Gefangen im Zwang der Zwänge

Alexander Wallasch2.07.2015Europa, Gesellschaft & Kultur, Wirtschaft

Es ist die unterdrückte Freiheit, die heute jedes freie Denken verhindert. Politik, Wirtschaft und Kultur leiden längst unter den Zwängen verkrusteter Entscheidungen, die vorvorgestern getroffen wurden.

Die Wirtschaft hat längst die Antwort gefunden: Was hemmt Innovationskraft? Fehlende Autonomie. Abhängigkeiten, die neue Entwicklungen, freies Denken, die Inspiration, Mut und Risikobereitschaft ersticken.

Das ist also keine neue Erkenntnis. Und sie ist sogar übertragbar auf die Entwicklung von Gesellschaften. Denn wenn zu viele Zwänge von außen autonome Entscheidungen verhindern, kann nichts Neues entstehen, dann bleiben wir im Alten verhaftet und sind nur noch mit Reparaturen beschäftigt, die Fehlerquellen nicht beseitigen, sondern sie allenfalls über den x-ten Bypass umgehen.

Konkret – oder besser: historisch betrachtet – blicken wir auf ein 20. Jahrhundert zurück, das uns gelehrt hat, dass autonome Entscheidungen und das Experimentieren mit neuen Gesellschaftsmodellen die Welt an den Rand einer Katastrophe führt. Die dunkelsten Eckdaten sind Auschwitz, dann kommt lange nichts und hintendran der Gulag und Hiroshima.

Auch die Politik versucht, Freiheitsgrade einzuschränken

Parallel zur wirtschaftlich-expansiven Globalisierungsbewegung, die ja im Kern nichts anderes ist als die Erweiterung der Zielgruppenansprache, die Neutralisierung von Vielfalt und die Standardisierung von Produktionsmitteln und -prozessen, ist auch die Politik den Weg gegangen, autonomen Entwicklungen den Kampf anzusagen. Internationale und europäische Verträge und Bündnisse haben daher ein primäres Ziel: die Eliminierung unvorhersehbarer Entwicklungen.

Man könnte über das Ergebnis streiten. Sicher ist allenfalls, dass es den Menschen in Europa trotz aller Verwerfungen, trotz Finanzkrise und Co. in Summe heute so gut geht wie nie zuvor. In der historischen Perspektive wäre es interessant, zu schauen, wie es mit der inneren Zufriedenheit der Menschen aussieht. Aber dafür bräuchte man eine empirische Erhebung über Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte, die es aber so nicht geben kann.

Was uns allenfalls noch in Erstaunen versetzen kann, ist die merkwürdige Erkenntnis, dass, wenn man aktuell versucht Glück zu messen, der Oman, die USA, Venezuela, Panama und Brasilien noch vor Deutschland landen. Zumindest will das ein “„World Hapiness Report“()”:http://www.focus.de/gesundheit/ratgeber/psychologie/gesundepsyche/tid-34628/wo-die-gluecklichsten-menschen-wohnen_aid_1156236.html vor wenigen Jahren herausgefunden haben.

Im Zweifel für den Gartenzaun

Jeder kennt das, im Menschen toben zwei Seelen, die eine ist neugierig und sehnt sich nach Veränderung, nach neuen Impulsen, die andere will das Erreichte solidieren beziehungsweise validieren und zieht im Zweifel einen Gartenzaun, um sich gegen den nächsten Nachbarn abzugrenzen.

Was nun im politischen Kontext des 21. Jahrhunderts besonders auffällt, ist diese Stagnation als kollektive Sedierung. Dabei stehen die Nationen heute zumindest in Europa vor dem Super-GAU.

Die Familie als kleinste Einheit, quasi als Atomkern großer Gemeinschaften, ist ohne nennenswerte Gegenwehr vakant gestellt. Die autonome Gesellschaft der Freien unter Freien befindet sich auf dem Rückzug. Egalität wurde zum Dogma des 20. Jahrhunderts. Genauer: Sie ist für viele eine zwangsläufige und in Kauf genommene Folge des Siegeszuges der europäischen Demokratie geworden. Oder wie der heute wieder so aktuelle Alexis de Tocqueville (Begründer der vergleichenden Politikwissenschaft) feststellte: „Die Menschen sind ständig von zwei widerstreitenden Leidenschaften geplagt; sie fühlen das Bedürfnis geführt zu werden, und dabei die Lust, frei zu bleiben.“ Er beschreibt also die Ambivalenz von Freiheit und Gleichheit.

Adenauer wollte Europa und kein autonomes Deutschland

In Deutschland hat die Politik der Nachkriegszeit im Wesentlichen ein gleiches Ziel verfolgt: Adenauers zentrales Anliegen war die europäische Einigung. Also nichts weniger als das Ende einer deutschen Autonomie. Seine Botschaft lautete „Europa muss geschaffen werden.“

Helmut Kohl war dahingehend der beste Enkel, den man sich wünschen konnte. Sein freiwilliger Ausverkauf deutscher Autonomie (wenn Sie so wollen: Souveränität) ging so weit, dass er die jahrzehntelang herbeigesehnte deutsche Wiedervereinigung kompromisslos nutzte, um den nächsten Schritt zu gehen: die Abschaffung der deutschen Währung zugunsten des Euro auf dem Weg hin zu einer politischen Einheit Europa, hin zu einer Auflösung Deutschlands samt dieser ungeheuren Last namens Auschwitz. Deutschland samt Schuld und Sühne wäre dann verschwunden oder mindestens assimiliert worden von den Vereinigten Staaten von Europa.

Dass sich die verbliebenen Staaten des Kontinents energischer gegen die Aufgabe ihrer Autonomie stellen, daran hatte man in Bonn und Berlin allerdings nicht gedacht. Also wurde, wie man aktuell am Beispiel Griechenland gut erkennen kann, getrickst und betrogen, üppig bezahlt und hemmungslos gelogen, um doch noch erfolgreich zu sein.

Tod durch Ideenlosigkeit

Die Wirtschaft passte sich erstaunlich schnell an. Im Zuge der Globalisierung wurde jeder weitere freiwillige Verzicht auf Souveränitäten dankend angenommen, gipfelnd in der aktuellen Diskussion rund um das Transatlantische Freihandelsabkommen (TTIP), speziell in der Frage außerstaatlicher Gerichtsbarkeiten, also dem Klageweg internationaler Unternehmen gegen Gesetzgebungen der Bundesrepublik Deutschland.

Was hat das alles zu bedeuten und warum fühlt es sich für den Bürger, für die Menschen und Familien so an, als wäre Demokratie, als wären Wahlen nur noch eine Farce? Die Erklärung ist so einfach, wie eine Lösung des Problems ohne nennenswerte Verluste unlösbar geworden scheint: Immer findet sich einer, der auf diese oder jene Auswirkung dieser oder jener Entscheidung verweisen kann. Die lebensnotwendige Innovationskraft eines Landes, eines Staates, eines Volkes scheint im selben Maße zum Erliegen gekommen zu sein wie seine positive Geburtenbilanz. Wir sterben mit jeder fehlenden neuen Ideen weiter aus.

Aber anstatt nun die Ursache zu beheben, folgen wir der Wirtschaft wie Lemminge und lassen uns hineinziehen in diesen Sog leerer Rentenkassen, die immer lauter nach Ein- und Zuwanderung schreien. Also nach Menschen, die keine Fragen stellen, die keine Ausbildung brauchen, die keine Kosten verursachen, sondern im Idealfalle frisches Geld erarbeiten und den Konsum ankurbeln. Eine waghalsige Abhängigkeitsspirale. Ein Abbau von Autonomie und Souveränität. Und damit einhergehend die Erzeugung von immer mehr Verflechtungen und Abhängigkeiten, die, wie schon eingangs erwähnt, neue Entwicklungen, die freies Denken, die überhaupt Inspiration, die Mut und Risikobereitschaft ersticken.

Krieg hat früher die Karten neu gemischt – was sorgt heute für das Gewitter?

Was kann diese Lähmung noch lösen? Wie kann man die Tafel abwischen, wenn alles bis in den letzten Winkel vorgeschrieben ist? Früher sorgten Kriege für das reinigende Gewitter. Kriege sind sogar heute noch an vielen Plätzen der Welt das probate Mittel, die Karten neu zu mischen. Aber wie die jüngsten Entwicklungen in Nordafrika und im Nahen Osten zeigen, ist das darauf folgende deutsche Wirtschaftswunder alles andere als ein automatischer Exportartikel.

Was wir heute brauchen, ist Mut, „Nein“ zu sagen, auch wenn das bedeuten könnte, dass wir wirtschaftlich empfindliche Verluste hinnehmen müssten. Ein „Nein“ als Option für viele neue „Ja“. Denn „Nein“ schafft Raum für neue Ideen. Schafft Platz für neue Generationen. Für Menschen mit eigenen Ideen und Lebensmodellen, für Familien, die selbst bestimmen möchten, wie sie zusammenleben wollen und welche Zukunftsperspektive sie für ihre Kinder wünschen.

Und selbst, wenn das am Ende bedeutet, dass wir die dereinst mit heißer Nadel gestrickten, längst abgekühlten und verkrusteten europäischen Verflechtungen und Verpflichtungen nicht mehr einhalten wollen, dann ist das eben so. Das Horrorszenario einer ewigen Kriegsgefahr vs. selbst gewählter Veränderung ist doch in den allermeisten Fällen ein Stigma: Das ganze Leben basiert doch auf dem Prinzip der Diskontinuität.

Wenn schon, dann müssen wir Verantwortung übernehmen für relevante Zeiträume. Und wie der freundliche Mitdenker “Hasso Mansfeld()”:http://www.theeuropean.de/hasso-mansfeld telefonisch weiter erklärt: „Warum etwas retten, das sowieso in der Sonne verglüht?“ Die schöpferische Kraft des Zerstörerischen muss ja nicht unweigerlich Krieg bedeuten, sondern, wenn Sie so wollen, kann es auch, wie in Griechenland, zunächst einmal Verweigerung sein. Aus der Not heraus zu neuen unbekannten Ufern? Womöglich. Schauen wir mal.

bq. „Und wer ein Schöpfer sein will im Guten und Bösen, der muss ein Vernichter erst sein und Werte zerbrechen. Also gehört das höchste Böse zur höchsten Güte: diese aber ist die schöpferische.“ _Friedrich Nietzsche_

Oder einfacher: Nur wenn Du es anders machen kannst, hast Du auch die Chance, es besser zu machen.

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