Das Netz hat die Spielregeln verändert. Zeynep Tufekci

Luthers Erben mit Linksdrall

Nikolaus Schneider ist seit zwei Wochen Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland. Beschleunigt sich unter ihm die protestantische Selbstmarginalisierung?

Ja, so reden Hinterbänkler von SPD und Grünen: Sitzblockaden gegen den Castor-Transport seien keine Nötigung, sondern eine legitime Protestform. Atomkraft sei ein Auslaufmodell; sie “geht verantwortungslos mit der nächsten Generation um”. Die Afghanistanpolitik der schwarz-gelben Bundesregierung sei ethisch fragwürdig, ihre Energiepolitik unklug, wirtschaftliche Interessen zählten mehr als Sicherheitsinteressen, "und schließlich haben wir die Erfahrung mit der Asse in Braunschweig“.

Ja, das ist alles nicht überraschend, nicht verboten, nicht originell – wenn man denn Hinterbänkler ist oder sogar rot-grüne Nachwuchshoffnung und die Regierung in den Senkel stellen will. So aber sprach kein Emissär der Opposition, sondern der neue Chef an der Spitze der Evangelischen Kirche in Deutschland. Nikolaus Schneider will all das und noch viel mehr: Muslime sollen Kindergärten und Altenheime eröffnen, junge Türken sollen die Möglichkeit einer doppelten Staatsbürgerschaft erhalten.

Man hört die Gassenhauer aus der linkspolitischen Agenda

Schneider sorgt sich um Integration und Klima und Energie. Das ist ihm unbenommen. Das teilt er mit vielen Bürgern, vornehmlich links der Mitte. Müsste es ihn aber nicht zuerst umtreiben, dass seine Kirche sich selbst ein Schrumpfungsprogramm verordnet hat? Dass sie Mitglieder verliert, dass das evangelische Glaubenswissen verdunstet, dass die evangelische Glaubensbereitschaft schwindet? Dass seine Kirche als Kirche vermutlich bald nicht mehr sein wird? Dass schließlich immer weniger der immer weniger werdenden evangelischen Christen das evangelische Bekenntnis zu benennen, geschweige denn mit Leben zu erfüllen imstande sind, wonach „nach Adams Fall alle natürlich geborenen Menschen (…) von Mutterleib an voll böser Lust und Neigung sind und von Natur keine wahre Gottesfurcht, keinen wahren Glauben an Gott haben können“?

Vermutlich treibt Nikolaus Schneider all das tatsächlich um. Doch man hört nichts davon. Man hört die Gassenhauer aus der linkspolitischen Agenda, man wird Zeuge, wie die EKD ihren Sturzflug in die theologische Bedeutungslosigkeit zu genießen fest entschlossen ist: ein einmaliges Experiment.

Luther ist’s, den sein Luthertum bitterlich reut

Statt die schwindsüchtige Herde unter dem Banner des Gottmenschen neu zu sammeln, statt der Glaubensrede, dem Glaubenszeugnis, dem Glaubenseifer eine Stimme zu geben wie weiland der Protestierer aus Wittenberg, statt also forsch zu beten, betet die Spitze der EKD Trittins Traktandenliste nach. Wer nicht weiß, was Protestantismus einmal war, und auf die vor sich hinpolitisierende Schneider’sche Diskursgruppe schaut, der reibt sich die Augen und denkt: Warum eigentlich reden Christen nicht von Christus?

Und nur zuweilen, manchmal, wenn die Luft man anhält, das Ohr auf den Boden legt und die Augen rasch wieder schließt, dringt ein rotierendes Geräusch nach oben. Luther ist’s, den sein Luthertum bitterlich reut.

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Alexander Kissler: Provision auf Weltrettung

Leserbriefe

Aus der Kolumne

Kisslers Kontrastmittel

Provision auf Weltrettung

Big_281177589f 3

Die neuen Spendensammler sind gecastet: jung, weiblich und von der Agentur bezahlt. Die Strickpullis sind von der Straße verschwunden. Das Gutmenschentum ist zu einem Geschäft geworden.

Small_c3426b3540
von Alexander Kissler
26.12.2012

Im Namen des Apparats

Big_7c4bf7bb7d 12

Man kann nach dem Amoklauf über Waffen reden und über Psychotherapie. Wie aber hält es unsere Welt mit dem Erbarmen?

Small_c3426b3540
von Alexander Kissler
18.12.2012

Was will David Berger?

Big_c3af2c7f34 34

Durch den verdienstvollen Kampf gegen kreuz.net rückte David Berger ins Zentrum des öffentlichen Interesses. Leider schießt er dabei über das Ziel hinaus. Warum Aufklärung und Unwahrheit unvereinbar sind.

Small_c3426b3540
von Alexander Kissler
04.12.2012

Mehr zum Thema: Spd, Die-gruenen, Evangelische-kirche

Kolumne

Medium_4575991ba3
von Christoph Giesa
09.05.2013

Kolumne

Medium_69f9a5dd40
von Alexander Görlach
08.05.2013

Debatte

Die Grünen und das Bürgertum

Medium_c51cc05033

Konservative Revolutionäre

Anders als oft behauptet, stehen sich die Grünen und das Bürgertum bereits seit Jahrzehnten nahe. Wenig illustriert das so gut, wie einer der aktuellen Spitzenpolitiker. weiterlesen

Medium_1d09b6cada
von Rebecca Harms
23.11.2012
meistgelesen / meistkommentiert