Ich bin nicht der oberste Techniker der Nation. Wolfgang Schäuble

Zur besten deutschen Sendezeit

Ja doch, es gibt sie noch: die großen deutschen Fernsehmomente. Solitäre, die das Potenzial haben, auf eine Weise zu fesseln, dass über die ultrakurzen Halbwertzeiten medialer Ereignisse hinweg etwas Andauerndes angelegt wird.

Mich erwischte es buchstäblich aus dem Nichts heraus. Beim Zappen über das Format RTL-Dieter-Bohlen-DSDS hinweg landete ich am Samstagabend auf VOX zufällig bei einer Dokumentation, die mich über mehrere Stunden immer mehr in ihren Bann zog – die mir quasi aus dem Nichts heraus ein flaues Gefühl in den Magen hub, das weiter andauert. Eine große Emotionalisierung. Fernsehen, wie man es früher einmal von öffentlich-rechtlichen Sendern erwartete und nie mehr bekommen hat.

Verdüsterte Lindenstraße 2.0

Gut, der Titel klingt zwar immer noch reißerisch nach Privatfernsehen: „Asternweg – eine Straße ohne Ausweg“. Bei der Dokumentation selbst würde es mich allerdings wundern, wenn die TV-Preisauszeichnungsmaschinerie nicht zu Höchstform auflaufen würde: erschütternd, mitreißend, authentisch. Und auf seltsame Weise magisch. Magischer Realismus zur besten deutschen Sendezeit. Produziert vom unabhängigen TV-Sender 99promedia, ausgerechnet von jenem Unternehmen, das uns sonst Daniela Katzenberger und Co. in Doppel-D in die Wohnzimmer ballert.

Die Dokumentation berichtet aus einem sozialen Brennpunkt in Kaiserslautern. Vom „Asternweg“ – die verdüsterte Doku-Version einer Lindenstraße 2.0. Die meisten Großstädter kennen solche Orte nur vom Vorbeifahren oder aus den Schlagzeilen der Regionalzeitung. Einer der ältesten in Deutschland findet sich hier am nordwestlichen Rande des Pfälzerwaldes: der ehemalige sogenannte „Kalkofen“, der irgendwann von der Stadt – was Minute für Minute zynischer anmutet – umbenannt wurde in Astern-, Geranien- und Veilchenweg.

Dem Team der Produktionsfirma 99promedia ist es gelungen, dieser vermeintlichen „Zille-Welt“ mit dem Brennglas jegliche Romantik auszubrennen. Über mehr als ein halbes Jahr sind die Macher auf eine Weise auf Tuchfühlung gegangen, wie man es im deutschen Fernsehen zuletzt erleben konnte, als RTL 1994 über „Die Kinder von Köthen“ berichtete und uns die vier Skinhead-Jungs der Familie Ritter vorstellte um 13 Jahre später noch einmal nachzuschauen, was aus den Hitler-Jungs geworden ist.

Lieber Alkohol als Strom

„Asternweg – eine Straße ohne Ausweg“ nimmt gewissermaßen diese letzte Hürde, überwindet diese reflexartige Distanz des Politischen noch einmal, und setzt den Zuschauer direkt neben den Alkoholiker an den Sperrmülltisch im abgewrackten Gelsenkirchner Barock oder fährt mit der Kneipenwirtin des Viertels, Ilse, einkaufen. Das Nötigste besorgen für eine Familie mit vier Kindern und einer Neugeborenen, die nebst den Großeltern auf wenigen Quadratmetern hausen mit schimmligem Badezimmer und ohne eigene Betten für die Kinder, deren Eltern nicht in der Lage sind, am Alkoholismus, Drogenkonsum und Unvermögen vorbei, ihre täglichen Besorgungen zu erledigen, den Kühlschrank zu füllen, Klopapier vorrätig zu halten oder Zahnbürsten für die Kleinen.

Duschen gibt es keine und im Ofen wird aus der Not heraus der Sperrmüll von der Straße verheizt, wenn diese Heizquelle nicht gerade – wie beim 62-jährigen „Jockel“ nächtens von einem Saufkumpan mit dem unsachgemäßen Verbrennen von Bettlaken und Kleidung – zerstört wurde. Hier schläft der Alkoholiker nun den Winter durch bei vier Grad, denn selbst Strom für einen Heizlüfter gibt es nicht. Strom wurde nämlich nicht einmal beantragt, weil dann noch mehr Geld für Alkohol fehlen würde.

Jockels Hartz IV geht vollständig an Ilse in die Kneipe, von der er weiß, dass sie ihm Schnaps und Bier so gewissenhaft zuteilt, dass zum einen das wenige Geld über den gesamten Monat reicht und er zum anderen keine Entzugserscheinungen bekommt.

Odyssee des totalen Scheiterns

99promedia schreibt zur Ideenentwicklung:

„In den vergangenen Jahren gab es auch in Großbritannien Formate, die das Leben in sozialen Brennpunkten thematisierten und stark polarisierten. Ihre brisanten Inhalte wurden in den Medien vielfach diskutiert und lösten auf höchster politischer Ebene Debatten um die Höhe und Anpassung von Sozialleistungen aus.“

Was diesen Vierstünder so eindringlich macht, sind seine Protagonisten. Ja, man mag es kaum sagen: Menschen wie Du und ich. Hier entscheidet nicht, wie noch bei den RTL-Ritters, der Standort „Köthen“ oder perspektivloses Leben in den neuen Bundesländern, sondern einzig das individuelle Schicksal. Schicksalsschläge hautnah.

Eine faszinierende Odyssee des totalen Scheiterns. Leben auf zu dünnem Eis: hoffnungslos Eingebrochene. Schlimmer noch: Unrettbare. Denn nach vier Stunden ist es noch dem Letzten klar: Diesen Menschen ist kaum noch zu helfen. Vielleicht den Kindern, ja. Aber die Alten können von der Gesellschaft nur noch notdürftig verwaltet und halbwegs menschenwürdig bis zum bitteren Ende hin betreut werden.

Die 36-jährige Katharina Dittrich-Welsh ist die einzige Protagonistin, die von außerhalb kommt. Wie die Wirtin Ilse ist sie für die Menschen vom Asternweg ein Engel des Viertels. Sie kümmert sich ehrenamtlich. Wenn auch meistens vergebens, wenn sie wieder einmal den Ein-Euro-Job – ja, selbst dafür gibt es noch unüberwindbare Hürden! – organisiert hat und sich freut wie ein Kind, aber am schon am ersten Tag keiner den Dienst antritt, weil der Alkohol wieder näher war als die Chance zur positiven Veränderung. Aber Katharina nimmt trotzdem immer wieder Anlauf. Eine Sisyphus-Arbeit. Und man versteht am Ende mit ihr, das es gar nicht mehr darum gehen kann, etwas zum Besseren hin zu verändern, sondern nur noch um die große Kleinigkeit, unermüdlich Zuneigung oder so etwas wie menschliche Restwärme zu verteilen. Also Menschlichkeit in seiner urchristlichsten Form.

Umarmung mit der Ausweglosigkeit

Wie sie es gemacht haben, bleibt für den Zuschauer offen, aber das Vertrauen zwischen den Protagonisten und dem Kamerateam ist in jeder Sequenz spürbar. Natürlich hat das ganze Projekt etwas Voyeuristisches. Aber die Betrachtung dieses Elends, diese traurig staunenden Kindergesichter, deren Zukunft bereits in den katastrophalen Lebensumständen der Erwachsenen vorgezeichnet scheint, ist von einer großen Wahrhaftigkeit, die über Häme und Hochmut auch deshalb gewinnt, weil sie nicht urteilt, weil sie nie dichter heranfährt, wenn das Elend unerträglich offensichtlich wird – nein, sie ist ja bereits so dicht dran, dass dichter heran einer direkten Berührung gleichkäme. Einer Umarmung mit der Ausweglosigkeit.

Ein berührendes filmisches Dokument also, das viel Kraft braucht, hinzuschauen, eine Arbeit, wie man sie so im deutschen Fernsehen viel zu selten zu sehen bekommt. Lehrer sollten sich dazu aufraffen, diese vier Stunden für ihre Schüler zu investieren – für ihren Sozialkundeunterricht wäre es jedenfalls eine ungeahnte Aufwertung.

Man darf gespannt sein, was die Stadt Kaiserslautern nun aus diesem vorgehaltenen Spiegel lernt und wie die Kaiserslauterer selbst reagieren. Die Chance besteht jetzt jedenfalls, dass „Asternweg – eine Straße ohne Ausweg“ dieses seltene Mitgefühl generiert haben könnte, das individuelles Handeln erst möglich macht. Möglicherweise schon morgen, wenn wieder einer an gepflegteren Stammtischen überm Marken-Bier über Faulheit und viel zu hohe Hartz-IV-Sätze philosophiert. Wenn einer mal wieder nicht verstehen will, dass dieses merkwürdige Leben seine Schicksalsschläge ungerecht verteilt: Für die, die womöglich besser davongekommen sind, müsste es doch nun endlich an der Zeit sein, Demut zu zeigen und diese Demut in Handeln umzuwandeln. Aus individueller Dankbarkeit. Für den Nächsten.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Wallasch: Wachablösung für Maxim Biller

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