Es ist gut, dass die Menschen ihr Geldsystem nicht verstehen, denn sonst hätten wir noch vor morgen früh eine Revolution. Henry Ford

Und es hat Wumms gemacht

In seinem von der Presse ignorierten Buch argumentiert Rolf Bergmeier glänzend – und räumt mit so vielen Mythen auf, dass es neuzeitlichen Katholiken sicherlich den Schaum vor den Mund treibt.

Matthias Matussek – gegenwärtig einer der großen unbeugsamen Streiter für die katholische Kirche („Das katholische Abenteuer“) – ist ein bekennender Heine-Verehrer. Ja doch, sein großes „Wir Deutschen“ ist im Kern eine Ode an Heine; ausgerechnet jener Heine, der im „Wintermärchen“ empört über die große Domstadt Köln dichtete: „Die Flamme des Scheiterhaufens hat hier Bücher und Menschen verschlungen; die Glocken wurden geläutet dabei und Kyrieeleison gesungen.“ Ein Widerspruch in einer großmütigen katholischen Geste?

Totengräber der Hochkultur

Das vorliegende Buch jedenfalls ist geeignet, diesen Matussek’schen Dissens weit in den Schatten zu stellen. Denn – das sei vorweggenommen – es behauptet nichts weniger, als dass das Christentum der Totengräber einer antiken Hochkultur sei, deren Wirkgrad in die europäische Moderne hinein noch um ein Vielfaches größer gewesen wäre, wenn die Kirchenvertreter in Köln, in Rom, in ganz Europa! nicht mehr als 99 Prozent der überlieferten antiken Literatur unwiederbringlich ihren lodernden Scheiterhaufen verantwortet hätten. Und wahrscheinlich steht in diesem Moment schon den meisten neuzeitlichen Re-Katakomben-Katholiken edelweißer Schaum vor dem Mund. Aber es wird noch dicker kommen!

Althistoriker, Philosoph und Kirchenkritiker Rolf Bergmeier beschreibt in seinem mitreißenden Werk „Schatten über Europa“ nicht etwa die Schatten der Finanzkrise, sondern eine noch vielfach düstere Weltverschattung durch das Christentum. Der Autor bleibt dabei durchgehend auf Karlheinz-Deschner-Niveau. Deschner, der große Franke, dessen kirchenkritisches Werk seit Jahrzehnten derart von katholischen Bosheiten flankiert wird, dass zumindest darin eine Renaissance des Katholischen behauptet werden könnte.

Ohne abzuschweifen: Die von Günter Grass bejammerte „Gleichschaltung“ der Presse würde sich neben einer gleichen Behauptung von Bergmeier ausnehmen wie ein Kindergeburtstag neben den Feierlichkeiten zur Wiedervereinigung. Wer „Schatten über Europa“ googelt, findet keine einzige Rezension – nicht einmal einen Verriss! – einer größeren deutschen Zeitung. Feuilletonverweigerung? Die moderne Form der Bücherverbrennung? Oder zu Recht Skepsis für ein dann doch sehr gewagtes Historiker-Kabinettstückchen?

Stecken wir also unsere mit christlicher Kernseife sauber gewaschenen Hände mal tief in die Glut und packen das heiße Eisen dort an, wo das kolossale Wagnis und die wahre Düsternis des von Bergmeier postulierten „Schatten über Europa“ so unerhört ins gleißende Licht tritt: Auf Seite 172, nach einem seitenlangen, wirklich atemberaubenden Augustinus-Bashing, lautet Bergmeiers Fazit: „Augustinus ist eine vermutlich psychisch kranke, tragische Figur, zugleich die prägende Gestalt einer aus dem Ruder laufenden Religion. (…) Dass solche Wahnvorstellungen ungebremst zum Mittelpunkt der christlichen Lehre werden durften, dass diese Lehre fast zweitausend Jahre die Herzen der Menschen vergiften und die Sinne der Fürsten vernebeln durfte, ist Schuld der christlichen Kirche, die aus diesem Katastrophen-Szenarium gewaltige Vorteile ziehen wird.“

Wumms

Augustinus? Wir erinnern verstört, das ist doch jener „Kirchenlehrer“, dessen Theologie die Lehre fast aller westlichen Kirchen, ob katholisch oder protestantisch, beeinflusste. Ja, sogar die theologischen Schriften des heutigen Papstes, Benedikt XVI., sind wesentlich von Augustinus’ Lehre durchdrungen. Ungeheuerlich! Aber so ungeheuerlich dann doch wieder nicht, denn folgt man dem Bundeswehroffizier i. R. Bergmeier bis hierher, kommt man nicht umhin, in dieser Zwischenbilanz so etwas wie eine Bergmeier’sche Folgerichtigkeit anzuerkennen.

Und seine Dramaturgie ist so wirkungsvoll wie denkbar einfach: Er beginnt mit einer Schwärmerei: „Beheizte Bäder, kühlende Brunnen, Fischteiche und Gärten – Mitte des vierten Jahrhunderts ist das Leben im Imperium Romanum von beeindruckenden zivilisatorischen Errungenschaften gekennzeichnet. In allen Städten gibt es Schulen, Gymnasien, Bibliotheken, Theater und Schauspiele. Nur hundert Jahre später ist alles vorbei. Die Wasserleitungen verfallen, die öffentlichen Schulen werden geschlossen, die Theater veröden, die meisten Menschen können nicht mehr lesen und schreiben.“

Dann folgt sein Kapitel über die Auflösung der antiken Kultur. Gefolgt von Theorien zu den Ursachen des Kulturverfalls gipfelnd in der Festlegung: „Ursache: Staatskirche und ihr neues Weltbild“. Bergmeiers drei Abschlusskapitel beschäftigen sich mit dem „Aufbruch ins Mittelalter“, „Warum dennoch Teile der antiken Kultur überliefert sind“ – hier sind es für den Autor übrigens Araber und Byzantiner, welche die antiken Denker ab 1200 n. Chr. rückübersetzen ins Lateinische und quasi Europa damit reloaden! – und Bergmeiers Epilog: „Was hätte aus Europa werden können!“.

Alles glänzend durchargumentiert. Am deutlichsten widerlegt er jene beiden im heutigen christlichen Weltbild in Zement gegossenen Thesen, dass erstens die Vandalen die Zerstörer der Antike waren: „Es gibt keinen nachvollziehbaren Anlass für die Annahme, die Goten hätten im Jahre 410 Rom und die römische Kultur zu vernichten gesucht.“ Die Geschichte der gallischen Westgoten ließe an keiner Stelle den Schluss zu, „sie seien wie die Kultur-Elefanten im römischen Porzellanladen herumgetrampelt. Pikanterweise nennen sich die Vandalen auch Christen, sind aber in der christlich-kirchlichen Überlieferung Ketzer, da arianischen Glaubens.“

Und zweitens, dass die Klosterbibliotheken die Bewahrer des antiken Erbes seien: „Kennzeichen frühmittelalterlicher Klosterbibliotheken ist also die Selektion.“ Was übrig blieb in den Bibliotheken sei eine „unüberblickbare(n) Anzahl redundanter theologischer Kommentare (…) der ,Kirchenväter‘ (…), die, bei Lichte betrachtet, sich nur unwesentlich von den islamischen Glaubenskämpfern unterscheiden, die ihr Leben für die Religion hinzugeben bereit sind.“

Wumms! Und „Wumms“ macht es auf vielen Seiten, ohne dass man auch nur für den Moment an Effekthascherei glauben würde. Mensch, der Mann ist Althistoriker und Philosoph. Staubtrocken ist hier dennoch nichts.

Der Mensch ist nicht per se schlecht

Aber Bergmeier ist kein Romancier. Dazu erscheinen seine Quellen einfach zu akribisch belegt. Andererseits weiß natürlich jeder, dass der gemeine Historiker Hitler zu Gandhi und umgekehrt machen kann. Geschichtsschreibung bleibt nun mal Zitat-, Quellenstudium und Interpretation. Die Masterfrage an das Gros der Leser, die ja bestenfalls Laienhistoriker sein können, kann also nur die Glaubensfrage sein: Glauben Sie, dass sich die Fragmente des antiken Erbes wegen oder trotz des Christentums erhalten haben? Und irrt nicht letztlich der, der wider der christlichen Lehre feststellt: Nein, der Mensch ist nicht per se schlecht?

Ein Widerspruch in sich, denn der „gute Heide“ – der ja aus der Warte des Unterlegenen den Erfolg des Christentums in der Welt betrachten muss – schaut auf eine fulminante Erfolgsgeschichte dieser Schlechtgläubigen. Ergo muss der Mensch tatsächlich von Natur aus schlecht sein (das genau ist ja die Erfindung des Augustinus!), wie sonst auch hätte sich dieses Christentum über fast 2000 Jahre erhalten und zur Weltkirche entwickeln können?

Und damit beginnt dann – nicht wegen, aber mit Bergmeier und Co. – wieder von Neuem dieser Circus Maximus zwischen Vernunft und Glauben, zwischen Philosophie und Kirchenlehre.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Wallasch: Wachablösung für Maxim Biller

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