Google ist nichts als eine Maschine, die Links findet und bereitstellt. Andrew Keen

Auf Cloud sieben

War da was? Facebook und andere soziale Netzwerke externalisieren unser Gedächtnis. Erinnerungen landen jetzt in der Datenwolke und die Suche nach ihnen erinnert an die Monotonie von Fließbandarbeit.

René: „Michael hat uns auf Facebook zum Geburtstag eingeladen.“ Alexandra: „Hmm… gab’s da nicht ein paar lustig kommentierte Fotos vom letzten Jahr? Irgendwo zwischen dieser furchtbaren Libyen-Sache und der überfahrenen Katze? Like es doch erst mal. Zusagen können wir immer noch.“

Erleben, erinnern – vergessen. Verändert Facebook, verändert das Internet jahrhundertealte Denkmuster? Erleben wir im 21. Jahrhundert eine radikale Veränderung der Erinnerungskultur? Oder doch alles nicht so schlimm? Kalter Kaffee, heißer gekocht als getrunken?

Also: Im Jahre 2016 werden voraussichtlich eine Milliarde Menschen bei Facebook angemeldet sein. Jeder Einzelne wechselte dann vom privaten in ein öffentlich gefacebooktes Hier-und-Jetzt. Zu den heute schon über 900 Millionen Facebookern kommen also täglich Tausende hinzu, die ebenfalls ohne erkennbare Not einfach aufgehört haben, ihren Alltag mit ihrem individuellen Filter (Gedächtnis) zu verwalten.

Das Gedächtnis, eben jener Ort, der bisher Erlebnisse – mehr oder weniger zuverlässig und bedürfnisorientiert – in zu Vergessenes und Erinnerungswürdiges trennte.

Ab jetzt wird nur noch abgelegt

Für bald eine Milliarde Weltbürger gilt also: Ab jetzt wird einfach nur noch abgelegt. Ja, die Speicherkapazität von Facebook und Co. ist unendlich. Noch für die kleinste aufgeblasene Banalität steht ausreichend Platz zur Verfügung. Übrigens im selben virtuellen Raum, wo auch die großen Nachrichten ihren Platz finden. Erinnerungsdemokratie. Eine Konkurrenz untereinander entfällt. Relevanzunterscheidungen: Fehlanzeige. So wird ausnahmslos jedes Erlebnis hingewürgt, ausgespien und als potenzielle Erinnerungskotze gesichert und abgespeichert.

Klar, dass das neue Fragen aufwirft. Beispielsweise die, wie man sich jetzt überhaupt noch an bestimmte Fragmente gelebten Lebens erinnern soll. Besitzen wir in lichten Momenten noch die Fähigkeit, Erinnerungswürdiges aus dieser monströsen Datenmüllkippe herauszufiltern? Und was ist uns überhaupt noch erinnerungswürdig geblieben? Welche Funktion haben solche gefacebookten Erinnerungen?

Wie war das denn früher, als wir Phasen unseres Lebens dankenswerterweise dem vorläufigen Vergessen übergeben konnten und auf der anderen Seite die wunderbare Fähigkeit besaßen, weit zurückliegende Wohlfühlmomente jederzeit neu mit Leben zu erfüllen?

Wer noch vor wenigen Monaten (mittlerweile hat Facebook wohl eine archivähnliche Funktion mit einer Chronologie eingesetzt) versuchte, ein – sagen wir mal drei Monate altes – bei Facebook abgelegtes Erlebnis als Erinnerung zurückzuholen, der weiß, wovon die Rede ist: ein „Zurück“-Button-Geklicke stur-chronologisch über alle kommentierten und geliketen Erinnerungen hinweg, das so verdammt an die Monotonie industrieller Fließbandarbeit erinnerte.

Erinnerungssuche. Ein elender Zeitaufwand, der früher lediglich eine Sekunde des Nachdenkens und der Konzentration verlangte. Mehr nicht. Und ganz gleich, welche noch ausgefeilteren und mit noch höherem Verwaltungsaufwand belegten Facebook-Archiv-Funktionen folgen werden, die emotionale Zuordnung könnte selbst das perfekteste System nicht übernehmen. Und wie auch soll ich mich an etwas erinnern, das ich lediglich virtuell auf dem großen Pinnwand-Haufen abgelegt habe?

Abgabe von Gehirnfunktionen

Die Einführung des Taschenrechners im Schulunterricht belegt längst eindrucksvoll die Abgabe von Gehirnfunktionen und Fähigkeiten. Ebenso das Word-Rechtschreibprogramm oder beispielsweise die Google-Suchfunktion. Letztere wird übrigens sogar von eisernen Facebook-Verweigerern nicht infrage gestellt. Da müsste man die Verbindung ins Virtuelle schon endgültig trennen, um dieser Informationskrake zu entkommen.

Also, was erwartet uns irgendwann, wenn wir unsere biologischen Erinnerungsspeicher samt emotionaler Sortieranlage vollständig an Facebook und Co. abgegeben haben? Wer kann sich eine Win-Win-Situation vorstellen und wie könnte die aussehen?

Gerade postet Alexandra Fotos vom „ganz netten“ Geburtstags-Grillabend bei Michael und bekommt schon nach 15 Minuten 37 Likes. Leider wurde dann eine Katze überfahren und nach 276 Kommentaren geriet der Grillabend in Vergessenheit.

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