Neulich war wieder so ein Tag. In Mexiko, las ich am Morgen, wurden 72 illegale Einwanderer ermordet. In Pakistan stieg derweil das Wasser weiter an. Ein Damm sei im Süden gebrochen, das Hochwasser bedrohe weitere 500.000 Menschen; insgesamt seien mittlerweile mehr als acht Millionen Menschen auf Hilfe angewiesen, ums Leben kamen bisher anderthalbtausend, während 800.000 vom Tod durch Hunger und Seuchen bedroht seien.
Auch beim Mittagessen bot die Welt keine Linderung. Im Nordosten Chinas, erfuhr ich, nehme die Ölflut kein Ende. An der Bucht von Dalian wachse und wachse der schmutzige Teppich, seit zwei Ölleitungen explodierten. In Berlin, hörte ich nachmittags, starb in der Charité eine 29-jährige Ägypterin bei der Entbindung. Auch die neugeborenen Zwillinge kamen ums Leben. Und aus dem Radio im Schlafzimmer drang spätabends die Kunde, dass im Mainzer Universitätsklinikum mittlerweile drei Säuglinge aufgrund einer verseuchten Nährlösung gestorben sind. Und was geschah in Afghanistan, während ich einschlief, was in Iran und Irak und Nordkorea während meiner REM-Phase? Und wie lange werden noch die 33 Bergleute in der chilenischen Mine von Copiapo eingesperrt sein? Wirklich bis Weihnachten?
Öffentliches Leiden ist ein Phänomen der Spätmoderne
So schnell jagen die Neuigkeiten um den Globus, dass kaum ein Leid verborgen bleibt. Zwar gilt noch immer der Grundsatz, dass die Zahl der Opfer mit der Entfernung des Tatorts wachsen muss, um Relevanz zu gewinnen – drei tote Babys in Chile wären in Deutschland keine Meldung. Grundsätzlich aber quillen Tod und Unglück, Gewalt, Niedertracht und Katastrophe aus allen Poren unseres globalen Informationskörpers. Sie sind das Grundrauschen der Spätmoderne.
Es gibt kein fremdes Leid: Das hieß einmal, dass das Leid des anderen keinem Menschen egal sein dürfe. Wo einer leidet, leide auch die Menschheit. Heute meint derselbe Satz, dass (fast) kein Leid unbekannt bleibt. Gerade stürzte der Bus die philippinische Böschung hinab und riss Dutzende in den Tod – schon durchkämmen philippinische Polizisten auf deutschen Mattscheiben den Unfallort. Kein Menschenherz aber birgt genügend Empathie, um sich jedes Mal aufs Neue bewegen zu lassen. Nicht betroffen, sondern gleichgültig macht das Stakkato der gebogenen Leiber.
Apathie durch Übersättigung
Kein schöner Zug ist das und dennoch unaufhaltsam. Wir zahlen den Preis für unsere überbordende Neugier. Wir sind von mehr Informationen umgeben denn je, sie nutzen uns, sie dienen uns, doch beharrlich zielen sie mit dem Pfeil der Apathie auf unser Inneres. Die Summe des Wissenswerten wächst, die Optionen sind unzählbar, aber kaum noch etwas geht uns unbedingt an. Das fremde Leid rückt nahe und wird dadurch doppelt fremd.
Der Weg zurück ist verstellt. Gäbe es ihn, er wäre Flucht, keine Lösung. Das nennt man ein echtes Dilemma. Es lugt überall hervor. Nun, dachte ich neulich an diesem gewöhnlichen Tag, kommt es ganz darauf an, neugierig zu bleiben, ohne sich verrohen zu lassen.














Die vom Ort des Geschehens berichten und nicht nur die Nachricht konsumieren, sind deutlich weniger abgebrüht und zynisch. Das fällt auf.
Karl Steinbuch (http://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Steinbuch), Die informierte Gesellschaft. Geschichte und Zukunft der Nachrichtentechnik , 1966/1969 – in dem Zusammenhang mal wieder lesenswert.