Das Web 2.0 wird bald Geschichte sein. Ansgar Heveling

Im falschen Fach

Der Sturz von Bundespräsident und Parteivorsitzendem zeigt zweierlei: eine groteske Fehlbesetzung im Amt und ein Versagen der Eliten.

Bald wird man Nachrufe schreiben. Bald wird die Links-Mitte-Rechts-Koalition der schreibenden und sendenden Zunft ansetzen zu finalen Worten über einen gescheiterten Bundespräsidenten und einen gescheiterten Parteivorsitzenden. Derart geschlossen ist die Phalanx der Kritiker, dass ich spontan den Herren Wulff und Rösler beispringen möchte. Ist da nicht viel Heuchelei im Spiel? Haben Journalisten das Recht, sich in die Höhen moralischer Letzturteile aufzuschwingen? Soll man Fallende nicht eher stützen denn stürzen? Zumal in den Tagen vor Weihnachten?

Hang zum Halbseidenen

So schriebe ich gerne eine Verteidigungsrede in Sachen Rösler und Wulff. Die beiden Politiker, vereint in ihrem Schicksal nun wie in ihrer unverändert ephebenhaften Anmutung, hätten es nicht verdient, dass man sie vom Hofe jagt. Sie müssten herhalten als billige Prügelknaben für eine neiderfüllte, blutgierige Menge. So müsste ich schreiben. So aber kann ich es nicht. Gar zu offensichtlich ist ihre fehlende Qualifikation für das Fach, in das sie einsortiert wurden. Sie haben beide das falsche Rollenprofil. Darum ist der parallele Sturz nicht frei von Tragik.

Rösler erscheint auch in den Tagen einer existenzbedrohenden Krise seiner Partei als Scherzkeks und Mustersöhnlein. Mit großem Augenaufschlag und pendelndem Kopf klöppelt er eine Platitude an die nächste. Liefern wollte er, nach vorne schauen will er, gestärkt sei er geworden durch die knappe Mehrheit im Mitgliederentscheid zum Euro-Rettungsschirm. Selten so gelacht. Immer wirkt er wie der schlichte Schlacks, der sich bloß einen Jux machen will, der hineingeraten ist in eine Veranstaltung, die er nicht ganz ernst nehmen kann. Er erscheint als „Akrobat schön“, als treuer Tor, der sich ein Kleid borgen muss, eine Sprache borgen muss, eine Körperhaltung borgen muss, um im Kreis der Erwachsenen nicht aufzufallen. Gerade dadurch fällt er auf und heraus. Er, der mit einem sehr großen und sehr heiteren Fragezeichen routiniert auf die Welt blickt wie sonst nur der Wackeldackel, kann beim besten Willen als Parteivorsitzender und Vizekanzler nicht ernst genommen werden. Tragikomisch ist die Fehlbesetzung, die über ihn kam.

Wulff wurde sein Hang zum Halbseidenen zum Verhängnis. Noch die kleinste Lokalzeitung breitet die Details einer offenbar ebenso routinierten Verquickung von Aufstiegsgier und Bedenkenlosigkeit aus: Goldene Wasserhähne! Luxusurlaub! Sportwagen und Showbiz! Da war einer offenbar so sehr damit beschäftigt, sich selbst neu zu erfinden, dass er die täglich dicker werdende Schminke nicht merkte, mit der er sein Ich aufhübschte. Christian Wulffs Aufstieg und Fall ist die Geschichte des zu kurz gekommenen Jungen, den es auf Gedeih und Verderb an die Futtertröge der Reichen und Schönen zog.

Dumm nur, dass er im Metier der Landes- und Bundespolitik seinen Drang zu stillen suchte. In jedem anderen Fach, vielleicht auch in vielen anderen Ländern wäre ein solches Strizzitum nicht weiter aufgefallen. Unsere Republik ist durchzogen von Netzwerken der prekärsten Art; ein Schuft, wer Böses dabei denkt. Weil aber der Bundesrepublik eine tragende Idee von sich selbst fehlt, soll das Amt des Präsidenten die identifikatorische Lücke schließen. Nur in ihm können und sollen sich alle treffen, alle vertreten fühlen. Er ist buchstäblich Deutschland.

Amt und Person sind eins

Deutschland mag sich jedoch ungern symbolisch vertreten sehen von einem Hinterzimmerstrippenzieher mit flexibler Ethik und doppelter Fassade, dessen Fall selbst die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ über „Verbindungen von politischer Macht, Geschäftsinteressen und Rotlichtmilieu“ spekulieren lässt. Der König mag einst zwei Körper gehabt haben, einen gesalbten und einen gewöhnlichen. Der Bundespräsident ist qua Stellenbeschreibung darauf verpflichtet, aus einem Guss zu sein. Sobald es Grund zur Annahme gibt, er habe als Person unbillig vom jetzigen oder einstigen Amt profitiert, sind beide perdu, das Amt und die Person und also der ganze Christian Wulff.

So zeigt der doppelte Abschied vom FDP-Vorsitz und vom Bundespräsidentenamt, der sich faktisch vollzogen hat und der juristisch nachzuholen ist, auch dieses: Die vermeintliche Elite ist kein Kontrapunkt, sondern getreuer Ausdruck allgegenwärtiger Mittelmäßigkeit. Der überforderte Herr Rösler und der verbogene Herr Wulff sind so überambitioniert und unterqualifiziert, großrednerisch und kleingeistig, wie es hierzulande oft Brauch ist. Insofern sind sie beide dann doch Deutschland.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    Ihr Name ... – 20.12.2011 - 10:07

    Schön geschrieben! Aber als Niedersachse bin ich gespalten. Rösler, Gabriel, Schröder und Wulff sind nun mal Heimatgewächse. Aber eben auch Maschmeyer und Glogowski. Glogowski sah ich gestern im Braunschweiger Schloß. Alt ist er geworden. Grau. Etwas trübe der Blick. Und vor allem unbeachtet. Niemand, der sich umdreht und sagt: "Schaut mal, unser verdienter Braunschweiger Oberbürgermeister, unser “100 Tage Ministerpräsident”". Eine sympathische zwar, aber auch eine traurige Gestalt. Ja doch, es geht um Ruhm. Niedersachsen sind erdverwachsen. Immer noch ein bisschen mehr, als Politiker anderer deutscher Gaue. Liegt es daran, das Pomp und Gloria immer noch ein bisschen unangenehmer auffallen? Mist, aber ich mag die Jungs. Und da greift auch bei mir schon der Regional-Klüngel. Das norddeutsche Wesen. Der Braunschweiger-honnoveraner Klüngel ist hier so etwas wie Ehrensache. Glogowski fiel damals als Minister-Präsi in Ungenade, weil die örtliche Brauerei auf seiner Hochzeit Freibier ausschenkte. Also eine direkte Analogie zu Wullf. Niedersachsen. Wir sind so: Einfach noch zu doof um Schmu zu machen. Es kommt irgendwie immer raus. Und der kleinste Schmu sorgt dann für die größten Katastrophen. Das zumindest ist irgendwie auch beruhigend.

  • Theeuropean-placeholder
    Alexander Wallasch – 20.12.2011 - 10:09

    Schön geschrieben! Aber als Niedersachse bin ich gespalten. Rösler, Gabriel, Schröder und Wulff sind nun mal Heimatgewächse. Aber eben auch Maschmeyer und Glogowski. Glogowski sah ich gestern im Braunschweiger Schloß. Alt ist er geworden. Grau. Etwas trübe der Blick. Und vor allem unbeachtet. Niemand, der sich umdreht und sagt: “Schaut mal, unser verdienter Braunschweiger Oberbürgermeister, unser “100 Tage Ministerpräsident””. Eine sympathische zwar, aber auch eine traurige Gestalt. Ja doch, es geht um Ruhm. Niedersachsen sind erdverwachsen. Immer noch ein bisschen mehr, als Politiker anderer deutscher Gaue. Liegt es daran, das Pomp und Gloria immer noch ein bisschen unangenehmer auffallen? Mist, aber ich mag die Jungs. Und da greift auch bei mir schon der Regional-Klüngel. Das norddeutsche Wesen. Der Braunschweiger-honnoveraner Klüngel ist hier so etwas wie Ehrensache. Glogowski fiel damals als Minister-Präsi in Ungenade, weil die örtliche Brauerei auf seiner Hochzeit Freibier ausschenkte. Also eine direkte Analogie zu Wullf. Niedersachsen. Wir sind so: Einfach noch zu doof um Schmu zu machen. Es kommt irgendwie immer raus. Und der kleinste Schmu sorgt dann für die größten Katastrophen. Das zumindest ist irgendwie auch beruhigend.

  • Theeuropean-placeholder
    derblondehans – 20.12.2011 - 10:32

    Nein! Die beiden sind nicht Deutschland. Die beiden sind ‘BRD’.

  • Theeuropean-placeholder
    Ihr Name ... – 20.12.2011 - 11:01

    Wunderbare Ambivalenz. Die moralische Empörung über diesen kümmerlichen Kreditvorteil, diesen nicht beigetreten Freundschaftsdienst im Klinkerreihnhaus-Milieu ist so haarsträubend wie fasch. Wulff ist ein Spießer und Opportunist ohne Vision, DAS sollte man ihm ankreiden…DAS ist aber nicht justiziabel

  • Theeuropean-placeholder
    tjark – 20.12.2011 - 13:17

    @ ihr name
    also weil sie niedersachsen sind, verabschiedet sich ihr kritisches vermögen?

    wulff ist so peinlich in seiner religiös demütigen pose. es ist schön dass sich der “bescheidene” niedersachse nun als das outet was er ist, ein korruptes parteiengewächs – und nicht dir kritik an ihm beschädigt das amt das er inne hat, sondern die besetzung durch ihn. ähnlich ist es bei rösler. ein zitternder penäler soll die spitze der liberalen politik sein? das einzige was mir von unserem momentanen wirtschaftsminister in erinnerung geblieben ist, ist sein gleichnis vom frosch im heißen wasser. nur glaube ich das er eher der frosch im mixer ist – berlin ist nun mal keine müde teutoburger suppe.

    da sehnt man sich als bundesdeutscher republikaner, nach richtigen konservativen und alt-liberalen.

    lieber herr kissler, ich finde ihre beiträge eigentlich grundsätzlich daneben – hier haben sie aber recht. glückwunsch & merry christmas

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