Wenn wir ein bisschen mehr schwäbische Hausfrau mit auf den Weg nehmen, dann können wir das System stabiler gestalten. Josef Ackermann

Syrien-Schande

Wo sind die deutschen Journalisten mit Rückgrat? Alle jubeln sie syrischen Rebellen zu, leisten vorauseilenden Gehorsam. Keinen stört, dass der Westen mal wieder ein Morden befeuert.

Syrien: Der verbündete Sternenbanner-Demokratie-Lynchmob kommt nicht mehr selbst, sondern schickt hausgemachte syrische Capos und installiert Flugverbotszonen, in die dann Drohnen einfliegen wie maschinistische Exekuteure. Apokalypse Now 2.0. Die Schande ist gesellschaftsfähig geworden. Verrohung von Mitgefühl. Freiwillige Reduktion des gesunden Menschenverstandes. Selbstindiziertes Irrsein.

Protest ist, wenn ich sage, das und das passt mir nicht. Widerstand ist, wenn ich dafür sorge, dass das, was mir nicht passt, nicht länger geschieht. Protest ist, wenn ich sage, ich mache nicht mehr mit. Widerstand ist, wenn ich dafür sorge, dass alle andern auch nicht mehr mitmachen.

Ja, ja, jetzt bloß nicht gleich wieder kolikartig über das Zitat von Ulrike Meinhof zusammenzucken, denn wir werden jetzt mal den ganzen aust-eichingerschen RAF-Terror-Klamauk vergessen und uns an die Vor-RAF-Meinhof erinnern: Einfach, weil es Not tut. Nehmen wir beispielsweise die Empörung einer Ulrike Meinhof über das US-amerikanische Morden in Vietnam. Diese große, logistisch in Deutschland mit durchorganisierte Schweinerei. Die Artikel der Journalistin trafen in der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre in Deutschland auf weitreichende Zustimmung und Sympathien. Mehr als es eine irgendwie geartete Empörung über das amerikanische Kriegs- und Destabilisierungs-Engagement in Syrien heute je generieren könnte. Ein Missverhältnis. Zudem ein erschreckend eklatantes.

Reste dieser ominös-diabolischen deutschen Seele

Aber warum ist das so? Weil es heute keine Journalistin vom Format einer Ulrike Meinhof mehr gibt? Weil der spätere Lebensweg, der große furchtbare Irrweg, einer Ulrike Meinhof gleichsam eine abschreckende Wirkung auf ihr Vor-RAF-Werk hatte? Ja und nein, aber auf jeden Fall zu kurz gedacht. Die Gleichschaltung der Presse ist kein irgendwie in Stammheim-Zement gegossenes Ereignis. Gleichschaltung der Presse? Diese von Grass nebulös bejammerte Kumpanei? Das ist ein großer Humbug. Realität ist heute ein allumfassender, vorauseilender journalistischer Gehorsam der in der Syrienberichterstattung auf abstoßende Art und Weise offensichtlich geworden ist. Ein fein ausjustiertes Nicht-Wollen und ein großes Nicht-mehr-Können. Ein Unvermögen. Und die Wiege der Schande.

Noch pathetischer ausgedrückt: Wenn es im 21. Jahrhundert tatsächlich noch so etwas wie Reste dieser ominös-diabolischen deutschen Seele geben sollte – also irgendeinen Rest, ein Überbleibsel einer genetisch dispositionierten oder sozialisiert-strukturierten Verhaltensweise – dann ist es wohl dieser vorauseilende Gehorsam. Einer, der Auschwitz erst möglich gemacht hat. Einer, der in einem gemeinsamen Schweigen und Wegsehen Milieus geschaffen hat, die eine Ulrike Meinhof in die Katastrophe geführt haben. Damit war die Meinhof auf ihrem Irrwege so undeutsch wie man es in ihrem Deutschland wohl nur sein konnte. Aber Meinhofs Scheitern negiert nicht ihre journalistische Vor-RAF-Leistung, das muss man ganz klar so sehen.

Wenn wir also diese Syrien-Schande, die uns nun schon alltäglich ins Gesicht kotzt – nennen wir sie ruhig: Weltschande – wenn wir also diesen asymmetrischen US-amerikanischen Syrien-Feldzug als solchen endlich begreifen wollten, bräuchten wir Journalisten und Berichterstatter vom Format einer Ulrike Meinhof. Haben wir aber nicht. Weit und breit niemand zu sehen. Klar, dieser Jürgen Todenhöfer, der will in einem andauernden Hans-Christian-Ströbele-Ankläger-Gestus den Verrat am gesunden Menschenverstand offenlegen. Und auch wenn er streckenweise so unendlich eitel wirkt, in Ermanglung einer Alternative ist keine Zeit mehr für Befindlichkeiten. Ja, Todenhöfer ist der einsame Leuchtturm in dieser unsäglichen Kakophonie bundesdeutscher Journaille. Und man fragt sich, wie wohl er sich in dieser Rolle wirklich noch fühlt.

Selbst diejenigen, denen man es noch zugetraut hätte, flüchten sich in den vorauseilenden deutschen Gehorsam. Die große Schande hat sich verselbstständigt auf den Weg gemacht. Und sie ist ebenso wenig aufzuhalten, wie es die völlige Umkehrung der Fakten, von Ursache und Wirkung, überhaupt noch zulassen würde.

Die große letzte Hoffnung, die den Versagenden bleibt, ist die berechtigte Annahme, dass der angeschlagene syrische Präsident in höchster Not eskaliert und nun endlich so agiert, wie man es von einem so einhellig als brutalen Diktator dechiffrierten Meuchler erwarten will. Sehnsuchtsvoll. Aber das ist doch eine große Kotze bar jeder journalistischen Intelligenz und Vernunft. Denn der vorauseilende Gehorsam braucht ja vor allem eines: Die rückwirkende Korrektur falschen Verhaltens. Katholiken nennen das Absolution. Aber was für eine Absolution ist das, die man sich zeitungsübergreifend wieder und wieder gegenseitig erteilt?

Staffellauf der Syrien-Unwahrheiten

Nein, diesmal wird es keine Absolution geben. So wie Schröder und Fischer ihre Schande, ihren Verrat am Ideal – womöglich sogar an Deutschland – nicht ertragen haben und in die Umarmung des großen Mammon geflüchtet sind, so wird auch diese journalistische Schande, der Verlust einer journalistischen Objektivität, angesichts tausender unschuldiger Opfer widerlich nachwirken. Bitter nachschmecken. Zäsur machen.

Wie perfide das System dieses Staffellaufes der Syrien-Unwahrheiten funktioniert, hat dieser merkwürdige Todenhöfer, den man nun nicht hoch genug loben kann, jüngst im Gespräch mit einem der beschriebenen Journalisten deutlich gemacht: „Die Story, die ich überall lese, leider auch von Ihnen, Herr Reuter, im „Spiegel“, heißt immer: Ein Diktator tötet sein Volk. Das geht an den Problemen Syriens vorbei. (…) Die Rebellen sind (…) nicht die Reinen, die Guten, sie morden und manipulieren doch genauso. Krieg ist nie fair, auf keiner Seite, er bringt in Menschen die niedersten Instinkte hervor. In Syrien kämpft eine Hälfte des Landes gegen die andere.“ Und dann retourniert doch dieser Reuter in einer Madigkeit, dass man sich fragt: Warum stellt er sich überhaupt diesem ungleichen Gespräch? Wahrscheinlich fühlte er sich vermeintlich sicher im Hafen der „Spiegel“-Berichterstattung, die ihm schon die bitter nötige Schützenhilfe einer gehorsamen Nachbearbeitung gönnen würde. Denn auch klar, es sind nicht nur die einzelnen Journalisten, es sind die Organe, für die sie schreiben. Es ist mehr als vorauseilender Gehorsam auf Redaktionsebene – es ist die freiwillige Selbstkontrolle von ganz oben eingeläutet und diktiert von den aktuellen Verkaufszahlen. Das Gewissen der Nation freiwillig runtergemotzt auf „Bild“-Niveau.

Klar, Reuter war wie Todenhöfer in Syrien. Er hat den Konflikt ebenfalls vor Ort gesehen. Nur reicht es wirklich, in einen Topf kochendes Wasser zu schauen, erhöhte Temperatur festzustellen, ohne sich dabei zu fragen, wer die Herdplatte auf III gestellt hat? Alles liegt doch offen auf dem Tisch! Mit zunehmender Verschiebung der Macht-Kraftverhältnisse Richtung „Rebellen“, scheuen sich doch längst auch die Geld- und Waffengeber im Hintergrund nicht mehr, offen Partei zu ergreifen. Das macht ja auch Sinn, denn wer jetzt nicht den Arm hebt, der wird auch bei der Neuverteilung der zusammengebombten syrischen Machtverhältnisse keinen Anteil erhalten.

Es ist müßig, wieder und wieder die einzelnen Interessenten und Gruppen zu benennen, die im Gefolge der State-Department-Rebellen-Unterstützung (spätestens seit 2006, wie US-amerikanische Zeitungen berichteten) ihre Schatullen und Waffenkammern öffneten und Syrien via Bewaffnung der Opposition in den Bürgerkrieg schickten – das Internet ist voll davon. Interessanter ist, was Leute wie Reuter bewegt, zu tun, was sie glauben tun zu müssen, zu schreiben, was so empört.

Es ist eine große Schande

Erstaunlich, wie höflich dieser couragierte Herr Todenhöfer im Interview dennoch bleibt, wo schon angesichts der Opfer, die dieser brutale Stellvertreterkrieg verursacht hat, eine schallende verbale Ohrfeige angebrachter sein müsste: „Ich habe den Eindruck, Sie sind ein Revolutionsromantiker, Herr Reuter.“ Ja, Reuter ist natürlich auch ein Revolutionsromantiker. Ein Hamburg-Che-Guevara. Mit Fidel-Castro-Havanna vernebeltem Gerhard-Schröder-Chic. Das ist dann auch das eigentlich Bizarre: Ein CDUler wie Todenhöfer liest diesem – ausgerechnet auch noch 1968 geborenen – Jungjournalisten die Leviten und macht deutlich, was einen journalistischen Ethos tatsächlich ausmachen könnte. Auf seinen mehr oder weniger üppig ausgestatteten revolutionstouristischen „Spiegel“-Ausflügen hält dieser Reuter Todenhöfer dann auch noch vor: „Sie durften nicht einmal ein eigenes Kamerateam mitbringen.“ Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Was für ein Snob. Was für ein armgebrusterter Schnappreflex eines Angeschlagenen. Was für eine Beleidigung eigentlich für Kollegen wie Ulrike Meinhof, Naomi Klein, Peter Scholl-Latour oder wie die wenigen aufrichtigen Journalisten mit Gewissen von gestern und heute heißen oder hießen mögen.

Also ja, es ist eine große Schande. Und die Wut wird noch ansteigen mit dem Anwachsen dieser Schande, wenn in den nächsten Wochen und Monaten mit Syrien eine weitere Region im Nahen Osten in Blut und Tränen der provozierten Destabilisierung anheimfallen wird. Hier wird dann die Keimzelle gelegt für einen weiteren, für einen stramm expandierenden Neo-Kapitalismus so überaus notwendigen Konfliktherd der Zukunft.

Waffen, Kriege, Schande. Bewusst in Kauf genommene Unmenschlichkeiten. Oder wie die große kanadische Journalistin und Pulitzerpreisträgerin Naomi Klein in „Die Schock Strategie – Der Aufstieg des Katastrophenkapitalismus“ schon 2007 feststellte: „Im Irak wurden nach dem Krieg die Staatsbetriebe und die Ölwirtschaft neu verteilt – an westliche Konzerne. Existenzen werden vernichtet, es herrscht Wild-West-Kapitalismus der reinsten Sorte. […] Erst Schock durch Krieg oder Katastrophe, dann der so genannte Wiederaufbau. Es funktioniert immer nach den gleichen Mechanismen.“

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Wallasch: Wachablösung für Maxim Biller

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