun also Elbdampferfahrt in die Sächsische Schweiz. Alles andere als ein klassisches Roadmovie. Und die Mitfahrenden bestätigen zunächst das Klischee. Aber alles halb so schlimm, der Schock will sich einfach nicht einstellen. Also bitte, was unterscheidet mich eigentlich von einem älteren Herrn mit Anglerweste, Spazierstock mit Wanderplaketten und Fernglas aus VEB-Produktion? Eben. Nichts weiter als Anglerweste, Spazierstock mit Wanderplaketten und Fernglas aus VEB-Produktion.
Ist Deutschland wirklich so uncool?
Wir trinken zusammen ein kühles Bierchen, ein frisches Radeberger, und beobachten gemeinsam ein Anlegemanöver der Schwesterfähre. Am Ufer der Elbwiesen holt ein korpulenter Angler mit nacktem Oberkörper gerade etwas ziemlich dickes Zappliges aus dem Wasser und der Kahn johlt, wir prosten zu und der Kapitän zieht obendrein an der lauten Dampferpfeife. Und so schaufeln wir gemächlich dahin mitten hinein in eine deutsche Wirklichkeit, die in ihrem Kern eine solche Selbstverständlichkeit ausstrahlt, dass ich mich fast schäme für meine anfänglichen Ressentiments.
Da ich die Gelegenheit eines Schiffsführergesprächs erhalte, betrete ich die Brücke. Vor uns im Bug knutscht eine dieser unwiderstehlichen, drallen Sächsinnen mit einem ebenso ansehnlichen Kerl und ich stelle dem Kapitän Fragen, die mir sofort belanglos vorkommen. Liegt es daran, dass mir ein Selbstverständnis abhandengekommen ist, das mich mittlerweile schon am legeren Genießen hindern kann?
Oder bin ich tatsächlich schon zum altersbedingten Griesgram geworden? Meine Frau ist einige Jahre jünger und ich wache seit einigen Jahren mit Argusaugen über meine schleichende Verrentnerung. Ich kämpfe gewissermaßen an gegen die Liebe zur Gemütlichkeit. Und gemütlich ist so eine Elbdampferfahrt allemal. Ich kämpfe also letztlich gegen eine Liebe zu Deutschland. Aber ist Deutschland wirklich so uncool oldschool?
Ich schaue hinüber auf die Elbauen und da liegen junge Menschen, die sich irgendwo einfach wie selbstverständlich niedergelassen haben. Raumgreifend, wo viel Raum ist. Im Hintergrund strahlt noch die helle Kuppel der wiederaufgebauten Frauenkirche und in wenigen Minuten durchfahren wir das Blaue Wunder, dieses Stahlungetüm, das die Mittelstandssiedlungen mit dem Villenviertel verbindet. Am Sockel der Brücke steht: „Sprengt die Klassenschranken!“. Und auf der Speisekarte werden sächsische Krautwickel für 7,50 Euro angeboten. Mit Petersilienkartoffeln!
Ganz normale deutsche Realität
Also ist das nächste Radeberger fällig. Und über uns erhebt sich düster die Festung Königstein, während am anderen Ufer ein paar Schafe grasen, um dann mähend einem einsamen Wanderer Platz zu machen. Ach verdammt noch mal, so ein Deutschlandgefühl auf der Elbe, ist das nicht das Natürlichste auf der Welt? Oder doch ein Abschied aus einer Lockerheit, die mir irgendwann irgendwo auf der Strecke geblieben ist? Fühlt ein Brasilianer nicht ebenso, wenn er am Amazonas steht und ein Ägypter am Nil?
Sei es drum: Am Samstag habe ich für mich eine weitere Diskrepanz zwischen Vorstellung und Realität aufgehoben. Ich bin noch nicht sicher, was ich dabei gewonnen habe, ich bin aber sicher, dass ich das jetzt öfter machen werde. Mich dorthin begeben, wo andere gerne sein wollen. Andere, mit denen ich bisher nicht sein wollte. Landsleute. Warum nicht demnächst mal zu denen in so einen Centerpark? Ich hasse die Dinger – logisch. Aber wer weiß, welche ganz normale deutsche Realität mich dort erwartet. Bis dann also, wenn vor der Projektion eines künstlichen Sonnenuntergangs die maschinell erzeugten Wellen gegen den Kunstsand branden. Ich bin jedenfalls gespannt. Nur meine Frau, die will nicht mit.
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