Wenn man sich das anschaut, ist das kleinste Problem von Hartz-IV-Empfängern das Untergewicht. Thilo Sarrazin

Das Wir heißt Merkel

Groß ist das Entsetzen, ernst die Lage nach der Mordserie des Zwickauer Trios. Dennoch irrt die Kanzlerin, wenn sie nach der Gedankenpolizei ruft und sich selbst als einzig wahre Hüterin des Rechtsstaats begreift.

Die wöchentliche Videobotschaft der deutschen Bundeskanzlerin dauert drei Minuten. Jene vom 18. November ist keine Ausnahme. Thema sind die Morde der sogenannten Zwickauer Terrorzelle. Die Neonationalsozialisten sollen zwischen September 2001 und April 2006 zehn Menschen ausländischer, vor allem türkischer Herkunft umgebracht haben: Perversionen in Serie, die hoffentlich lückenlos und widerspruchsfrei aufgeklärt werden. Jeder Mord ist einer zu viel. Hass darf nie das letzte Wort haben.

Die Kanzlerin redet in ihren drei Minuten fünfzehnmal vom „Wir“. Wer ist damit gemeint? Die Kanzlerin erklärt weiterhin, diese Morde seien „eine Schande für unser Land“. Drittens fordert sie, „wir“ müssten eine bestimmte verwerfliche Denkweise aus den „Köpfen (…) herausbekommen“. Aus drei Gründen also ist die Rede der Kanzlerin missglückt. Sie öffnet das Tor zu einer illiberalen Sicht auf Staat und Gesellschaft, sie arbeitet mit antirepublikanischen, latent undemokratischen Versatzstücken.

Der Staat bin ich, das Wir heißt Merkel

Nicht alle Theaterstücke von Elfriede Jelinek können dem Vergessen entrissen werden. Eindrücklich aber hat die Nobelpreisträgerin in „Wolken. Heim“ die nervtötende Tautologie der großen deutschen „Wir“-Beschwörung dekuvriert. Jedes Wir, das stellvertretend und coram publico wiedergekäut wird, kann ein Sargnagel auf der individuellen Freiheit sein. Ein Staat, der von sich als dem kollektiven „Wir“ spricht, ist kein Freiheitsstaat. Der Bundeskanzlerin zufolge werden „wir nicht ruhen“, werden „wir uns bei den Ermittlungen“ der Selbstkritik stellen, werden „wir genau hinschauen“, dürfen „wir (…) diese menschenverachtenden Gedanken nicht hinnehmen“, weshalb „wir“ immer sagen werden, dass „wir“ die Menschlichkeit befürworten. Etc. pp. Die Botschaft ist klar: Der Staat bin ich, das Wir heißt Merkel.

Diesem Wir ist es neben der bitter notwendigen Strafverfolgung – keinen einzigen Mord darf der Staat als Gewaltmonopolist tolerieren – ein Anliegen, in die Köpfe seiner Bürger/Untertanen zu schauen. Zumindest dort hätte ein Staat, der sich als Garant der Freiheit verstünde, nichts zu suchen. In „manchen Köpfen“, Frau Bundeskanzlerin, gibt es in der Tat krauses, krankes, böses Zeug. Kein freiheitlicher Staat aber, kein republikanisches „Wir“ darf sich auf die Fahnen schreiben, bestimmte Gedanken dort „heraus[zu]bekommen“. An der Schädeldecke endet das staatliche Zugriffsrecht. Nicht nur im Vormärz musste die bekannte Parole, „die Gedanken sind frei“, gegen einen Spitzel- und Schnüffelstaat erstritten werden. Bildung und Strafverfolgung frommen dem freiheitlichen Staat, aber gewiss nicht Zensur und Gedankenpolizei.

Ein Hauch von Entrüstungsroutine

Schließlich hörte das Volk, die Grausamkeiten der Verwirrten seien „eine Schande für unser Land“. Warum aber bricht das politische Gerede nun erst, bis zu zehn Jahre nach den Morden, über die Angehörigen der Opfer herein? Ist ein Mord desto verwerflicher, desto schändlicher, wenn er von einer bestimmten Tätergruppe verübt wird, wenn er beispielsweise islamistischen oder rechtsextremistischen oder linksradikalen Hintergrund hat? Gibt es ein Ranking der Mordmotive und also auch den ganz schlimmen, den schlimmen und den nachvollziehbaren Mord? Nein, nein, nein. Und weil dem so ist, ist die Trauerdemonstration führender Politiker zehn Jahre danach grenzwertig. Auch der Bundespräsident will sich jetzt beim Kondolieren zeigen.

Das ist zwar menschlich verständlich und politstrategisch nachvollziehbar. Der Staat sieht sich bei neonationalsozialistischen Verbrechen in Gänze auf der Anklagebank. Deshalb will er sich in seinen führenden Repräsentanten entschuldigen. Dennoch hat der Corso der Bedrückten einen Hauch von Entrüstungsroutine. Die staatliche Antwort auf ein Verbrechen, wie abstoßend es auch sein mag, sollte nicht Pathosproduktion und Wortausstoß, nicht Gedankenzensur oder Allmachtgehabe sein. Sondern die Bereitschaft, es konsequent und ohne Ansehen der Person zu ahnden. Sonst triumphieren die Freiheitsfeinde doppelt.

Leserbriefe

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    Pepe – 22.11.2011 - 08:36

    Bravo!

    Danke für diesen klugen und mutigen Kommentar!

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    P. Feldmann – 22.11.2011 - 09:37

    Lieber Alexander Kissler, meinem Vorkommentator entgegen: Was ist an Ihrem Artikel “mutig”? (Klug abseits der Thematik waren mir bisher alle Ihre Veröffentlichungen).
    Ja, es ist derzeit ein corso der Entrüstungsroutine, den “wir” in Deutschland sehen können. Dass in dieser Situation Figuren wie M.Friedman gegen die berufskriminellen Mörder in Stellung gebracht werden, hilft der Empörung nicht wirklich.
    Dass sich nun häufig die Selben, die vordem dem Staat Schnüffelei anlässlich von bspw. der Vorratsdaten-Speicherung vorhielten, nun danach schreien, dass eben dieser Staat im “Schnüffeln” versagt, lässt mich eher über hiesige Reflexzonen als über ein “3.Reich-Rivival” nachdenken.
    Dass Merkel seit Ihrem persönlichen Yadvaschem Erlebnis Freiheit des Denkens eher für ein Dressurergebnis als für eine unveräusserliche Gabe hält ist auch nichts wirklich Neues.

    Warum kann man in Deutschland nicht einfach effizient eine schwerst kriminelle Tat als ebensolche verfolgen und ahnden? Vllt. entstehen “Pannen” da, wo man alles gleich metaphysisch so verpackt, dass die Sache selbst leicht aus dem Griff entweichen kann.

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    derblondehans – 22.11.2011 - 09:43

    ‘Pathosproduktion und Wortausstoß – Gedankenzensur oder Allmachtgehabe’ – besser kann die (wirkliche) Urheberschaft dieser Morde nicht benannt werden.

    Ist die ‘BRD’ nicht auch Dienstherr des dubiosen, in den Morden verwickelten, ‘Verfassungsschutzes’? Echt. Ich glaub’ mein Hamster bohnert.

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    Alexander Wallasch – 22.11.2011 - 15:53

    Großartiger Artikel! Maximale Schreibe! Dem ist nichts hinzuzufügen.

    Ich sah es ebenso, konnte es aber nur mäßig gut ausdrücken:
    http://wallasch.twoday.net/stories/fremdscham-oder-volksscham/
    http://wallasch.twoday.net/stories/scham-das-neue-geile-gefuehl/
    http://wallasch.twoday.net/stories/kuenast-die-herzliche/

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    thomas ex gotha – 23.11.2011 - 00:54

    Die Kolumne von Kissler verbindet rhetorischen Schwall mit gedanklicher Armut. Er wirft der Bundeskanzlerin vor, dass sie ihre Absicht verkündete, bestimmte Denkweisen “aus den Köpfen” zu bekommen. Es sei bereits ein Eingriff in die Freiheit, dass sie die Hoffnung hat, es werde einmal eine Zeit geben, in der keine Mörderbanden durch das Land ziehen und Menschen erschießen, deren Nase ihnen nicht passt.
    Wenn das schon “Gedankenzensur” – was für ein alberner Begriff! – ist, dann kann der Staat alle Bemühungen um die Aufklärung seiner Bürger einstellen, kann Schulen, Universitäten, Bibliotheken schließen, kann Bildung zur Privatsache erklären und sich von jeglichem zivilisatorischen Anspruch verabschieden. Kann das ein vernünftiger Mensch wollen? Um es mit Kissler und seiner “maximale(n) Schreibe” (Wallasch) zu sagen: “Nein, nein, nein”.

    P.S.: “Die Gedanken sind frei” ist keine Parole, sondern ein Volkslied. Nicht einmal das stimmt.

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    derblondehans – 23.11.2011 - 04:33

    … also eine vertonte Parole. rofl

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    P. Feldmann – 23.11.2011 - 09:33

    @thomas ex gotha: ““Die Gedanken sind frei” ist keine Parole, sondern ein Volkslied.”

    Die Gedanken sind frei ist ein Ausspruch des Vormärz, in dem gegen die restaurativen Tendenzen der vordemokratischen Verhältnisse angegangen wurde. Und da gab es eben doch so etwas wie eine Gedanken-Polizei.
    Im Übrigen erwarte ich von einem Staat nicht den totalitären Gestus einer Aufklärung von oben. Hier überschreiten Sie in Ihrem Staatsverständnis – wie im Übrigen Angela Merkel auch bei bestimmten Themen – eindeutig den Gedanken einer Demokratie als Gemeinschaft von (von sich aus um Aufklärung ringender) Individuen hin zu einem Staat der Dressur. Wenn Sie dann noch die Inhalte auswechseln haben Sie genau DIE Strukturen, die Deutschland a) bis vor 67 A, b) bis vor 21 A schon einmal hatte.

    Natürlich kann “der Staat” in der Auseinandersetzung um geschichtliche Wahrheitsauslegung eine eindeutige Position beziehen, – nur bleiben all diese “Wahrheiten” deutungsabhängig und taugen nicht zur Indoktrination.

    Die Gedanken sind frei ist weiterhin eine potente Keimzelle von politischer Freiheit – diesmal gegen das intellektuelle Leichentuch eines political correctness- Mycels.

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