Kein Sommertraum, kein Wintermärchen ist Deutschland im September 2010. Eher an ein Narrenschiff lassen die täglichen Meldungen aus unserer kleinen republikanischen Raumkapsel denken. Ein Gesundheitsminister verkauft Krankenkassenbeitragserhöhungen als Gesundheitsreform. Ein Gewinnmaximierungsprogramm für Energiekonzerne wird zum Atomkompromiss aufgehübscht. Ein ehemaliger Oberbürgermeister präsentiert einen knapp der Minderjährigkeit entronnenen Knaben, 36 Jahre jünger als er selbst, als Mann an seiner Seite. Immer öfter gilt leider der alte Komödiantenspruch “Das ist doch alles nicht mehr ernst zu nehmen”. Auch ein noch älteres Schicksalswort will heute Handlungsmaxime sein: “Denn sie wissen nicht, was sie tun.”
Bevor aber Griesgram und Zynismus das Zepter übernehmen, empfiehlt sich der Blick vom Missratenen aufs Gelungene und damit, so ist es nun mal eingerichtet, aus der Realität ins Erfundene. “Künstliche Paradiese – Ästhetische Gegenwelten” nannte der Deutschlandfunk eine hoch symptomatische Programmreihe, Kommentar und Kontrapunkt zur Zeit. Baudelaire kam zu Wort, ebenso natürlich Huysmans und Rimbaud und D’Annunzio und Ball. Übergangen wurde leider das weltweit bekannteste Gegenglück überhaupt, Walt Disneys und Carl Barks Entenhausen. Eine Neuerscheinung will diesem Mangel mit enzyklopädischer Gründlichkeit abhelfen. Der erste “Reiseführer Entenhausen” ist erschienen.
Denn sie wissen nicht, was sie tun
Wie in jedem Paradies wird in Entenhausen nicht gestorben. Man wächst auch nicht, bleibt auf ewig Neffe oder Onkel oder Tante oder Erbonkel. Krankheiten gibt es, doch sie sind zart und sehr vorübergehend. Das Heilfleisch der Entenhausener ist legendär. Auch schlimmste Brüche, wie sie vorzugsweise die unglückliche Ich-AG Donald Duck ereilen, heilen wimpernschlagschnell und rückstandslos. Wenn das stehende Glück, der klassische Topos des “Nunc stans”, auch auf eine saturierte Gesellschaft deuten mag, so bestimmt das Gegenteil den Alltag. Nimmermüd jagen die Bewohner ihrem Glück hinterher, sind Muster an Einfallsreichtum und Abenteuerlust. Ängstlich sind sie nicht, sondern unverzagt, kein Nackenschlag macht sie passiv. Ein Kapitalismus mit menschlichem Antlitz lebt dort, wo die Entenmenschen Bürzel tragen: Auch Bankrotteur Donald lebt kommod in seinem großen Eigenheim.
Der Reiseführer zeigt aufs Allerakribischste, dass so viel Wagemut und Optimismus auf einem subtilen Ordnungsgefüge ruhen. Entenhausen ist eine Stadt nach Plan. In ihr treffen, wie Kartograf Jürgen Wollina betont, die Vorteile von Stadt und Land, Wasser und Luft planvoll zusammen, “die seidenweichsten Sandstrände, gipfellockende Gebirge, wanderfreundliche Wälder mit noch nie gesehener Flora und Fauna, fliederblaue Flüsse und Seen”. Drei Flughäfen gibt es, einen Hafen, Bahnhof und Autobahn. Das “abwechslungsreiche Mikroklima” stellt Skifahrer wie Sonnenanbeter zufrieden. Und dank der Währung Taler und Kreuzer bleiben die Bewohner von der Euro-Schuldenkrise verschont.
Heile Welt in Entenhausen
Grundlage des Reiseführers sind sämtliche 700 Comic-Geschichten, 6.250 Seiten insgesamt, aus der Feder Carl Barks. Das Notre Duck, ein Münster inmitten der Stadt, erscheint deshalb ebenso wie das Völkerkundemuseum und Schloss Schauerstein. Dagobert Ducks Goldspeicher, sieben an der Zahl, fehlen auf der großformatigen Stadtkarte natürlich nicht, dito Gumpensund, Möwensund, Zoo. Stadtgründer Emil Erpel, Senator Sagebiel und dem Pionier der Wasserleitung, David Duck, sind heitere Denkmäler gewidmet.
Man erinnert sich gerne in Entenhausen und schaut doch stets und vermutlich deshalb nach vorne. Man lässt sich vom Gestern das Heute nicht verdrießen und von diesem jenes nicht kleinreden. Man schüttelt die Niederlagen ab und freut sich an den Triumphen. Niedertracht ist nicht unbekannt, Egoisten gibt es durchaus, vulgär ist man nie. Sogar die Panzerknacker sind integriert. Kein Wunder also, dass mancher Bundesrepublikaner gern die Lockung des Reiseführers beherzigte: “Sie wären nicht der Erste, der seine Rückfahrkarte verfallen ließ und sich für immer in Entenhausen niedergelassen hat!”


















Dem Buch, das hier besprochen wird, liegt der uralte Topos des Inselmotivs zugrunde. Interessant (auch lustig irgendwie) in diesem Zusammenhang ist, dass so viele Deutsche gerade die Inseln besonders lieben. Auf Mallorca, eine der großen deutschen Lieblingsinseln, scheint den Besuchern auch alles so zeitlos, idealtypisch, schön, und toll – leider oft aber nur aufgrund des Alkohols. Ähnliches ist auch aus der Insellage des berühmten gallischen Dorfes zu beobachten: Auch hier funktioniert das Leben, perfekt und fehlerlos wie man es sich halt wünscht. Hoffen wir dennoch, dass Deutschland nicht noch mehr zu Entenhausen verkommt (Die Hoffnung stirbt zuletzt).