Mein Instinkt verbietet mir Stellungnahmen. Helge Schneider

Linker mit Zweifeln

Das Sturmgeschütz der deutschen Linken feuert nicht mehr. Was ist los mit Spiegel-Online-Kolumnist Jakob Augstein?

Hat sich Jakob Augstein tatsächlich an seinem überraschenden Bekenntnis zum ersten Grass-Gedicht verhoben? Sind das Sühnezeichen, wenn er neuerdings mit Merkel und Gauck flirtet, um den verlorenen europäischen Gedanken jammert und sogar dem Staat den Zehnten seines privaten Guthabens leihen will? Obendrauf auf den ganzen Mist veröffentlicht der Salonlinke ein Buch übers Laubenpiepern. Der Feuilletonchef der „FAZ“ nennt „Die Tage des Gärtners. Vom Glück, im Freien zu sein“ einen „botanischen Bildungsroman“. Ja, sag mal Alter, geht’s noch?

Jakob Augsteins jüngste „Spiegel Online“-Kolumne (S.P.O.N.) ist eine laue Befürwortung der Reichensteuer. Ja doch, er ist immer noch ein bisschen verliebt in die großen Themen. Aber dafür müsste man Dampf machen. Macht er aber nicht.

Es ist gar nicht so lange her, dass Augstein querschoss. In der Grass-Gedicht-Debatte war er für ein paar Tage der viel zitierte „Lonesome Cowboy“. Er ballerte gegen die Laufrichtung, als alle Revolver schon gegen Günter Grass gerichtet waren. Reich-Ranicki hatte Ballast („ekelhaft“) abgeworfen und andernorts diskutierte man bereits über ein Einreiseverbot für den deutschen Nobelpreisträger.

Augstein hatte seine Worthülsen scharfgemacht

Die Salve kam also frontal, als Augstein Grass bescheinigte, er hätte mit seiner Kritik an Israel richtig gehandelt. Weil Grass ein Deutscher sei. Und weil eben darin der Einschnitt liegen würde. Dafür müsste man nun Danke sagen. Dafür, dass Grass das alles auf sich genommen und diesen Satz stellvertretend für uns alle ausgesprochen hat.

Päng. Paff. Wow. Augstein hatte seine Worthülsen scharfgemacht. Am Ende zu scharf? Denn wo man einen Reigen erwarten wollte, war plötzlich Schicht im Schacht. Kolumne für Kolumne alles nur noch saft- und kraftlos. Ein großes, erschöpftes Ausruhen. Rehabilitation? Übermannt vom eigenen Mumm? Gar Kalkül? Oder noch simpler: Pein? Denn im Gegensatz zu Augstein hatte Grass nachgelegt. Und da spätestens muss Augstein klar gewesen sein, dass er sich verzockt hatte. Dass im Grass’schen Heim deutlich der Haussegen schief hängen oder möglicherweise sogar das Dach einen altersbedingten Schaden haben musste.

„Freitag“-Herausgeber Augstein ist gemeinsam mit Wolfgang Münchau S.P.O.N.-Autor, über den ich hier schon Gutes schrieb. Mit Sybille Berg, über die kürzlich Alexander Kissler wenig Gutes schrieb. Und mit Georg Diez, der mal über mich schrieb, der Roman-Autor Wallasch leide an „landestypischen Neurosen“ und sei ein „Kindskopf“ und „Befindlichkeitsschreiber“. Also, guter schwerer Boden. Und Zeit, nach der Grass-Euphorie mal Augsteins S.P.O.N.-Laube durchzuwühlen.

Und boah, ein wenig Freiheit oder Tod

Da war zunächst dieses laue Bashing der couragierten Bundesfamilienministerin Schröder, von der er meinte, dass ihre Generation um die Benachteiligung der sozial Schwachen wisse, es aber ignorieren würde. Puh, das reichte natürlich bei Weitem nicht für Empörung. Für eine Debatte schon gar nicht. Ende Juni folgte eine olle Hymne auf Europa. Eigentlich sogar eine auf Mutti, denn Augstein meinte genau zu wissen, „was Merkel jetzt machen muss“. Sie müsse mit dem Schlachtruf „Europa oder nichts“ das widerspenstige Volk und die zögerliche Partei hinter sich sammeln. Hurra. Und boah, ein wenig Freiheit oder Tod. Ein bisschen Patria o Morte. Wie niedlich.

Nach der Liebkosung mit Merkel gab’s dann Streicheleinheiten für Gauck, der in der Krise ein Glücksfall für die Demokratie sei. Um Gottes willen, wie gewagt. Wie spektakulär riskant. Wie viel öder, wie viel mehr Mainstream geht noch? Nein, ein zweiter Grass will ihm einfach nicht mehr gelingen. Er bemüht sich nicht einmal mehr. Ist der Kummer wirklich so elementar geworden? War es gar ein gefühlter Verrat am Ziehvater, über den Grass post mortem ja gesagt hatte: „Augstein war ein Nationaler, im schlimmsten Fall sogar ein Deutschnationaler“?

Jedenfalls nahm Augstein nun noch einmal Anlauf und er fällt dabei so unglücklich, dass es einem schon leidtun könnte, wenn man dabei nicht so grinsen müsste. Der „Spiegel“-Familienanteil-Testamentsvollstrecker kündigt in seiner aktuellen S.P.O.N.-Kolumne an, dem Staat zehn Prozent seiner hohen Kante auf unbestimmte Zeit auszuleihen. Und er möchte, dass das alle so machen. Per Gesetz will er das. Und überschreibt das Ganze – jetzt wird es lustig – mit: „Reiche müssen Deutschland retten“. Also nun doch wieder back to the Deutschlandrettung. Wenn schon nicht über Grass, dann wenigstens über den Zehnten der Erbkohle? Und nach dem späten Outing Martin Walsers als biologischem Vater dann eventuell sogar noch über neue Moneten vom Bestseller-Autor?

Was für eine dumpfe Kapitalismuskritik ist das denn?

Aber Moment mal: Für Deutschland? Heute weiß doch längst jedes Kind, dass wir die fehlenden Milliarden für die Finanzierung der „Idee Europa“ brauchen und am wenigsten für Deutschland. Augstein also nun Befürworter der Reichensteuer, diese – räusper – ach so visionäre neue Idee der Zwangsanleihen bei den Dagobert Ducks der Republik. Ducksteins Begründung fällt dann auch denkbar einfältig aus: „In Deutschland gilt: Wer Geld hat, wird noch mehr Geld haben.“ Aber bitte, bitte armer reicher Jakob, wo in Gottes Namen ist das auf unserem Planeten anders? Was für eine neue Erkenntnis sollte also dahinterstecken? Was für eine dumpfe Kapitalismuskritik ist das denn?

Ja, ja – schnipp, schnapp, die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auseinander. Mensch, früher vernichteten Krieg und Inflation Vermögen. Heute sorgen aber immer öfter Krieg und Inflation für Vermögen. So etwas kann man lauthals diskutieren. Debatte machen. Aber doch nicht mit einer Befürwortung der Reichensteuer. Kapitalismus bedeutet immer Zuspitzung. Denn nicht nur die Karawane zieht weiter, auch die Geldkonzentrationsspirale dreht sich im uralten kapitalistischen Uhrzeigersinn. Bill Gates und seine paar Milliardärskumpel spenden die Hälfte ihres Vermögens und lassen die andere Hälfte fleißig weiterwachsen.

Ja, und nun? Der Deutsche Augstein möchte zehn Prozent per Gesetz als Pump an den Staat abtreten. Und abtreten lassen. Was werden seine „Freitag“-Schreiber dazu sagen? Müssen die nun fürchten, dass von dem wenigen, das fürs Schreiben rüberkommt, nun auch ein Anteil für Augsteins zehn Prozent flöten geht? Klar, zur Beruhigung geht’s ab in den Garten. Da muss ein Augstein’scher Marshall-Plan ausgebuddelt werden. Erschienen dann im Hanser-Verlag: Jakob Augstein, „Die Tage des Gärtners. Vom Glück, im Freien zu sein“. Da darf dann das grün-glückliche Deutschland auf zehn Prozent von den frischen Augstein-Möhren hoffen. Meine Fresse, was für ein hanebüchener salonlinker Kopfsalat.

Denn Zweifel bleiben ja immer

Lieber Jakob Augstein, wach auf: Das alles hat sich doch die Linke längst auf jedes ihrer dunkelroten Plakate geschrieben. Und tut es noch: „Die Millionärssteuer. Wir fordern die Millionärssteuer.“ Ein alter Hut ist das. Aber Sie sind verliebt in die große Geste und penetrieren mit der Reichensteuer „ein Zeichen der Solidarität“. Ja, Solidarität, erzwungen per Gesetz.

„Die Heller, die man in den Sand
ihm warf aus schimmernden Karossen, sind alles, was vom Vaterland der arme Mann genossen.“

Ihre Kolumne heißt „Im Zweifel links“. Das scheint Ihnen Verpflichtung. Denn Zweifel bleiben ja immer. Auch rechts, wie Ihre Buße für die Haltung in der Grass-Sache klargestellt hat. Die Zweifel links indes sind bei Ihnen bemerkenswert größer. Warum aber zweifeln? Warum die Sommerlochparty „Reichensteuer“ feiern, wenn die Millionärssteuer längst bei den Linken abgefeiert wird? Und gerechter ist sie doch alle Male. Also, Arsch zusammenkneifen. Links denken. Oder zurück in den Garten. Schön Möhrchen zupfen.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Wallasch: Wachablösung für Maxim Biller

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