Sehr geehrter Freiherr zu Guttenberg,
als Sympathisant von ehedem muss ich Ihnen kurz schreiben, was mich bewegt. Ich bin vor zweieinhalb Jahren spätnachmittags in die nahe gelegene Kreisstadt gefahren, um Sie reden zu hören. Die Stimmung im Festzelt war schon vor Ihrem Erscheinen euphorisch, die Luft stickig, das Bier fast kalt. Sie nahmen im Schwung die Stufen zur Tribüne, mit Schwung ergriffen Sie das Bierglas, wischten sich den Schweiß von der Stirn. Sie waren der personifizierte Schwung, die Kraft in Menschengestalt. Froh seien Sie, wieder festen bayerischen Boden unter den Füßen zu haben und keinen „Berliner Treibsand“. Das säuberlich vorbereitete Manuskript, fuhren Sie fort, ließen Sie heute in der Tasche. Sie wollten lieber mit dem Herzen reden.
Gezielte Kniffe statt freier Improvisation?
Das kam ungemein an: Herz zu Herz statt Politiker zu Publikum. Das kam auch in anderen Kreis- und kreisfreien Städten an. Dort wählten Sie, wie ich später im Fernsehen erfuhr, eine sehr ähnliche Einleitung. Nun ja, dachte ich mir, der geübte Redner verlässt sich eben auf erprobte Effekte. Soll man ihm böse sein, wenn er den Schein einmaliger Authentizität dem Risiko frei improvisierten Seins vorzieht? Heute frage ich mich, frage ich Sie: Gab es das fein säuberlich vorbereitete Manuskript überhaupt? Zählte dessen Erfindung zu Ihren rhetorischen Kniffen?
Sie haben mittlerweile zugegeben, dass Ihre Dissertation „gravierende Fehler“ enthalte, „die den wissenschaftlichen Kodex, den man so ansetzt, nicht erfüllen“. Sie hätten „Blödsinn“ geschrieben und „teilweise den Überblick über die Quellen verloren“. Im Bundestag bekräftigten Sie am Mittwoch, Sie seien „so hochmütig“ gewesen, sich die „Quadratur des Kreises“ zuzutrauen, politische Karriere plus wissenschaftliche Exzellenz. Dieses parallele Arbeiten aber war dann „offensichtlich eine Überlastung“. Die „gravierenden Fehler“ seien Ihnen „unbewusst und ohne Täuschungsabsicht“ unterlaufen, einem „Menschen mit Fehlern und Schwächen“.
Das Publikum goutiert solche Offenheit, die zugleich das Eingeständnis ist, mindestens zweimal geschwindelt zu haben: als Sie die Doktorarbeit schrieben und als Sie vergangene Woche die Vorwürfe zurückwiesen. Wie, frage ich mich weiter, mag sich angesichts von soviel Chuzpe Ihr Doktorvater fühlen, der Ihnen gleich nach Beginn der Plagiatsaffäre kühn, tollkühn beisprang? Haben Sie Emeritus Häberle, der Ihnen allzu rasch eine akademische Ehrenerklärung ausstellte, vor Ihrem „Blödsinn“-Geständnis gesprochen? Ahnen Sie, was es bedeuten mag, als leichtgläubiger Professor dazustehen, der sich vom Baron hinters Licht führen ließ? Peter Häberle ist ein Mann von 76 Jahren.
Gewiss, in der Öffentlichkeit scheint der Zickzackkurs Ihnen nicht zu schaden. Die Leute mögen Sie, heißt es. Das Lädierte werde geliebt, das Schneidige auch. Sie sind ein politisches Großtalent, ganz zweifels- und fußnotenfrei.
Ressentiment gegen die Intelligenz
Die Liebe der Öffentlichkeit konnten Sie aber nur deshalb über Ihr eingestandenes Schwindeln und Tricksen hinweg retten, weil Sie von jenem antiintellektuellen Argwohn zehren, den Sie selbst bestätigen. Sie profitieren erheblich davon, dass die Mehrzahl der Bevölkerung nicht studiert hat, nicht promoviert wurde und gerne bereit ist, dem ganzen akademischen Gedöns mit Gleichgültigkeit, wenn nicht Schlimmerem zu begegnen. Was Paul Kirchhof, dem „Professor aus Heidelberg“, zum Verhängnis wurde, gereicht Ihnen, Herr zu Guttenberg, zum Vorteil: das tief sitzende Ressentiment gegen die Intelligenz, die doch eh eine korrupte, selbstverliebte Bande sei. Denen dürfe man eben nicht trauen, ein Schelm, wer es dennoch tut. Quod erat demonstrandum.
Das Klischee von den unproduktiven, Worte klaubenden Geisteswissenschaften, das Zerrbild einer letztlich überflüssigen Liebhaberei ist es, das Sie vor der Demission bewahrt. Betrug und Diebstahl werden entschuldigt, weil sie sich in einem Metier zugetragen haben, dem man Betrug und Diebstahl meint zutrauen zu müssen. Vermutlich ganz anders verhielte sich die Sache, hätte sie sich in den Naturwissenschaften oder der freien Wirtschaft ereignet.
Nein, lieber Herr zu Guttenberg, so leid es mir tut: Ihre Bierzeltreden werden Sie künftig ohne mich halten müssen. Für Ihren weiteren Lebensweg wünsche ich Ihnen alles Gute.
Mit freundlichen Grüßen,
Dr. Alexander Kissler
















Lieber Alexander Kissler,
ich kann mich beim Lesen Ihres brillant geschriebenen Artikels eines unguten Gefühles nicht erwehren. Und wenn ich ehrlich bin, so sind es gleich mehrere Gefühle. Der “Häberle ist ein Mann von 76 Jahren” und es tut wohl, dass einer in dem Ganzen Gedöns hier ans Menschliche appelliert, nur als Verteidigung jenes Professors taugt das wohl nicht. Ja fast im Gegenteil: fast 40 Jahre ERfahrung in der Beurteilung wissenschaftlicher Arbeit rufen hier in die Pflicht!
Das nächste ungute Gefühl kommt mir, da Sie jenes “Resentiment gegen die Intelligenz” ansprechen. Es fällt so gut von der Zunge und ich würde Ihnen so gern zustimmen, denn ein rundes Argument, das mundet, ist alleweil eines, dem man gerne zustimmt. Doch wie ist es denn um diese “Intelligenz” bestellt? Ich kenne zu viele, die ihrer Promotion, HAbilitation etc. auf unlautere Weise nachgeholfen haben, soll ich die nun “intelligent” nennen oder sind sie nur “weltschlau” auf ihren billigen Vorteil im Nehmen bedacht?
Das Feld ist ringsherum vermint und nach meiner simplen Schätzung sind 1/3 aller Dr.und HAbil-Titelträger an der Verminung beteiligt.
Das Beispiel Kirchhoffs stimmt trotzdem, aber nur bei einem Proleten wie Schröder.
Vielleicht ist es nicht die Koketterie mit dem Resentiment, die Guttenberg zur Seite steht, sondern sein schlichtes Engagement in seinem Job? Ich sage das als erklärter Nicht-Fan von ihm, denn mir hängt immer noch sein Bild vom Time-Square schräg in den sensuellen Afferenzen.
Vielleicht ist hier einer einfach zu gut und so wirft man ihm vor, dass er GENAUSO ist wie alle anderen.
Dieser Vorwurf aber ist verfänglich in höchstem Maße, denn will man sehen, was zu Guttenberg vermutl. gemacht hat, so muss man auch bekennen, was die anderen machen. So macht die Klage die Kläger zu Angeklagten. Und das, aber nur das, würde auch mich in ein Bierzelt ziehen!
mfG P.F
Sehr geehrter Herr Kissler,
Ihre heutiger Kolumnenbeitrag bringt es auf den Punkt. Die Diskussion der vergangenen Tage ist ohne eine grundsätzlich bildungsfeindliche Einstellung weiter Teile der Bevölkerung nicht zu verstehen. Sie dokumentiert auch wieder den traurigen Abstieg der CSU, die einst einmal den Ruf genoss, wie keine andere Partei sich für ein anspruchsvolles Bildungswesen einzusetzen.
MfG
Sehr geehrter Freiherr zu Guttenberg,
…und noch ein Brief, denn Sie erregen die Gemüter! Dr. Alexander Kissler hat schon Recht: Sie kommen wahrscheinlich mit diesen Blessouren im wissenschaftlichen Sektor davon und bleiben uns in der Politik erhalten, weil Sie Ihren persönlich von Ihnen nun einmal begangenen und jetzt zwangsläufig auch eingestandenen Fehler eben auf dem Feld der Wissenschaft begangen haben und gleichzeitig weil die Menschen in der Mehrzahl von “den” Politikern in der Vergangenheit schon allzu oft enttäuscht, belogen, betrogen und hinters Licht geführt wurden, und nota bene! das auch weiterhin so sein wird. (Ich erinnere nur an die “Aufarbeitung” der letzten Finanzkrise mithilfe des Bankenrettungsschirmes durch die Steuerzahler, an die statistische Verwaltung, eben nicht wirkliche “Aufarbeitung”, der Arbeitslosigkeit durch Hartz IV und an die zu Recht so genannte “Bildungsmisere”!)
Aber eben auf dem Feld der Politik haben Sie, zumindest in der Sprache und manches wichtige Mal auch in der Sache, nahezu als einziger “Politiker” die Menschen von Anfang an weder getäuscht, noch belogen, betrogen oder hinters Licht geführt. Daran aber sind wir – leider – von der Politik, bzw. “den” Politkern längst gewöhnt worden.
Sie das gerade Gegenteil: Den Opelianern haben Sie im Klartext den schmalen Grad der Abhängigkeit von Wallstreet und Amerikanern vor Augen geführt, den Deutschen – endlich, als Erster – gesagt, dass in Afghanistan ein Krieg stattfindet. Überhaupt: Durch Ihre Sprache und Ihr Auftreten dem von der Politik oft in Unmündigkeit gehaltenen Volk demonstriert, dass es auch in der politischen Auseinandersetzung mehr gibt als Neid, Missgunst und üble Nachrede durch den jeweiligen politischen Gegner. Das, vor allem das, scheint mir die Ursache Ihrer Beliebtheit im Volk zu sein. Darin liegt Ihre Glaubwürdigkeit.
Und diese Reaktion auf Ihr Auftreten in der Politik zeigt: Die Deutschen sind mehrheitlich doch noch, immer noch, im Urteilen selbständiger als man zu hoffen wagte nach dieser langen Periode des immer kräftigeren drauflos Dreschens auf den jeweiligen politischen Gegner durch die Politiker und der ständig wachsenden Selbstherrlichkeit der wenigen tausend Meinungsmacher sowie der immer raffinierter und dreister werdenden medialen Manipulation dessen, was die Öffentlichkeit zu meinen und zu denken habe.
Erfreulich und ermutigend ist: Auch mit der Moral ist es im Volk besser bestellt als in der Politik: Die Mehrheit im Volk hält es offensichtlich mehr mit dem Satz “Wer von Euch ohne Sünde und Fehler ist, der werfe den ersten Stein” und wirft ihn eben nicht. Während doch das Steinewerfen in der öffentlichen Politik lange schon gang und gäbe ist und eben gerade Ihnen geschieht.
Jeder weiß, und ich auch und auch Sie, sehr geehrter Freiherr zu Guttenberg, dass Sie einen schweren Fehler mit Ihrer Dissertation gemacht haben. Aber was leider nicht mehr jeder weiß, ist doch, dass man auch aus Fehlern klug wird, indem man sich dazu bekennt, sie eingesteht und dann sein Verhalten entsprechend zu ändern sucht. Und auch jeder weiß (eigentlich): Man muss auch Fehler verzeihen können, denn es gibt keinen Menschen ganz ohne Fehler.
Der langen Rede kurzer Sinn: Kehren Sie der Politik nicht den Rücken. Der Wissenschaft gegenüber haben Sie es ja schon getan. Und das war ja auch gut so. Das ist es auch, was ich aus Alexander Kisslers elegantem letzten Absatz gelernt habe. Ihnen, sehr geehrter Freiherr zu Guttenberg, wünsche ich also weiterhin viel Erfolg und Gottes Segen, Ihnen persönlich und in der Politik.
Mit freundlichen Grüßen!
Hermann Eisenhardt
Sehr geehrter Herr Eisenhardt, Pravo!!! Danke!!!
Sie haben uns aus der Seele gesprochen.
Gruß E. Willert
Aha, auch Sie lesen Die BLÖD-Zeitung!
Ist doch egal, wenn in der Dr.Arbeit beschissen wird!
Sollen doch auch alle Studenten künftig kopieren! Hauptsche der Titel ist da und kein Schwein kümmert sich darum, wer der wahre Verfasser ist. Bestimmt freut sich die Wirtschaft auf diese Betrüger! Weltweit!
Bestenfalls soll doch endlich eine öffentliche Ausschreibung stattfinden, um die besten Ghostrwriter zu finanzieren! Die Guttenbergs sollten schnellstens eine Stiftung ins Leben rufen.
Hallo H. Eisenhardt,
sehr sachlich und Klasse formuliert. Sie sprechen die realen/kritischen Punkte unserer herrschenden Politik und Medienwelt an. Kann mich Ihrer Meinung nur anschließen.
MfG Becker
Lieber Alexander Kissler,
Lug und Trug wirft man zu Guttenberg vor, und das – gut möglich – zu Recht. Sie wähnen Bildungsfeindlichkeit als Ursache dafür, dass das Volk dennoch zu ihm hält. Ich glaube nicht, dass das die Rolle spielt, wie Sie meinen.
Vielmehr dürfte es daran liegen, dass man vor allem den Politikern, die zu Guttenberg angreifen ihre Motive eben auch nicht glaubt. Sie werfen dem Konkurrenten Lug und Trug vor und lügen und betrügen dabei selbst, indem sie vorgeben, es gehe ihnen um die hehren Werte der Wissenschaft. Dabei ist offenkundig, dass es nur darum geht, den gefürchtetsten Gegner ausschalten, oder zumindest schwer beschädigen zu können. Ich glaube, das Volk ist klug genug, das zu erkennen.
Das ändert zwar nichts an den Verfehlungen des Freiherrn, wohl aber an der Bewertung der Kritiker.
Herzlich
Helmut Kammerer
“Ahnen Sie, was es bedeuten mag, als leichtgläubiger Professor dazustehen, der sich vom Baron hinters Licht führen ließ?” – Nun die Universität reagierte innovativ und entschlossen …