Haltung lässt sich leichter bewahren als wiedergewinnen. Thomas Paine

Oberlehrer im Blindflug

Kabarett war einmal eine aufklärerische Übung. Findet es heute im Fernsehen statt, besteht es vor allem aus Politikerbeschimpfung und Dünkel. Leicht strandet es in der antidemokratischen Pose.

Kommt ein Mann auf die Bühne, zieht die Mundwinkel nach unten, spreizt die Finger vor der Brust und sagt laut „Angela Merkel“: Das Publikum johlt. Kommt ein anderer Mann auf die Bühne, sagt glucksend „Guido Westerwelle“, schaut in die Runde: Das Publikum rast. Sitzt ein dritter Mann vor der Kamera, zeigt auf das Foto eines Politikers und trompetet, hier sehe man, wie Jürgen Trittin „seine Erektion zu verbergen“ trachte: Das Publikum tobt.

Politikerhass und Obszönität

So sieht das politische Kabarett aus, mit dem ZDF und ARD anno 2011 die Gebührenzahler beglücken. „Neues aus der Anstalt“, der „Satire Gipfel“ und die „heute show“ kennen genau zwei Mittel, um Lacherfolge zu ernten: Politikerhass und Obszönität. Im Club der Rechthaber und Bescheidwisser, der Nörgler und Oberlehrer, die sich wohlig wälzen im Sud der frommen Denkungsart, muss die große Krise herrschen: Wie fasst man klare Gedanken in einer Zeit, da rechts und links nur im Straßenverkehr zu trennen sind? Also denkt man nicht, sondern verachtet. Also erklärt man nicht, sondern schlägt um sich.

Eines kann man den kleinen Volkstribunen nicht vorwerfen: Dass sie ihren Gemütszustand verleugneten. Urban Priol, Conférencier in „Neues aus der Anstalt“, bekannt für knallige Hemden, bunte Turnschuhe und einen zur Sturmfrisur geföhnten Haarkranz, sagt am liebsten, „diese Scheinheiligkeit“ der Politiker sei „unerträglich“. Vor allem ödet ihn die „Scheinheiligkeit“ oder die „Verlogenheit“ der Bundeskanzlerin an, die Staatsratsvorsitzende werden wolle und „Besatzerliebchen“ gewesen sei. Oder aber die „Scheinheiligkeit“ Thilo Sarrazins, des „Parasiten“. Stefan Mappus mutiert bei Priol schlicht zum „Depp“. Dauerredner Dieter Nuhr hingegen bekennt im „Satire Gipfel“ anlässlich der Politikerreaktionen auf Fukushima, „das widert mich an, ekelhaft“. Und Profigrimasseur Oliver Welke, der durch die „heute show“ führt, sagt in gespielter Entrüstung „Ekelhaft!“ nach jedem ekligen Witz, wie er ihn in rascher Folge an- und abmoderiert.

Natürlich gibt es politische Vorgänge, die Verachtung verdienen. Hier aber triumphiert der Ekel als Weltzugang. Das Motto sämtlicher Radaubrüder von der unkomischen Gestalt lautet: „Alle Trottel – außer ich.“ Das Bauprinzip der „heute show“, der „Tagesshow“ von Rudi Carrell abgeschaut, macht die Verklappung der Wirklichkeit zum Reservat für Rüpel besonders leicht. Politiker werden in unvorteilhaften Posen gezeigt, gefolgt von derben Witzelchen: Auf einer Karikatur schauen sich Sigmar Gabriel, Guido Westerwelle, Hermann Gröhe in die Unterhose, darüber steht geschrieben: „Wer hat den Grünsten?“

Die Quoten stimmen, die Hallen sind gefüllt

Weil es vom Politikerhass zur Wählerbeschimpfung ein kleiner Weg ist, strandet derlei Kabarett in der antidemokratischen Pose. Spaßvogel Michael Mittermeier fantasiert in der „heute show“, man solle „fünf Millionen ‚Bild‘-Zeitungsleser nach Österreich“ ausweisen „jawoll“, weil diese bestimmt den Einwanderungstest nicht bestünden. Anschließend reimt er einen Vers, in dem sich „Supergau“ auf „kleine verstrahlte Sau“ reimt. Urban Priol schilt mit angewiderter Miene „das Volk“ als sei es eine ansteckende Krankheit. Schließlich habe „das Volk“ bis zuletzt Karl-Theodor zu Guttenberg in Schutz genommen. Mit Priol als deutschem Geschmacks- und Sittenwart wäre das nicht passiert. Er trägt in der Show einen Arztkittel, weil er Deutschland heilen will.

Die Quoten stimmen, die Hallen sind gefüllt: Ganz offensichtlich genießt es eine wachsende bürgerliche Klientel, sich ihr Vorurteil von der Politik als einer Veranstaltung für Dödel bestätigen zu lassen. Die Peitschenhiebe der Zampanos sind das Geräusch, das erklingt, wenn der letzte Gedanke den Saal verlässt. Zum Lachen ist derlei Geistlosigkeit eher nicht.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Kissler: Provision auf Weltrettung

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