Am vergangenen Samstag soll der Präsident des Internationalen Währungsfonds im Adamskostüm ein Zimmermädchen durch seine New Yorker Hotelsuite gejagt haben. Hat er das wirklich? Er soll sie im Badezimmer gestellt, ihr eine sexuelle Handlung abzunötigen versucht haben, ehe sie sich entwand. War das so? Schlugen Intrigenmacher zu, um den Sozialisten Dominique Strauss-Kahn von der Kandidatur für das französische Präsidentenamt abzuhalten? Oder um die Euro-Krise in diese oder jene Richtung eskalieren zu lassen?
Wir wissen es nicht, wir wissen aber: Die Unschuldsvermutung hat es schwer in diesen Tagen. Dass kein Rauch ohne Feuer sei, dass jedes Gerücht seinen wahren Kern und jede/jeder Dreck am Stecken habe, gilt uns fraglos. Wir denken an die Enttarnungen der Koch-Mehrin und zu Guttenberg und sehen uns bestätigt. Erst wird abgestritten, dann teilweise eingeräumt, am Ende ist alles so schlimm, wie es die ersten Vorwürfe unterstellten. Lügner, Spitzbuben, Kriminelle scheinen sich vorzugsweise an der Spitze der Gesellschaft zu tummeln.
Die Maßstäbe scheinen sich umgekehrt zu haben
Das stimmt natürlich nicht, doch Tag um Tag fällt es schwerer, das Gute im Menschen vorauszusetzen und das Böse nur als Abirrung zu akzeptieren. Die Maßstäbe scheinen sich umgekehrt zu haben: überall Schufte, Gauner, Lügenbarone, und dann und wann ein weißer Elefant. Dieses harsche Urteil kommt uns deshalb so leicht über die Lippen, weil der öffentlich eingeklagte Moralismus das Gegenstück ist zum ebenfalls öffentlich gelebten Laissez-faire sonst.
Die Koordinaten der Moral haben sich gewandelt. Was Strauss-Kahn an Degoutantem womöglich getan hat, wäre zu Zeiten eines Balzac oder Flaubert Stoff für eine Posse gewesen, höchstens, niemals für eine Tragödie. Alternder Mann von Welt grabscht nach Bediensteter, der berühmte „amor intellectualis zum Küchenpersonal“, den noch Adorno „fürs Triebleben“ konstatierte: eine alte, eine überwundene Geschichte.
Damals, in einer asymmetrischen Gesellschaft, siegte in solchen Fällen die Unmoral des Höhergestellten über die Moralansprüche der Untergebenen. Niemand soll solchen Umständen eine Träne nachweinen. Tempi passati, gottlob. Damals war das Recht auf elitäre Moralverstöße das Korrelat zum rigiden Moraldiskurs, den dieselbe Elite herrisch einforderte. Heute hingegen bringt das Zimmermädchen durch bloßen Anschein den hohen Herrn zu Fall. Der Bonus wurde zum Malus, das Exzentrische zum Makel.
Bannspruch auf Verdacht
Im 21. Jahrhundert ist die libertine Praxis weithin akzeptiert. Jeder soll mit jedem sollen wollen. Und umgekehrt. Deshalb aber wird umso verbissener über die richtige Moralrhetorik gewacht. Der potenzielle Grabscher, Bedränger, Grobian muss – sofern er bekannt genug ist – mit einem Bannspruch auf Verdacht rechnen. Er wird öffentlich und stellvertretend exorziert, damit der kleine Alltag mit seiner gewohnheitsmäßigen Doppelmoral hübsch weiterlaufen kann.
Ohne den schweren Vorwurf einer versuchten Vergewaltigung bagatellisieren zu wollen: Strauss-Kahn, schuldig oder schuldlos, taugt zum Exempel. Sein Fall zeigt, dass im stellvertretenden Aburteilen eine moralisch sonst sehr flexible Gesellschaft gerne ihr Mütchen kühlt. Die eigene Indifferenz wird im dröhnenden und ganz risikolosen Geißeln fremder Vergehen reingewaschen. Anders kann es nicht sein.
















Lieber Alexander Kissler, eine brillante Analyse! Feine Formunlierungen (“über die richtige Moralrhetorik gewacht”,“weil der öffentlich eingeklagte Moralismus das Gegenstück ist …”) und insgesamt so geschrieben, dass ich es gerne nochmals lese!
Wie sehr die political correctness und die allfeile “Moral als Forderung vor allem an die Anderen” nur das eine Gesicht des Janus sind,- eigentlich weiß das natürlich jeder,-nur verdrängt (fast tabuisiert) wird es so gern!
Wäre er verhaftet worden,wenn er sich richtig verhalten hätte? Ich wundere mich immer, warum Männer in solche Situationen kommen und danach Verschwörungstheorien aus dem Hut zaubern.Wer nicht spitz wie Nachbars Lumpi sich verhält,kommt nicht in solche Situationen.
na ja hört sich alles sehr weit hergeholt an. Aber zutrauen kann man wohl den Amis, daß sie Sarkozie ein bischen unter die Arme greifen, wenn er dafür ein bischen in Lybien ballert. Wozu haben die schließlich die CIA? Doch wohl für Rauschgiftgeschäfte, Präsidentenermordung etc. Son bischen Vergewaltigung darzustellen ist da easy. PS und in was für eine Situation hat sich SK begeben? er war wohl mal nackt im Hotelzimmer, wer war das denn wohl noch nicht??
die hexenjagt im mittelalterlichen stil, bei der eine einzige behauptung genügt um einen menschen zu zerstören trifft heute die männer. sex (anstatt pure gewalt) ist in dieser gesellschaft anscheinend das teuflische an sich, mit der man gegner ausschalten kann. für mich hat dieser fall sehr viel mit der art zu tun, wie julian assange abgewürgt wurde.
ich halte es unglaubwürdig, dass dieser gebildete und wohlhabende opa, der sich hundert prostituierte leisten kann, wann immer er will, seinen ruf so unüberlegt wie ein idiot aufs spiel setzt und völlig die kontrolle über seinen verstand verliert.
cui bono – wem nutzt es? ist hier sicher die interessantemre frage. bei mir bekommt folgende variante eine 50+ prozentige wahrscheinlichkeit: die lady baggert ihn im richtigen moment an und inszeniert ein sexuelles ereignis, wechselt dann die rolle und sagt stopp als er richtig scharf ist und 10 sekunden später rennt sie schreiend raus, mit den beweisenden spermaspuren.
wer glaubt dass geheimdienste zu solch " verschwörungstheorien" unfähig sind, der glaubt auch an den osterhasen und die jungfrauengeburt.
die variante, die momentan die weltpresse vermittelt halte ich nur für 5% wahrscheinlich
die Assange Assoziation hatte ich auch sofort…
Präsidentschaft, Griechenland-Gespräche, EZB… alles Gründe für ein gesellschaftliches Kaltstellen. Sofern es jemandem nützt.
Die Frage sollte sein, wer hat etwas davon, wenn SK entscheidungsunfähig ist.
Ungeachtet dessen, Verdachte in der Öffentlichkeit zu äußern war mal ein No Go. Es wird nur nicht mehr beachtet.