Der Weltjugendtag ging friedlich und fromm zu Ende. Bis zu anderthalb Millionen junge Christen, vornehmlich Katholiken, beteten und feierten und lauschten in Madrid dem Papst. Dessen Angstüberwindungsprogramm, das benediktinische Modul wider Mittelmaß und Gleichgültigkeit, war auch in Spanien zu besichtigen. Woraus besteht es, wie soll es funktionieren, wo liegen die Risiken?
Wir denken in Nützlichkeitserwägungen
Am Beginn aller Problemlösung steht die Diagnose, der ungeschönte Blick auf die Welt, in der wir leben. Realismus ist der erste Schritt zur Besserung; dieser Zusammenhang gilt in fast allen Lebenslagen, ob wir uns den sozialen oder ökonomischen, den philosophischen oder emotionalen Malaisen zuwenden. Schon bei der Begrüßungszeremonie auf dem Flughafen charakterisierte Benedikt XVI. die Welt anno 2011 als gekennzeichnet von „Oberflächlichkeit, Konsumismus und Hedonismus“ und „großem Mangel an Solidarität und viel Korruption“. Später benannte er als deren Quelle eine „utilitaristische Logik“, die sowohl auf dem Markt als auch in der Bildung und erst recht in der Anthropologie faule Früchte hervorbringe.
Wenn die Diagnose stimmt, dann beherrscht das Denken in Nützlichkeitserwägungen unser Sinnen und Trachten; dann ist es weitgehend common sense, dass unsere Entscheidungen uns vor allem nützen müssen; dass wir Produkte kaufen, die unserer Bequemlichkeit abhelfen, auch wenn sie unter fragwürdigen Bedingungen hergestellt wurden; dass wir die Natur uns unterwerfen, auch wenn wir ihr besser gehorchten; dass wir dem Ich einen Altar errichten und keine anderen Götter neben ihm dulden.
Der Preis des Eigennutzes
Besonders eben die Bildung und der freie Markt folgen laut Benedikt XVI. diesem Muster. Es führe zu Ungerechtigkeiten en gros, zu gekappter Wissenschaft, gekaperter Bildung. Das nämlich sei der Preis fürs Regiment des Eigennutzes: die Abkehr von der Wahrheit als erkenntnisleitender Kategorie und der Abschied von der interesselosen Vernunft zugunsten der Anwendbarkeit allen Wissens. Jungen Universitätsprofessoren schrieb Benedikt ins Stammbuch: „Wenn nur die Nützlichkeit und der unmittelbare Pragmatismus zum Hauptkriterium erhoben werden, können die Verluste dramatisch sein – von den Missbräuchen einer Wissenschaft, die keine Grenzen über sich anerkennt, bis zum politischen Totalitarismus (…). Die echte Idee der Universität hingegen ist genau das, was uns vor dieser verkürzten und verzerrten Sichtweise des Menschlichen bewahrt.“
Wo aber, lautet dann die Frage, gibt es diese „echte Idee der Universität“, da doch fast überall das Anwendungsparadigma, die Verklappung des Wissens zu Informationshäppchen und eine unfrei machende Drittmitteleinwerbung dominieren? Und wo den echten Menschen, der in diese Mechanik sich begäbe, bereit zum Widerstand, um nicht der Seele verlustig zu gehen? Benedikt gibt sich keinen Illusionen hin: „Wir haben“, sagte er zu Madrid, „oft verhärtete Herzen.“ Bauprinzip auch des Menschlichen ist der sofortige Eigennutz geworden.
Shop til you drop taugt als Glücksmaxime nicht
Als Gegenmittel empfiehlt der Pontifex keine Strukturreform, sondern die Rückkehr zum ganzheitlichen Menschenbild, zur wahren Größe des Menschen. Die Jugendlichen sollten „Protagonisten“ werden – der in Madrid erstaunlich oft verwendete Ausdruck erinnert an Luigi Giussanis Gemeinschaft „Comunione e Liberazione“ –, „Protagonisten auf der Suche nach der Wahrheit und nach dem Guten“ und so eine „Kultur der Liebe und des Lebens“ aufbauen. Denn auch Erkenntnis sei eine Form der Liebe. Und der Mensch verkümmere ohne die Dimension des Liebens, des Glaubens, des Teilens. Shop til you drop taugt als Glücksmaxime nicht.
Aufgemerkt also, ihr Experten, Politiker, Wirtschaftslenker, Wissenschaftler, Menschen weltweit: Liebt ihr, was ihr tut? Liebt ihr die, mit denen ihr zu tun habt? Nur dann können die utilitaristischen Verhärtungen sich lösen. Nur dann können Mittelmäßigkeit und Gleichgültigkeit, getrieben immer auch von der Angst vor einem unbeherrschbaren Morgen, schwinden. Sprach Benedikt XVI. zu Madrid und schloss: „Liebe Freunde, ich bete mit ganzem Herzen für euch. Ich bitte euch, auch für mich zu beten.“
War nicht von Risiken die Rede? Ja, es soll nicht verschwiegen werden: Das Risiko, den Appellen des Papstes eine lange Nase zu drehen, ehe man sich mit ihnen beschäftigt, geht auf jedes Narren eigene Kappe. Demnächst auch in Berlin, Erfurt und Freiburg.

















Lieber Alexander Kissler, ganz herzlichen Dank für dieses Resümee der päpstlichen Reden in Madrid! Man kann in diesem Zusammenhang auch auf die Rede vor Universitätsdozenten unter folgendem link hinweisen: http://www.radiovaticana.org/ted/articolo.asp?c=513574
Ein paar Anmerkungen meinerseits:
Es ist kein Wunder, dass die Ethik der Jetztzeit der Utilitarismus ist. Denn der Utilitarismus ist das, was im materialistischen Weltbild vom Ethos des Menschen übrig bleibt: alles ist Mittel zu einem Anderen, Nichts hat eine Würde und Gültigkeit in sich selbst. (und die Begründung der Menschenrechte wird in so einem Konzept zunehmend rein apodiktisch)
Und damit steht der Utilitarismus auch gegen den Gedanken einer Eigengültigkeit und Freiheit der Suche nach Wahrheit- welche der eigentliche Gründungsgedanke der Universität als Anknüpfung an den Gedanken der antiken Akademie ist.
“Konsumismus und Hedonismus” : Man sollte den Begriff des Hedonismus hier nicht so plakativ stehen lassen, denn er suggeriert, dass der Papst gg. Lust an sich wäre- also eine Lustlosigkeit als Ideal sähe. Der vermeintliche heutige “Hedonismus” ist ja nicht die kluge Lebenslehre eines Epikur, sondern ein gespielter Hedonismus, der die Körpersäfte in Gläser füllt und sie als Lust anbetet: Dieser “Hedonismus” ist eine absolute Minderung des menschlichen Anspruches auf Lust am Leben, denn er versucht Lust auf Besitz und Technik zu reduzieren!
Die Lust am Leben,- und das meint explizit auch die Leiblichkeit des Menschen!-, trägt aber alle Sehnsucht nach einer gültigen Erfüllung und Weite.
Und HierFür spricht der Papst, wenn er gegen den “Hedonismus” spricht.
mfG P.Feldmann
Herr Kissler,
ich glaube, Sie (und der Herr Papst) machen es sich ab der Einführung des Begriffs Utilitarismus zu leicht, indem Sie Utilitarismus mit Egoismus gleichzusetzen scheinen:
“…dass wir Produkte kaufen, die unserer Bequemlichkeit abhelfen, auch wenn sie unter fragwürdigen Bedingungen hergestellt wurden […] dass wir dem Ich einen Altar errichten und keine anderen Götter neben ihm dulden.”
Das greift meiner Ansicht nach zu kurz. Oder um es mit Bentham (1789) zu sagen:
“Mit ‚Nutzen‘ ist diejenige Eigenschaft einer Sache gemeint, wodurch sie zur Schaffung von Wohlergehen, Vorteil, Freude, Gutem oder Glück tendiert.” http://is.gd/AZ5Tzf
utilitarismus lässt sich, auf Gesellschaft, Politik und Wirtschaft bezogen, durchaus auch mit einer Ethik der Fairness kombinieren. Diese beinhaltet auch die Erkenntnis der Folgen des eigenen Handelns. Es geht um den Menschen und seine Umwelt, nicht um Quartalsbilanzen oder Legislaturperioden. Das sagen auch die jungen Menschen in TelAviv, Madrid und Kairo – ganz ohne Papst, wie mir scheint.
Utilitarismus
@tweiss: Sie zitieren Bentham (1789) :
“Mit ‚Nutzen‘ ist diejenige Eigenschaft einer Sache gemeint, wodurch sie zur Schaffung von Wohlergehen, Vorteil, Freude, Gutem oder Glück tendiert.”
Wenn Sie fordern, dass man den Utilitarismus differenziert betrachten müsse,so müssen Sie aber auch erklären, wie der Utilitarismus “das Gute” bzw. “Glück” definieren können soll. Vorweg: er kann es nicht, statt eines Guten, auf das hin die Ethik bspw. in der aristot.Tugendethik gedacht wird, steht im Utilitarismus als Höchstes der Nutzen – Wobei vollkommen offen bleibt, auf was hin etwas “nützlich” sein soll. So ist das utilitäre Prinzip also keines, das eine Wertfolge begründet, sondern eines, das letztlich alles zum Mittel macht.
Natürlich haben Sie Recht, wenn Sie darauf hinweisen, dass sich “utilitarismus …auch mit einer Ethik der Fairness kombinieren” lässt.
Aber Sie können mit Utilitarismus eben auch eine vollkommene Verzweckung des einen Menschen als Ersatzteillager des Anderen argumentieren! Der Utilitarismus/ das Nutzdenken bietet eben KEINEN MAßstab, WOZU etwas nützlich sein soll.
Umgekehrt bietet jedes ethische Konzept Aspekte der Nutzen /Ziel Abwägung.
Der Utilitarismus ist eine ethische Verkürzung um den Preis eines Verlustes alles Unbedingten und jeden Selbstwertes.
Herr Feldmann,
ja, die Massstäbe. Die werden gerade überarbeitet. Durch Stéphane Hessel beispielsweise und die jungen Menschen auf den Straßen. Durch die Folgen der Finanzkrise. Durch die aktuelle Debatte um Links/Rechts (Schirrmacher, Moore und viele andere).
Aber den Utilitarismus als Feindbild zu nutzen ist so hilfreich, wie gegen den Kommunismus zu wettern, wie es ein CSU Generalsekretär so gerne tut: Ich halte das für Eigen-PR.
Noch ein Nachtrag, Herr Feldmann: Wenn Sie fragen, wie der Utilitarismus das Glück definiert, kann ich nur antworten: Das muss er doch gar nicht – die Menschen müssen ihr Glück definieren. Jeder Einzelne, immer wieder, in der Gesellschaft, mit den anderen.
Ich denke, meine Argumentation ist nicht so, dass man von “Feindbild Utilitarismus” sprechen kann. Ich habe ja ziemlich deutl. für die beschränkte Länge dargestellt, warum der Utilitarismus nur als ethisches Unterprinzip aber nicht als Ethik bzw. als ethisches Grundprinzip taugt.
Und da man die Dinge irgendwann (nach allen Differenzierungen- die Benedikt vermutl. viel differenzierter u. wissenschaftl. fundierter erbringt als wir Beide zusammen) schlicht und einfach benennen muss, ist es legitim in der im Artikel aufgeführten Weise über den Utilitarismus als Grundhaltung zu sprechen.
Im Übrigen geben Sie mir mit Ihrem NAchtrag ja sogar Recht (Utilit. muss Glück nicht defin., das müssen die Menschen tun): Utilität taugt nicht als letztbegründendes Prinzip! Und mehr steht ja gar nicht zur Debatte.
mfG
“Feindbild”: Richtig, nicht Ihre Argumentation, sondern die von Kissler und B16.
“schlicht”: Kann man machen, ist dann aber eben ein Strohmann-Argument – Kissler und B16 behaupten , U. sei das dominierende ethische Grundprinzip.
“Im Übrigen”: Ich habe überhaupt nichts dagegen, Ihnen Recht zu geben ;-)
“Kissler und B16 behaupten , U. sei das dominierende ethische Grundprinzip.”
Was würden Sie denn als die (statistische) Norm unserer westlichen Weltvorstellung sehen bzw. extrahieren?*
Sagen Sie bitte nicht, die gibt es nicht.. , denn dann sage ich: es gibt keine westliche Welt… .
*Natürlich kenne ich: tibetanische Buddhisten, Zen-Buddhisten, reine Esoteriker, Christen und Muslime… : und weiss, dass im Einzelnen die individuellen Vorstellungen selbst innerhalb einer religiösen Gemeinschaft recht weit auseinander gehen.
Ich meine daher ganz bewusst einen “platten gesellschaftlichen Durchschnitt der uns beiden bekannten westlichen Länder”- Sie können aber gerne die Länder des ehem.Ostblocks/ China hinzunehmen. Länder wie Japan betrachte ich als Sonderfall.
Die (statistische) Norm unserer westlichen Weltvorstellung?
Dann könnten Sie auch das Durchschnittsalter der Bevölkerung als ausreichendes Kriterium nehmen, um zum Beispiel den demographischen Wandel zu beschreiben.
Das das wäre dann… nunja… etwas einfach.
Warum lassen wir nicht mal Herrn Kissler zu Wort kommen?
Ja, die Nützlichkeit, die gibt es leider auch im Bereich des Glaubens. Folgt man unkritisch allen Weisungen und Geboten der Kirche, weil man sich einen Nutzen im Himmelreich davon verspricht, dann ist dies auch eine verkümmerte Ausprägung des Menschlichen, nicht viel besser als das oben Kritisierte. Die Liebe ist das Entscheidende, ich muss es durchdrungen haben, es aus Liebe tun. Dazu ist kritischer Geist und Verstand gefragt. Und eine Kirche, die das hinnimmt. Eine Kirche die Kritiker vertreiben möchte und gleich von Spaltern spricht, sollte die katholische nicht sein!