Die ersten Tage des Jahres brachten viele Erkenntnisse und noch mehr Fragen: Deutschland hat ein Ehepaar, das auf Schloss Bellevue wohnt – doch hat Deutschland einen Bundespräsidenten? Christian Wulff bekannte sich öffentlich zu Deutschland als einer Amigo-Republik, in der sich gute Freunde auch über Einkommens- und Einflussunterschiede hinweg gerne helfen, mit Geld zum Beispiel, aber ohne Hintergedanken – doch ist Deutschland eine Republik? Der Schlossmieter sieht sich in „Krieg“ und „Stahlgewitter“ verwickelt und hofft auf die kollektive Amnesie der Deutschen, diese also nicht nur für ihn bedrohliche Lage „in einem Jahr vergessen“ zu haben, Helm auf zum Gefecht – doch kann Deutschland sich einen Hauptrepräsentanten leisten, der aus dem Bunker Parolen wirft?
Von welcher bürgerlichen Partei ist die Rede?
Für die kniffligste Nuss sorgte Horst Seehofer. Am landestypisch verschneiten Tegernsee verkündete er: Bereits 2012 entscheide sich, „mit welchen Chancen die bürgerlichen Parteien in die Wahlen gehen“. Das Jahr stimmt, von Wahlen anno 2013 in Bayern und im Bund, auch in Hessen und Niedersachsen hat man gehört. Was aber sind jene „bürgerlichen Parteien“, an die der CSU-Chef denkt? Meint er die eigene Formation? Jene CSU, die in Gestalt ihres Vorsitzenden den akademischen Trickser Karl-Theodor zu Guttenberg bekniet, sich doch bitte, bitte wieder den Niederungen der Landes- und Bundespolitik zuzuwenden? Bisher galt es eher als Ausweis bürgerlicher Tugend, akademisch zu reüssieren denn sich einen Doktortitel zu erschwindeln.
Meint Seehofer jene CSU, die in seiner Person und in der Person des Generalsekretärs und der Person der Landesgruppenchefin erklärte, sie vertraue „voll“ dem Bellevuebewohner, obwohl bisher jedes Momentvertrauen in die Aussagen Christian Wulffs den Keim zu neuem begründeten Misstrauen legte? Vertraut sie dem Christian Wulff vom 22. Dezember 2011, der sich öffentlich erklärte, oder jenem vom 4. Januar 2012, der zur TV-Audienz bat? Zwischen beiden gibt es einen Unterschied so groß wie jenen zwischen „man“ und „ich“, Bellevue und Burgwedel.
Oder denkt Seehofer an die vom „Chinesen und dem Dicken“ – so Generalsekretär Döring über den Vorsitzenden Rösler und sich selbst – repräsentierte FDP? Die in Gestalt von Philipp Rösler und Dirk Niebel und Birgit Homburger und Jürgen Koppelin bedeutete, nun müsse Schluss sein mit der Kritik, Wulff habe alles gesagt, die Opposition wolle nur „Blut“ sehen? Bürgerlich soll es demnach sein, Schlussstriche bei offenen Fragen zu verlangen, Parteidisziplin mehr zu schätzen als Wahrhaftigkeit, Korpsgeist mehr als Dialog, Nibelungentreue mehr als Ehrlichkeit? Tempora mutantur.
Es ist finster geworden um Wulff
An die CDU kann Seehofer kaum gedacht haben. Bürgerlich ist es nicht, einen arg simpel gestrickten Landespolitiker, der das Land objektiv spaltet, zum guten Präsidenten zu erklären, wie es Angela Merkel und Hermann Gröhe taten. Bürgerlichkeit war einmal eine Haltung. Sie war das Ehrabzeichen jener, die nicht durch Besitz, nicht durch Geburt, sondern durch Fleiß, Geradlinigkeit, Arbeitseifer sich emporarbeiteten und so ein Gegenbild abgaben zum zuweilen anstrengungslos genusssüchtigen und moralisch flexiblen Adel. Bürgerlichkeit, wie sie die „bürgerlichen Parteien“ derzeit verstehen, taugt zum Schimpfwort.
Andrea Nahles hat recht, wenn sie erklärt, dass „unter dieser Regierung die bürgerlichen Werte morsch geworden sind“. Sigmar Gabriel hat recht, wenn er Wulff und Merkel vorhält, sie verschöben „die Maßstäbe für Anstand, Respekt, Ehrlichkeit und Glaubwürdigkeit in der Politik in die falsche Richtung“. Sogar Gesine Lötzsch irrt einmal nicht: Wulff hat „das Amt und unser Land beschädigt“. Selbst wenn man Nahles und Gabriel und Lötzsch für absolut unkundig hält in Fragen von Bürgerlichkeit, Anstand, Patriotismus: Sie haben recht. So finster ist es geworden um Wulff.
Wer eine Rückkehr bürgerlicher Werte in die Politik erhofft, muss großherzig genug sein, den „bürgerlichen Parteien“ Exerzitien auf möglichst vielen Oppositionsbänken zu gönnen. Vielleicht gewinnen sie dann die Ahnung retour, was Bürgerlichkeit im Kern zusammenhält – die feste Überzeugung, dass bei politischen „Zielkonflikten Werte wichtiger sein müssen als Interessen“. Schließlich sind „gelebte Werte“ das kostbarste Erbteil Europas, ist „Glaubwürdigkeit heute unsere wichtigste Ressource“. So sprach am 14. November 2011 ein Bürger, der es wissen muss: Christian Wulff, Mieter zu Bellevue.
Leserbriefe
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Deutsche Präsidenten und die Presse.
2 Beispiele möchte ich mal hier zum Thema Ehrenhaftigkeit der Deutschen Bundespräsidenten geben.
Da wäre unser Herr Lübke, ein Mitläufer aus der Nazizeit, arbeitete in der Reichsrüstungsindustrie und war mitverantwortlich für die Ausbeutung und Ermordung tausender Zwangsarbeiter. Wo war der Aufschrei der Presse als die ser Mann von Adenauer zum Bundespräsident gemacht wurde???
Gustav Heinemann, ein aktiver Wiederständler gegen Hitler. Unter Adenauer Innenminister. Ein Gegner der Wiederbewaffnung Deutschlands was er durch seinen Rücktritt deutlich machte. Dieser Mann wurde von der gleichen Presse als bezahlter Moskauer Agent beschimpft weil er gegen die Wiederbewaffnung Deutschlands war.
Beschädigt haben Machtkämpfe der Politik das Amz des Bundespräsidenten, mit der Presse die sich dafür einspannen lässt.
@Saarfregatt: Wann war und ist es eigentlich jemals ein valides Argument, dass die anderen auch nicht besser waren respektive sind?
Unabhängig von der Menschlichkeit eines Bundespräsidenten oder dessen erwarteter Vorzeigemoral oder was auch immer dem/der “ersten” Mann/ Frau im Staate an Eigenschaften zugebilligt werden muss, damit der dieses Amt auch ausfüllen kann- im Fall Wulff wird wieder einmal deutlich, dass nichts ausgelassen wird, um politisches Kapital draus zu schlagen. Oder glaubt irgendjemand wirklich, dass der kollektive Aufschrei aus den unbequemen Oppositionsgräben von Nahles, “ich-hab-noch.eine-alte-Rechnung-offen”- Gabriel und Konsorten der aus tiefster innerer Gutmensch- Überzeugung ist? Oder die Treue- und Glaubensbekenntnisse der Regierenden aus tiefster innerer Wulff- Freundschaft ist? Die einen wollen der Merkel ans Bein, die anderen endlich wieder ihre Ruhe. Eigentlich ist es ja auch praktisch, dass wir die Wulff- Debatte haben, dann müssen wir uns nicht mit den wirklichen Problemen in Europa und der Welt beschäftigen. Der Bundespräsident gehört abgeschafft oder per Volksentscheid bestimmt! Dann ist zwar auch nicht alles viel besser, aber es erspart uns den wahlkämpferischen Stellvertreterkrieg! Und mich interessiert wirklich, was eines Tages mal über den Gauck geschrieben wird, der heute gottesgleich über allem schwebt….
Wer schreibt einmal eine “Psychopathologie des deutschen Journalismus”? Darin sollte auch ein kleines Kapitel dem Dr. Kissler gewidmet werden, der jetzt den ungefähr 20. Artikel mit seinem Wulff-Bashing füllt und es auch diesmal nicht ohne Beleidigung schafft: Wulff bezeichnet er als einen “arg simpel gestrickten Landespolitiker, der das Land objektiv spaltet”, wenn nicht gar einen Bürgerkrieg hervorruft. Woher dieser Hass?
Eine Antwort liefert vielleicht der kurze Text von Kisslers Redaktionskollegen Miersch auf der “Achse des Guten”: “Und so einer (Wulff, T e G) hat dafür gesorgt, dass Thilo Sarrazin aus der Bundesbank gefeuert wurde, weil der sich traute, ein paar Wahrheiten auszusprechen.” Rache ist also das Motiv, Rache für Sarrazin, den deutschen Spitzendenker, der sich gerade wieder mit seiner üblichen Mischung aus Beleidigtsein und Boshaftigkeit zu Wort meldet.
Was aber an dieser Gestalt, geschweige denn an Kisslers Geknötter bürgerlich sein soll, weiß ich nicht.
Dem Autor Kissler hier ein Rachemotiv zu unterstellen und statt Wulffbashing hier nun mal wieder Kissler-Bashing zu betreiben spricht auch nicht gerade für Durchblick.
Kissler zeigt punktgenau die Schwachpunkte in Wulffs Verhalten auf, die man einfach nicht übershen darf.
Dankbar wäre ich allerdings, wenn sich Alexander Kissler hier auch mit der trüben Rolle der Medien insgesamt in dieser traurigen Angelegenheit und der Rolle der Bildzeitung im Besonderen beschäftigen würde. Hier hat es inzwischen wenigstens beim ZDF einen Nachdenkprozess gegeben, wie am 10.1.12 im Mittagsmagazin ausführlich zu hören war.
Wenn man Wulff gerecht werden will, dann wird es auch höchste Zeit darauf hinzuweisen, daß auch ein Ministerpräsident persönliche Freunde, die er wie im Kreditfall schon von seinem Vater geerbt hat, haben darf und bei denen auch im Urlaub zu Gast sein darf. Wo sind wir denn eigentlich?
Zu wenig kommt mir die trübe Rolle der Oppostion zur Sprache, die diese ganze Kampagne anheizt, um aus ihr parteipolitischen Honig zu saugen. Mit Recht hat der Cicero, zu dessen Autoren ja auch A. Kissler gehört, diese Rolle der Opposition beleuchtet und denen bescheinigt, dass der Schuss auch nach hinten losgehen kann.