Ein Läufer braucht Träume im Herzen, nicht Geld in der Tasche. Emil Zatopek

Lest Chesterton!

Wer dem Kalorienrausch und der Rührseligkeit entgehen will, der kann zu Gilbert Keith Chesterton greifen. Der Erfinder von “Father Brown” schrieb einige der schönsten Geschichten und Essays über Weihnachten.

Es lässt sich nicht länger verheimlichen: Weihnachten naht mit Sauseschritten. Die Glühwein- und Lebkuchen- und Geschenkpapierseligkeit macht sich breit. Seit September zwar mag es in den Lebensmittelgeschäften Christstollen geben und Dominosteine sonder Zahl. Erst nun aber werden die Sternenlichter in den Fußgängerzonen montiert, erklimmen dicke Stoffmänner im Kapuzenanzug die Häuserfassaden. Elche, leuchtend von innen, lassen sich in Vorgärten nieder. Weihnachten naht, und das ist eigentlich immer eine Zumutung.

Um dieser zu entgehen, empfiehlt es sich sehr, wo immer möglich, Menschenmassen zu meiden. Auch Weihnachtsfeiern samt promillegesteuerter Zwangsverbrüderung sind in der Regel ein Inferno, knapp vor Ultimo. Gar nicht reden wollen wir hier von den familiären Spontanausbrüchen eines rigiden Näheverlangens. Spätestens die Jahresrückblicke Anfang Dezember zeigen an, dass man mit Weihnachten am liebsten fertig ist, bevor es begonnen hat.

Weihnachten, “eine Flagge der Revolte”

Ein wunderbares Gegengift sind da die soeben auf Deutsch erschienenen Betrachtungen Gilbert Keith Chestertons, des Erfinders von “Father Brown”. Der füllige Engländer, der 1936 verstarb, war ein begnadeter Erzähler und ein beneidenswert witziger, bewunderungswürdig kluger Essayist. In “Die englische Weihnacht”, soeben im Verlag “nova et vetera” erschienen, präsentiert er sich einmal mehr als Lebemann mit Grundsätzen, als frommer Dandy, streitfreudiger Bohemien mit dem unbesiegbaren Drang zur Allversöhnung. Darum gelangen ihm zum heute so traurig überzuckerten Weihnachtsfest einige der schönsten Sätze.

Weihnachten nennt er, der auch Demokrat war und Traditionalist, “eine Flagge der Revolte. Denn das, was das Banner hinausschleudert, ist die Sprengkraft, ist der Windstoß des Magnificat. Ihm haben so viele Revolutionen nur halb gehorcht und folglich versagt. Denn es ist zwecklos, die Mächtigen vom Thron zu stürzen, es sei denn, wir können die Niedrigen erheben.” Eben genau diese Umwertung der Werte nahm ihren Anfang in der ersten Weihnacht, in einer vorderasiatischen Krippe.

Das grundlegend menschliche Verhältnis zur Welt ist für Chesterton das des Erzählers. Menschen sind jene Wesen, die sich Geschichten erzählen – und die diese Geschichten deshalb weitergeben, weil sie an sie glauben. Nicht anders könne man sich der Geschichte von Weihnachten nähern. Begreifen, heißt das, kann man das Fest nur, wenn man sich davon erzählen lässt und wenn man das Erzählte glaubt, also begreift.

“Ein unsterbliches Abenteuer”

Ebenfalls in “Die englische Weihnacht” nennt Chesterton “die größte aller Segnungen” den Bumerang, “und all die gesündesten Dinge, die wir kennen, sind Bumerangs – das heißt, es sind Dinge, die wiederkehren. Der Schlaf ist ein Bumerang. Morgens werfen wir ihn von uns, und zur Nacht streckt er uns wieder nieder.” Auch das Tageslicht sei ein Bumerang und ebenso das Weihnachtsfest. Solch ein Ereignis zu haben, “bedeutet nicht unbedingt, dass ein zufälliges Ereignis auf Biegen und Brechen wiederholt werden muss, sondern dass man ein immer wiederkehrendes Abenteuer hat und deshalb in gewissem Sinne ein unsterbliches Abenteuer.”

Insofern können all die Reklame und der Promillerummel und das Gefeilsche dem Abenteuer nichts anhaben.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Kissler: Provision auf Weltrettung

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