Technologie hat einen stark männlichen Ethos an sich. Jessica Erickson

Was will David Berger?

Durch den verdienstvollen Kampf gegen kreuz.net rückte David Berger ins Zentrum des öffentlichen Interesses. Leider schießt er dabei über das Ziel hinaus. Warum Aufklärung und Unwahrheit unvereinbar sind.

David Berger ist ein ehemaliger katholischer Religionslehrer. Einige Bekanntheit erlangte er durch sehr solide Studien über den heiligen Thomas von Aquin, durch eine Vielzahl scharf konservativer Schriften zum Lob der kirchlichen Tradition und der lateinischen Messe und durch das Bekenntnisbuch „Der heilige Schein“ – schillernde Stationen einer Renegatenkarriere. Neuerdings genießt er die Gunst vieler Medien, weil er das Gesicht der Kampagne gegen das hetzerische Hass-Portal kreuz.net ist, das hoffentlich für immer offline bleibt.

Falsifizierte These

Im Zuge dieser Bemühungen erklärte Berger in der „tageszeitung“ vom 30. November, es gebe „keine Neujahrsansprache des Papstes, wo er die Homosexuellen nicht nur indirekt als Menschen zweiter Klasse bezeichnet und homosexuelle Veranlagungen verteufelt werden“. Kreuz.net spitze zu, was Benedikt XVI. denke. Ebenfalls am 30. November wiederholte Berger im Deutschlandradio Kultur diese These. „Homophobie“, so Berger, „ist das große Thema des Pontifikats von Benedikt XVI., keine Neujahrsansprache, wo der Papst nicht die Homosexuellen als den Untergang des Abendlandes betrachtet und sagt, wir müssen alles dafür tun, dass eine (…) Diskriminierung Homosexueller weiter aufrechterhalten bleibt in den Staaten.“

Machen wir die Probe: Bei seiner ersten Neujahrsansprache an das diplomatische Korps am 9. Januar 2006 sprach Benedikt XVI. über die Verpflichtung zur Wahrheit als „Seele der Gerechtigkeit“, als Fundament der Freiheit und als „Weg zu Vergebung und Versöhnung“. Er geißelte die Armut in der Welt ebenso wie den Terrorismus. Dieser sei eine besondere „moralische Perversion“, wenn er sich „hinter dem Schutzschild einer Religion verbirgt“. Außerdem warb Benedikt für die weltweite Geltung der Menschenrechte und lobte die UN. Das Wort „Familie“ kam nicht vor, das Wort „Mann“ nicht, das Wort „Frau“ nicht, das Wort „Sexualität“ nicht, das Wort „schwul“ nicht. Schon mit der ersten Ansprache ist somit die These Bergers falsifiziert, in jeder Neujahrsansprache würden „homosexuelle Veranlagungen verteufelt“.

Doch knausern wir nicht, schauen wir weiter in das Jahr 2007. Am 8. Januar war das von Berger angezielte Themenfeld tatsächlich in der Ansprache vor dem diplomatischen Korps vertreten. Benedikt XVI. äußerte seine Besorgnis angesichts der „ständigen Angriffe auf das Leben von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod“. Abtreibung dürfe nicht banalisiert werden. „Ebenso“, fuhr der Pontifex fort, „entwickeln sich Bedrohungen gegen die natürliche Struktur der Familie, die auf der Ehe zwischen einem Mann und einer Frau gründet, sowie Versuche, sie dadurch zu relativieren, dass man ihr denselben Status verleiht wie anderen Formen der Verbindung, die radikal verschieden sind. Das alles beleidigt die Familie und trägt zu ihrer Destabilisierung bei, indem man ihre spezifische Eigenart und ihre einzigartige soziale Rolle verletzt.“

Ein erschütternd schlechter Leser

Der Papst ist also kein Freund der rechtlichen Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften. Aber hat er damit „nicht nur indirekt“ die Homosexuellen „als Menschen zweiter Klasse bezeichnet“? Nein, hat er nicht. Hat er „homosexuelle Veranlagungen verteufelt“? Nein, von solchen „Veranlagungen“ sprach er nicht einmal. Ausschließlich war am 8. Januar 2007 die Rede von Versuchen, gewisse „Formen der Verbindung“ rechtlich aufzuwerten, nicht von Menschen mit „Veranlagungen“, nicht vom Teufel, nicht vom „Untergang des Abendlandes“ hierdurch. David Berger ist ein erschütternd schlechter Leser.

Anfang 2008 bekräftigte Benedikt gegen Ende seiner emphatisch für den Frieden werbenden Neujahrsansprache, die „Angriffe auf die Integrität der auf die Ehe zwischen einem Mann und einer Frau gegründeten Familie“ bekümmerten ihn: „Die politisch Verantwortlichen, welcher Seite sie auch angehören, müssten diese fundamentale Einrichtung, die die Grundzelle der Gesellschaft ist, verteidigen. Was wäre da noch alles zu sagen!“ Mehr aber sagte er nicht. Von den insgesamt 17.798 Zeichen seiner Rede in der deutschen Übersetzung war ihm die Sorge um eine Nivellierung der klassischen Ehe exakt 341 Zeichen wert, weniger als zwei Prozent. Der „Untergang des Abendlandes“ sollte den Papst doch etwas mehr beschäftigen. Abermals bestätigt sich die These Bergers von den „nicht nur indirekt als Menschen zweiter Klasse“ herabgesetzten Homosexuellen nicht.

Anno 2009 schärfte Benedikt am 8. Januar den Diplomaten ein, „den Armen wieder Hoffnung zu geben. (…) Wie könnten wir die Ernährungskrise und die Klimaerwärmung unerwähnt lassen, die den Bewohnern der Gebiete, die zu den ärmsten des Planeten zählen, den Zugang zu Nahrung und Wasser noch weiter erschweren? (…) Unsere Zukunft steht heute mehr denn je auf dem Spiel, ja sogar das Schicksal unseres Planeten und seiner Bewohner.“ Von den Stichwörtern, die David Berger umtreiben, war mit keiner Silbe die Rede.

Diskriminierung sieht anders aus

Am 11. Januar 2010 schlägt der Begriffsdetektor leise an. Benedikt wandte sich knapp gegen „Gesetze oder Projekte, die im Namen des Kampfes gegen die Diskriminierung die biologische Grundlage der Unterscheidung der Geschlechter anzutasten versuchen. Damit beziehe ich mich zum Beispiel auf europäische oder amerikanische Länder.“ Abermals waren „Gesetze oder Projekte“ im Fokus dieser spartanisch formulierten Kritik am Gender-Mainstreaming – daraus Verteufelung, Diskriminierung, den Untergang des Abendlandes abzuleiten, setzt eine sehr spezielle Optik voraus. Die Welt wird dem zum Ozean, der eine blaue Brille trägt.

Ein Jahr später, am 10. Januar 2011, forderte Benedikt die weltweite Geltung der Religionsfreiheit ein und wandte sich explizit an die islamischen Länder. Gegen Ende hin erwähnte er auch in kritischer Absicht die verpflichtende „Teilnahme an Kursen der Sexualerziehung oder Bürgerkunde“ in Europa, „bei denen ein angeblich neutrales Bild des Menschen und des Lebens vermittelt wird, das aber in Wirklichkeit eine dem Glauben und der rechten Vernunft gegensätzliche Anthropologie widerspiegelt“. Die Weiterungen, die Berger unterstellt, finden sich nirgends.

Und schließlich 2012, am 9. Januar, warb Benedikt für die „auf der Ehe zwischen einem Mann und einer Frau gegründete Familie“ als den ersten Raum der Erziehung: „Es handelt sich dabei nicht um eine bloße gesellschaftliche Konvention, sondern um die Grundzelle der ganzen Gesellschaft. Folglich bedroht eine Politik, welche die Familie gefährdet, die Würde des Menschen und die Zukunft der Menschheit selbst.“ Niemand, der die demografische und sozialstaatliche Debatte besonders in Deutschland verfolgt, wird bestreiten, dass die Familienpolitik eine zentrale Herausforderung darstellt. „Verteufelt“ wird hierdurch keine „Veranlagung“, Diskriminierung sähe anders aus.

Warum muss er sein Engagement so aufblasen?

Halten wir fest: Von den bisher sieben Neujahrsansprachen im Pontifikat Benedikts XVI. haben drei keinen Bezug zum Themenfeld Ehe oder Gleichgeschlechtlichkeit; bei den übrigen vier finden sich knappe und gewiss von der Meinungsfreiheit gedeckte familienpolitische Hinweise, Befürchtungen, Sorgen, stets gegen Ende, stets in wenigen Worten, die an keiner Stelle jene Grenze zur Schmähung ins Blickfeld bekommen, die David Berger mit seinen Aussagen mehrfach überrennt.

David Berger sagt also in Bezug auf Benedikt die Unwahrheit. Warum reicht ihm nicht der weithin respektierte Kampf wider kreuz.net, warum muss er sein Engagement aufblasen zum Streit gegen einen in allerschwärzesten Tinten gemalten Papst? Handelt es sich – um einmal im schrecklichen Slang dieser Zeit zu wildern – um Heterophobie, Eklesiophobie, Egophobie? Will der David Berger, der ist, den David Berger, der war, niederringen? Ich weiß es nicht. All dies aber wäre unrettbar traurig.

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