Herr Stoiber könnte als Außenminister nicht einmal Frieden mit Österreich halten. Guido Westerwelle

Sterben live

Japan und überall: Bei jeder Katastrophe versorgen uns Nachrichtenticker mit den Schreckensmeldungen. Wird so die Neugier gestillt oder nur das Nervenkostüm gekitzelt? Siegt der Sport über den Journalismus?

Was in früheren tumultuarischen Zeiten die Litanei wandernder Bußprediger war, ist heute das unaufhörliche Sensations- und Katastrophenlaufband, der Ticker. „Verfolgen Sie das dramatische Geschehen live im Nachrichtenticker“ steht bei einem häufig frequentierten Nachrichtenportal zu lesen. Anderswo tönt es ähnlich. „Vermutlich mehr als 10.000 Tote in Japan“ erfahren wir weiterhin, und dann folgen im atemlosen Stakkato schlimme News und nüchterne Uhrzeit.

Die Uhr läuft, die Welt glotzt

Um 14 Uhr 55 wurde der nukleare Notstand in einem weiteren Atomkraftwerk ausgerufen, um 10 Uhr 36 berichteten Augenzeugen von Hamsterkäufen, um 9 Uhr 33 stürzte das Dach eines Reaktorgebäudes ein, um 6 Uhr 22 war die Wahrscheinlichkeit einer Kernschmelze hoch, um 19 Uhr 26 wurde vor einem weiteren Tsunami gewarnt, um 19 Uhr 04 wurden Reaktorkühlmittel aus den USA nach Japan geschickt, um 18 Uhr 25 stieg die Radioaktivität in einem Turbinengebäude, um 17 Uhr 56 wurde die Totenzahl auf mehr als tausend Menschen geschätzt. Et cetera et cetera pp.

Auch der „Libyen-Ticker“ tut noch seine Dienste, während der Ticker zu zu Guttenbergs Kreuzverhör im Bundestag eingestellt wurde. Der „Live-Ticker zum Aufstand in Arabien“ dürfte in Kürze wiederbelebt werden, auch der „Castor-Ticker“ harret seiner Neuauflage. Einerseits stillen die Online-Redaktionen durch eine solche Chronik der fortlaufenden Ereignisse ein enormes Bedürfnis. Wenn die Ereignisse sich überschlagen, garantiert der Ticker die Aktualität in weit höherem Maß, als es ein mühsam von Mal zu Mal ergänzter Artikel könnte. Im Ticker ist das Update inbegriffen. Insofern ergänzen sich hier das Neuigkeitsbedürfnis der Leser und der Zeitdruck der Macher.

Andererseits aber, andererseits: Ist es angemessen, Leid und Elend, Krise und Tod, Untergang und Neuaufbau nach Art eines Sportberichts zu präsentieren? „Verfolgen Sie das dramatische Geschehen live“: So stellt man sich die Einleitung vor zu einem Pokalendspiel, einem Boxkampf oder einem Mehrnationenwettstreit, vielleicht auch zur Verleihung bedeutsamer Preise aus Kunst, Sport, Wissenschaft. Da ist man gerne live dabei, weil der Nervenkitzel so am schönsten kitzelt, das Ungewisse so am steilsten in die Gewissheit fällt und neue Zweifel gebiert. War es wirklich das entscheidende Tor? Ging alles mit rechten Dingen zu? Kann das wahr sein? Irgendwann ist der Wettkampf beendet, sind die Fragen beantwortet. Der gekitzelte Nutzer lehnt sich zufrieden zurück, greift zu Bier, Wein oder Gummibärchen, um sich für den nächsten Fight zu rüsten, aus der Ferne und in maximaler Bequemlichkeit.

Aufputschmittel Nachricht

Genau diese Konsumentenhaltung aber, die aus Nachrichten ein Aufputschmittel für die Seele macht, kann zynisch werden, wenn das Nachrichten auslösende Moment ferne Tode sind. Es mag die schlichte Anteilnahme sein oder das Entsetzen, beides zutiefst menschliche Regungen, die uns in die Katastrophen- und Kriegsticker hineinziehen. Sind wir aber einmal im Trommelfeuer der Untergänge gelandet, stecken wir schnell fest in der Pose des Elendskonsumenten.

Der Sieg der Sportberichterstattung über den Nachrichtenjournalismus treibt an vielen Stätten sein Unwesen. Auch wer über Tarifverhandlungen oder Friedensgespräche berichten muss, sucht gerne sein Heil in der Sportmetapher, in der Fußballdramaturgie. Der Krisenticker treibt dieses Phänomen auf die Spitze. Er zeigt, dass wir gerne im Minutentakt uns reizen lassen und eher ungern über die Minute hinaus denken.

Leserbriefe

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    Rolf Kohl – 15.03.2011 - 08:39

    Ich glaube nicht, das wir bei jedem Toten, sei es jetzt in Japan, Lybien oder sonstwo aus dem Sessel springen und uns vor Freude in die Arme fallen. Wäre diese Art der Berichterstattung nicht, würden wir immer noch glauben das unsere AKWs atombombensicher und alle Muslime nicht demokratiefähig sind. Jetzt haben es die, die uns das Glauben machen wollen weitaus schlechtere Karten. Oder gehören sie zu denen die dem Volk unter dem Deckmäntelchen der Fürsorge vorschreiben wollen wieviel an Nachricht es verträgt?

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    Don Altobello – 15.03.2011 - 12:41

    Live-Ticker können auch sehr lustig sein. Bei der FAZ gibt es einen Ticker, der historische Ereignisse in dieser Form beschreibt. Mein Lieblingsticker ist dieser hier über die Völkerwanderung:

    http://www.faz.net/s/Rub117C535CDF414415BB243B181B8B60AE/Doc~EFC644B13FFB64A988FD0F1C4D80CAF26~ATpl~Ecommon~SMed.html#1A1A04D7C9BC41CAAF9A40813B307FA0

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    P. Feldmann – 16.03.2011 - 11:45

    Danke für diesen wirklich guten Hinweis!

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    digiom (Jana Herwig) – 15.03.2011 - 12:42

    Die Analogie zu einem Sportereignis lässt sich m.E. v.a. in der Beschwörung in diesem Artikel finden; dass Uhrzeiten und Ticking Clocks unsere Wahrnehmung strukturieren wurde wirklich nicht erst im Sport erfunden.

    Und was hier so keck mit “Die Uhr läuft, die Welt glotzt” beschrieben wird, kann man ebenso mit “Die Uhr läuft, die Welt schaut hilflos zu” beschreiben.

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    Jean – 15.03.2011 - 14:58

    Ja, hihii..

    mhm..

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    P. Feldmann – 16.03.2011 - 11:41

    Lieber Alexander Kissler,
    Sie thematisieren hier ein Problem, das mir paradigmatisch schon länger eine der Dorn-Im-Fleisch-’Fragen des Journalismus zu sein scheint.

    1.Der Ticker suggeriert noch stärker als “einfache” NAchrichten, dass Nachrichten Daten /Fakten-Information sind. Das sind sie aber nicht: NAchrichten sind propositionale Aussagen über Welt , anders ausgedrückt: Nachrichten sind Sinnfragmente über Welt. Jede Nachricht ist eine Deutung von Welt.
    2. Wie werden Nachrichten genutzt? In der Tat nutzen die Meisten (mich zeitweise eingeschlossen) Nachrichten/ das “Neue”/ den Weltbericht als Pflaster für innere Sinnleere.
    Wieweit es zynisch ist, das Schicksal anderer MEnschen als Füllsel für die eigene Sinnentleerung zu nutzen, überlasse ich der Betrachtung jedes einzelnen! Ineffektiv ist diese Methode ganz sicher!

    3.Nachrichten können nur dann einen Sinn ergeben, wenn Sie Orientierung des Handelns werden dürfen. Inwieweit die Schnelltaktung von Nachrichten hier nicht genau das Gegenteil nämlich bspw. eine Schreckstarre und damit ein Nichthandeln induziert, bzw. inwieweit sich Nachrichten als Sinnwürfe gegenseitig bedingen, indem man nur mehr bestimmte Inhalte als Nachricht zulässt (Stichwort Denkverengung), auch das mag jeder hier selbst beurteilen.

    Insgesamt aber freue ich mich, dass Sie sich dieses Themas annehmen!
    mfG PF

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