Der Mensch ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt. Bertolt Brecht

Auf der Streckbank

Wo die Gleichmacherei triumphiert, stirbt die Gerechtigkeit. Warum Einheitsbrei ungenießbar ist.

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Am selben Tag, da eine überregionale Zeitung titelte „Schlecker am Ende – 13.000 Frauen arbeitslos“, erhielt ich Post von der Versicherung. In munterem Tonfall teilte man mir mit, „der Europäische Gerichtshof hat die deutschen Lebensversicherer verpflichtet, ab dem 21.12.2012 nur noch Unisex-Tarife anzubieten. Dadurch werden Rentenversicherer für Männer teurer, für Frauen dagegen billiger.“ Frauen könnten sich freuen, bereits ab Juni die „günstigeren Unisex-Tarife“ genießen zu dürfen. Männer nutzten die „heutigen vorteilhafteren Tarife“ hingegen noch bis Dezember – „ab dann wird’s teurer“.

Mann oder Memme?

Da hat die Freude den Griffel geführt. Oder war’s das Schelmentum? Mit jubilierendem Ausrufezeichen und kumpelhaft verkürztem „wird’s“ hätte ich in einem derart förmlichen Schreiben einer derart trockenen Branche nicht gerechnet. Der Autor/die Autorin zwinkert mir zu. Hey, sagt mir die Versicherung, hey, nimm’s nicht so ernst, ist ja nur Geld, nur Geld, lass dir den Spaß am Leben nicht vermiesen, Männer zahlen oft, und bist du Mann oder Memme?

Es ist ein Zwinkern im Vorübergehen, ein klammheimliches Übereinkommen unter Bedrückten, vergleichbar dem Flüsterwitz im Hause des Oligarchen. Dieser hört auf den Namen Egalitarismus. Das Ungleiche soll gleich gemacht werden, das Leben soll sich fügen auf der Streckbank der Norm, das Differente abgeschliffen werden. Ob es sich um Debatten handelt zur Quote oder zum Betreuungsgeld, zu Migration, Mindestlohn, gleichgeschlechtlicher Verpartnerung: Gepriesen sei der Einheitsbrei, was nicht passt, wird passend gemacht. Weniger Vielfalt und mehr Einfalt soll es geben und also weniger Besonderheiten, weniger Freiheiten, mehr Regulierung. So tauschen Vernunft und Unvernunft die Plätze, denn nur Erstere gönnt jedem das Seine und nicht allen ausschließlich dasselbe. McDonald regiert längst im Menscheninnern. Seine Herrschaft erkennt man an der Unmündigkeit, die ihm täglich neue Knechte zutreibt.

Panische Angst vor Individualität

So drückt sich nichts Geringeres aus als eine panische Angst vor Individuum und Individualität. Das Besondere wird grundlegend als Bedrohung wahrgenommen, die zu zähmen es einer Normierungsindustrie bedarf. Alldieweil diese wächst und gedeiht und dank Berliner und Brüsseler Geld immer mehr Fett ansetzt, wird unter der falschen Überschrift der Gerechtigkeit die Ungerechtigkeit vollendet.

Männer haben eine deutlich kürzere durchschnittliche Lebensdauer als Frauen, vielleicht aus Sorge, vielleicht aus Sorglosigkeit, vielleicht wegen zehrender Verantwortung. Dieses Faktum soll aus der Welt geschaffen werden, indem man versicherungsmathematisch so tut, als lebten Männer gleichwohl so lange wie Frauen. Unsinn ist’s und Unvernunft und ungerecht, doch wen kümmert das, solange der Egalitarismus triumphiert? Diesen fatalerweise für Gerechtigkeit zu nehmen, ist Lektion schon für die Allerkleinsten in Krippe, Kita, Kindergarten.

Dann und wann aber bricht sich die Ahnung Bahn, dass der Mensch verkümmert, wenn er in eine gesichtslose Menschheit umgeschmolzen werden soll. Dann ist auf einmal die Rede von „13.000 Schlecker-Frauen“, obwohl auch Männer unter den Betroffenen sind und obwohl uns sonst tagein, tagaus eingebläut wird, Geschlechterunterschiede täten nichts zur Sache, seien anachronistisch und theoretisch längst überwunden – Unisex now.

Der Überschuss an Empathie, mit dem die „Schlecker-Frauen“ rechnen dürfen, weil sie Frauen sind, rührt an sehr alte Instinkte: Riskant mag der Mann leben und gefährlich, das gehört zu seiner Conditio, die Frau aber hat ein besonderes Anrecht auf Schutz, Hilfe, Höflichkeit. Mann und Frau sind nicht dasselbe. Darauf zu beharren, ist nicht diskriminierend, sondern human. Diskriminierend ist einzig der staatlich verordnete Egalitarismus.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Kissler: Provision auf Weltrettung

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