Je öfter sich ein Politiker widerspricht, desto größer ist er. Friedrich Dürrenmatt

Luthers Erben mit Linksdrall

Nikolaus Schneider ist seit zwei Wochen Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland. Beschleunigt sich unter ihm die protestantische Selbstmarginalisierung?

Ja, so reden Hinterbänkler von SPD und Grünen: Sitzblockaden gegen den Castor-Transport seien keine Nötigung, sondern eine legitime Protestform. Atomkraft sei ein Auslaufmodell; sie “geht verantwortungslos mit der nächsten Generation um”. Die Afghanistanpolitik der schwarz-gelben Bundesregierung sei ethisch fragwürdig, ihre Energiepolitik unklug, wirtschaftliche Interessen zählten mehr als Sicherheitsinteressen, "und schließlich haben wir die Erfahrung mit der Asse in Braunschweig“.

Ja, das ist alles nicht überraschend, nicht verboten, nicht originell – wenn man denn Hinterbänkler ist oder sogar rot-grüne Nachwuchshoffnung und die Regierung in den Senkel stellen will. So aber sprach kein Emissär der Opposition, sondern der neue Chef an der Spitze der Evangelischen Kirche in Deutschland. Nikolaus Schneider will all das und noch viel mehr: Muslime sollen Kindergärten und Altenheime eröffnen, junge Türken sollen die Möglichkeit einer doppelten Staatsbürgerschaft erhalten.

Man hört die Gassenhauer aus der linkspolitischen Agenda

Schneider sorgt sich um Integration und Klima und Energie. Das ist ihm unbenommen. Das teilt er mit vielen Bürgern, vornehmlich links der Mitte. Müsste es ihn aber nicht zuerst umtreiben, dass seine Kirche sich selbst ein Schrumpfungsprogramm verordnet hat? Dass sie Mitglieder verliert, dass das evangelische Glaubenswissen verdunstet, dass die evangelische Glaubensbereitschaft schwindet? Dass seine Kirche als Kirche vermutlich bald nicht mehr sein wird? Dass schließlich immer weniger der immer weniger werdenden evangelischen Christen das evangelische Bekenntnis zu benennen, geschweige denn mit Leben zu erfüllen imstande sind, wonach „nach Adams Fall alle natürlich geborenen Menschen (…) von Mutterleib an voll böser Lust und Neigung sind und von Natur keine wahre Gottesfurcht, keinen wahren Glauben an Gott haben können“?

Vermutlich treibt Nikolaus Schneider all das tatsächlich um. Doch man hört nichts davon. Man hört die Gassenhauer aus der linkspolitischen Agenda, man wird Zeuge, wie die EKD ihren Sturzflug in die theologische Bedeutungslosigkeit zu genießen fest entschlossen ist: ein einmaliges Experiment.

Luther ist’s, den sein Luthertum bitterlich reut

Statt die schwindsüchtige Herde unter dem Banner des Gottmenschen neu zu sammeln, statt der Glaubensrede, dem Glaubenszeugnis, dem Glaubenseifer eine Stimme zu geben wie weiland der Protestierer aus Wittenberg, statt also forsch zu beten, betet die Spitze der EKD Trittins Traktandenliste nach. Wer nicht weiß, was Protestantismus einmal war, und auf die vor sich hinpolitisierende Schneider’sche Diskursgruppe schaut, der reibt sich die Augen und denkt: Warum eigentlich reden Christen nicht von Christus?

Und nur zuweilen, manchmal, wenn die Luft man anhält, das Ohr auf den Boden legt und die Augen rasch wieder schließt, dringt ein rotierendes Geräusch nach oben. Luther ist’s, den sein Luthertum bitterlich reut.

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