Ich liebe meine Frau, nicht meine Partei. Joschka Fischer

Bunte Spiele

Mit dem Rheingold hat an der Bayerischen Staatsoper Der Ring des Nibelungen wieder begonnen. Andreas Kriegenburg erzählt ihn als Einspruch gegen den Mythos der Jetztzeit. Ein Triumph? Ein Triumph.

Dieses Werk schreibt sich in jede Gegenwart ein. Richard Wagners „Der Ring des Nibelungen“ scheint wieder Stück der Saison zu werden. In Frankfurt am Main wurde die Tetralogie mit der „Götterdämmerung“ beendet, Mannheim hat das „Rheingold“ hinter sich, die Ko-Produktion von Ludwigshafen am Rhein und Halle an der Saale steht kurz vor dem „Siegfried“. Vier Flussstädte haben vorgelegt mit der Menschheitsparabel, die „auf dem Grunde des Rheins“ beginnt, in „grünlicher Dämmerung“, und endet mit dem Untergang eines göttlichen Geschlechts. München reiht sich ein mit dem ersten „Rheingold“ seit 2002. Kent Nagano dirigiert das Bayerische Staatsorchester, Andreas Kriegenburg inszenierte.

Ineinander von Familiensaga und Kosmogonie

Eigentümlich ist neben der berückenden und allzeit zitattauglichen Musik das Ineinander von Familiensaga und Kosmogonie, von Technik- und Kapitalismuskritik, Begehren und Kalkül. Kriegenburg liefert die Antithese zum allzu düster geratenen Mannheimer Pendant. Dort verbannte Achim Freyer seine Sänger hinter riesige Masken und erteilte Farbverbot: eine niederschmetternd monotone Angelegenheit. Kriegenburg hingegen greift hinein mit beiden Händen in den Farbtopf, kleidet die Riesen (Thorsten Grümbel und Phillip Ens) leuchtend blau und Loge (Stefan Margita) knallrot, lässt das Gold in einem gewaltigen Tresor funkeln, die Bühne mal gelb und mal ockerfarben erstrahlen. Sein kräftigster Einfall sind knapp hundert Statisten im fleischfarbenen Trikot, blau angepinselt, die den Rhein in einen atmenden Leib aus Leibern verwandeln. In ihnen und also im wogenden Fleisch badet Zwerg Alberich, von ihnen wird er böse abgewiesen. Sein Rachefeldzug, der die Tragödie in Gang setzt, ist die böse Reaktion auf eine Zurückweisung zu viel. Buchstäblich die Natur speit Alberich aus, sie will er sich zwingen in „geifernder Lust“.

Dieser Einfall, der an das Kindertheater erinnert – wie später auch die augenblickliche Verwandlung der Götter in tattrige Greise nach dem Raub Freias oder die Darstellung des Frosches durch einen kleinen Tänzer in krötenhafter Verkrümmung oder das Donnern mit Aluminiumtafeln –, belebt die Szenerie ungemein. Auch deshalb wird der fabelhafte Bass Johannes Martin Kränzle zur dominanten Figur. Tiefschwarz, bar allen Raffinements, ist sein Ausruf „so verfluch ich die Liebe“. Gegenspieler Wotan erscheint bei Johan Reuter leider als Mann ohne Eigenschaften. Das innere Feuer dieses Gottes, der sich den „prangenden Bau“ Walhall von Riesen errichten ließ, ohne an deren Sold zu denken, lodert kaum. Generell scheint die Darstellung eines schlingernden Gottes, der Göttlichkeit noch in sich trägt, zum Schwierigsten überhaupt im 21. Jahrhundert zu gehören.

Satter Sound und zarte Intermezzi

Zu Beginn, bei offener Bühne, lässt Kriegenburg den Statistenchor, aber auch die Sänger munter schwatzen, Kaffee trinken, nach dem Wasser greifen. Das Hauptthema des „Rheingold“, das uranfängliche Beginnen, wird in einer egalitären Theaterfantasie unterlaufen. Jeder Anfang, sagt uns dieser Beginn, ist Zufall oder Konvention, ist Verabredung zum Spiel. Als Spiel aber, das immer kindliche Seiten hat, können Publikum wie Macher das Beginnen und alles, was folgt, ernst nehmen. Insofern ist das neue Münchner „Rheingold“, das auf jede modische Aktualisierung verzichtet, ein idealistischer Einspruch gegen den Mythos der Jetztzeit: Schaut her, wie das zugeht, wenn auf hölzernen Brettern wir uns verkleiden und eine Geschichte erzählen. So also könnte gewesen sein, was einmal war.

Kent Nagano treibt das Bayerische Staatsorchester manchmal zu überraschenden Dehnungen und dann wieder zu überfallartigen Stauchungen des Tempos. Im Ganzen aber sorgen er und die wagnererprobten Musiker für satten Sound und zarte Intermezzi. Gewiss, nach der „Walküre“, die bereits für den 11. März annonciert ist, wird die Reise klarer sein, auf die Regie und Bühnenbild (Harald B. Thor) und Kostüm (Andrea Schraad) die Götter, Zwerge, Menschen senden wollen. Einstweilen deutet alles auf einen gewaltigen Triumph hin. Denn „traulich und treu / ist’s nur in der Tiefe“.

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