Die Freiheit lebt davon, dass die Vorbilder sich vorbildlich verhalten. Wolfgang Schäuble

Sterben live

Japan und überall: Bei jeder Katastrophe versorgen uns Nachrichtenticker mit den Schreckensmeldungen. Wird so die Neugier gestillt oder nur das Nervenkostüm gekitzelt? Siegt der Sport über den Journalismus?

Was in früheren tumultuarischen Zeiten die Litanei wandernder Bußprediger war, ist heute das unaufhörliche Sensations- und Katastrophenlaufband, der Ticker. „Verfolgen Sie das dramatische Geschehen live im Nachrichtenticker“ steht bei einem häufig frequentierten Nachrichtenportal zu lesen. Anderswo tönt es ähnlich. „Vermutlich mehr als 10.000 Tote in Japan“ erfahren wir weiterhin, und dann folgen im atemlosen Stakkato schlimme News und nüchterne Uhrzeit.

Die Uhr läuft, die Welt glotzt

Um 14 Uhr 55 wurde der nukleare Notstand in einem weiteren Atomkraftwerk ausgerufen, um 10 Uhr 36 berichteten Augenzeugen von Hamsterkäufen, um 9 Uhr 33 stürzte das Dach eines Reaktorgebäudes ein, um 6 Uhr 22 war die Wahrscheinlichkeit einer Kernschmelze hoch, um 19 Uhr 26 wurde vor einem weiteren Tsunami gewarnt, um 19 Uhr 04 wurden Reaktorkühlmittel aus den USA nach Japan geschickt, um 18 Uhr 25 stieg die Radioaktivität in einem Turbinengebäude, um 17 Uhr 56 wurde die Totenzahl auf mehr als tausend Menschen geschätzt. Et cetera et cetera pp.

Auch der „Libyen-Ticker“ tut noch seine Dienste, während der Ticker zu zu Guttenbergs Kreuzverhör im Bundestag eingestellt wurde. Der „Live-Ticker zum Aufstand in Arabien“ dürfte in Kürze wiederbelebt werden, auch der „Castor-Ticker“ harret seiner Neuauflage. Einerseits stillen die Online-Redaktionen durch eine solche Chronik der fortlaufenden Ereignisse ein enormes Bedürfnis. Wenn die Ereignisse sich überschlagen, garantiert der Ticker die Aktualität in weit höherem Maß, als es ein mühsam von Mal zu Mal ergänzter Artikel könnte. Im Ticker ist das Update inbegriffen. Insofern ergänzen sich hier das Neuigkeitsbedürfnis der Leser und der Zeitdruck der Macher.

Andererseits aber, andererseits: Ist es angemessen, Leid und Elend, Krise und Tod, Untergang und Neuaufbau nach Art eines Sportberichts zu präsentieren? „Verfolgen Sie das dramatische Geschehen live“: So stellt man sich die Einleitung vor zu einem Pokalendspiel, einem Boxkampf oder einem Mehrnationenwettstreit, vielleicht auch zur Verleihung bedeutsamer Preise aus Kunst, Sport, Wissenschaft. Da ist man gerne live dabei, weil der Nervenkitzel so am schönsten kitzelt, das Ungewisse so am steilsten in die Gewissheit fällt und neue Zweifel gebiert. War es wirklich das entscheidende Tor? Ging alles mit rechten Dingen zu? Kann das wahr sein? Irgendwann ist der Wettkampf beendet, sind die Fragen beantwortet. Der gekitzelte Nutzer lehnt sich zufrieden zurück, greift zu Bier, Wein oder Gummibärchen, um sich für den nächsten Fight zu rüsten, aus der Ferne und in maximaler Bequemlichkeit.

Aufputschmittel Nachricht

Genau diese Konsumentenhaltung aber, die aus Nachrichten ein Aufputschmittel für die Seele macht, kann zynisch werden, wenn das Nachrichten auslösende Moment ferne Tode sind. Es mag die schlichte Anteilnahme sein oder das Entsetzen, beides zutiefst menschliche Regungen, die uns in die Katastrophen- und Kriegsticker hineinziehen. Sind wir aber einmal im Trommelfeuer der Untergänge gelandet, stecken wir schnell fest in der Pose des Elendskonsumenten.

Der Sieg der Sportberichterstattung über den Nachrichtenjournalismus treibt an vielen Stätten sein Unwesen. Auch wer über Tarifverhandlungen oder Friedensgespräche berichten muss, sucht gerne sein Heil in der Sportmetapher, in der Fußballdramaturgie. Der Krisenticker treibt dieses Phänomen auf die Spitze. Er zeigt, dass wir gerne im Minutentakt uns reizen lassen und eher ungern über die Minute hinaus denken.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Kissler: Provision auf Weltrettung

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