Ich suche nicht nach Krisen, aber ich habe auch keine Angst vor Krisen. Frank-Walter Steinmeier

Cordoba und Cordoba

Eine Moschee, die es noch gar nicht gibt, spaltet die USA. Unweit des am 11. September 2001 zerstörten World Trade Centers soll ein islamisches Begegnungszentrum entstehen. Der Bau einer Moschee an derart sensibler Stätte ist erlaubt, wäre aber unklug. Er rührt an alte Wunden und wird neue schaffen – auch wegen seines zweideutigen Namens.

Dürfen Meinungsumfragen die Religionsfreiheit einschränken? Nein. Darf das Recht auf Religionsausübung an andere Bedingungen geknüpft werden als an die Gesetzes- und Verfassungstreue der Religiösen? Nein. Sollen Muslime also in der Nähe von Ground Zero eine Moschee bauen? Abermals nein.

In dem fast unüberschaubar gewordenen Konflikt um die Pläne, unweit des Tatorts vom 11. September 2001 eine Moschee samt Begegnungsstätte entstehen zu lassen, treffen zwei ganz verschiedene Betrachtungsweisen aufeinander. Einerseits steht die Frage zur Debatte, ob die Religionsfreiheit in den USA für alle Religionen gleichermaßen gilt. Selbstverständlich tut sie das, und darum ist es falsch, allen Gegnern des Moscheebaus zu unterstellen, sie wollten die allgemeinen Freiheitsrechte verringern. Niemand kann, niemand will ernsthaft an der Religionsfreiheit rütteln.

Nicht alles, was erlaubt ist, sollte auch getan werden

Daneben gibt es aber eine zweite argumentative Ebene, auf der dieser Konflikt verhandelt wird und auf der er auch entschieden werden sollte. Dieser zweite Aspekt ist die Frage nicht nach der Zulässigkeit, sondern nach der Klugheit. Nicht alles, was erlaubt ist, sollte auch getan werden. Nicht jedes Recht verlangt nach seiner gebieterischen Durchsetzung. Wenn Rechte und Pflichten kollidieren, beweist das Beharren auf den Rechten nicht unbedingt die Reife und die Verantwortung des Beharrenden. Und neben dem Recht auf Religion gibt es eben auch, zumal in multireligiösen Gesellschaften, die Pflicht zur Rücksichtnahme, die Pflicht, das Gemeinwohl zu bedenken.

Ich weiß nicht, welche Zwecke die Initiatoren von der “Cordoba Initiative” mit ihrem zulässigen, aber unklugen Plan im Einzelnen verfolgen. Laut Selbstdarstellung will man die “Brücke zwischen dem Islam und dem Westen stärken” – in den zehn Jahren ihres Bestehens scheint die Initiative diesem Ziel näher gerückt zu sein. Umso befremdlicher wirkt es, wenn jetzt unter dem Namen Cordoba eine Moschee unweit der Stätte gebaut werden soll, die durch muslimische Selbstmordattentäter in Schutt und Asche verwandelt worden ist.

Die Moschee taugt nicht als Symbol der Verständigung

Cordoba ist nämlich nicht nur, wie es die Initiative darlegt, Symbol eines weitgehend friedlichen “Miteinanders von Muslimen, Juden und Christen vor tausend Jahren”. Die Geschichte des Kalifats von Cordoba, das von 929 bis 1031 währte, schöpft nur einen Teil des symbolischen Gehalts von Cordoba aus. Cordoba steht auch für die kriegerische Ausbreitung des Islam im achten Jahrhundert und eine rabiate Christenverfolgung. Die rund 50 “Märtyrer von Cordoba” gehören zum abendländischen Gedächtnis: Sie wurden zwischen 850 und 859, wie ein heutiger Historiker schreibt, “als Unruhestifter unter strikter Anwendung des islamischen Rechtes in Moscheen und auf Märkten hingerichtet”. Christen war es damals generell untersagt, ihren Glauben öffentlich zu bekennen.

Gewiss, auch die christliche Reconquista verfuhr nicht zimperlich, als sie 1236 Cordoba zurückeroberte. Gerade deshalb rührt der Name Cordoba an alte Wunden und reißt neue auf. Eine Moschee, die in ihrem Namen auch die Erinnerung an Christenverfolgung und islamischen Eroberungsdrang trägt, taugt nicht als Symbol der Verständigung. Kann es klug sein, einer Stadtgesellschaft, die an den Folgen eines Massenmords unter islamischer Flagge noch immer trägt, die Male früherer Intoleranz einzupflanzen?

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    alipius – 26.08.2010 - 11:39

    Ich finde den Namen “Cordoba” ganz und gar nicht zweieutig. Sollte er für ein friedliches Miteinander zwischen Christen, Juden und Muslimen stehen, so gibt es immerhin eine ganze islamische Welt, in der man schon lange Generalproben für dieses Miteinander hätte auffühen können. Angesichts der Lage von Christen in den meisten vom Islam dominierten Ländern liegt “Cordoba” für mich irgendwo zwischen dreistem Hohn und einer Kampfansage.

  • Theeuropean-placeholder
    Wilfried Wöhler – 26.08.2010 - 16:06

    Sehr guter Artikel.

    Ich habe mal auf diversen Liberalen Seiten wie Slate.com und theatlantic.com die Debatte verfolgt, und das Problem der dortigen Liberalen in ihrer Beschwörung der Verfassung der USA – 1st ammendment – scheint mir die Abgrenzung von FoxNews, Tea-Party, Sarah Palin und anderer “rechter” Demagogie zu sein, also so etwas wie das “Irren in der Abkehr”. Dass der Gründer der Moschee, Imam Faisal Rauf, ein Befürworter der Scharia und ein Sympathisant der Hamas ist (Er weicht Fragen ob sie eine “Terror-Organisation” sei aus), und zurzeit im Namen der US-Administration für “Ein Plädoyer für Religiöse Freiheit” in Islamischen Ländern unterwegs ist, tritt erst jetzt verstärkt in den Focus der Debatte.

    Die Frage die alle Aufrichtigen Demokraten sich stellen müssen, ist, WAS für einen Islam können wir in eine wirklich Pluralistische Gesellschaft integrieren die diese Werte auch zukünftig aufrecht erhält.
    Und wo müssen wir früher Schranken hochziehen, um einer Aushöhlung unserer Westlichen Freiheitlichen Grundordnung frühzeitig zu begegnen. Im Zusammenhang mit den aktuellen Sarrazin-Thesen scheint mir dies noch “brennender” und notwendiger als alles andere in der Öffentlichen Diskussion. Ich befürchte, dass sich immer noch viel zu wenige mit den brisanten Dogmen des Islam (Koran, Hadith) beschäftigt haben.

  • Theeuropean-placeholder
    Peters – 26.08.2010 - 16:17

    Lieber Herr Kissler,

    ich kann Ihrer Meinung überhaupt nicht zustimmen.

    Die Relation, die Sie hier bringen ist doch absolut subjektiv. Dem Amerikaner und den dort ansässigen Medien, die dieses Thema erst derart eskaliert haben, würden die gleichen Argumente einfallen, wenn die Moschee in Brooklyn (in der gleichen Stadt!), in Binghampton (im selben Staat!), in Boston (an der EASTCOAST!) oder in Los Angeles (im gleichen Land!) errichtet werden würde.

    Der ganze Streit ist eine lächerliche Farce zu Beginn des Kongresswahlkampfs, sonst nichts. Die Pläne lagen jahrelang auf den Tischen und dieses Vorhaben entspricht absolut dem Spirit New Yorks. Dem Spirit, den diese Stadt unter ihrem Bürgermeister Bloomberg endlich wieder zurück haben will. Das friedliche Miteinander der Menschen (und mich interessieren KEINE Religionen) und ihrer Kulturen war der Grund, weshalb New York diese wahrlich einzigartige Stadt geworden ist. Und eine Begegnungsstätte für Muslime in Manhattan wäre für keinen Hinterbliebenen der Opfer des 11.09. ein ernstzunehmender Schlag ins Gesicht oder eine Gefahr für irgendeinen Bürger New Yorks.

    Zum Glück interessiert sich nur ein Bruchteil der heutigen Menschheit noch für die Geschichte von Cordoba und den ganzen Schwachsinn der damals zwischen den Kulturen abgelaufen ist, jeweils unter dem Deckmantel irgendeines Glaubens.

    Hätte man die New Yorker selber entscheiden lassen, wäre dieses Begegnungszentrum schon realisiert. Dem haben Politiker und Medien nun aber einen Riegel vorgeschoben und das Thema für sich beansprucht. Jetzt werden die Menschen in der Stadt gegeneinander aufgehetzt und plötzlich muss sich der Bürger fragen, welcher Religion sein Nachbar angehört. Schade ist das, weil dies bei Amerikanern eigentlich nicht mehr so war. Nirgendwo konnten so viele verschiedene Religionen so gut und hochproduktiv nebeneinander leben wie in den Staaten.

    Bestes P.

  • Theeuropean-placeholder
    Theo Hipp – 26.08.2010 - 17:14

    Halten Sie im Ernst Ihre Position für objektiv?
    Dann müssten Sie mal den Beweisgang erklären.

    Mir bleibt bei der Lektüre Ihres Beitrags nur das blanke Staunen, wie man etwas derartiges von sich geben kann.
    Haben Sie etwa vergessen, das der 11/9 eine Tat religiös motivierter Terroristen war?
    Dass Religion Sie nicht interessiert, ist Ihr gutes Recht. Aber dass Sie übersehen, dass die aktuellen Konflikte weitgehend religiös-kultureller Art sind, ist Zeichen einer erkenntnisverzerrenden Voreingenommenheit. Ich schlage vor, die Moschee “Khalil-Gibran-Moschee” zu nennen. Wenn Sie recht haben, dann müsste das doch allen willkomen sein, oder?

  • Theeuropean-placeholder
    Boris Radke – 26.08.2010 - 16:37

    Herr Kissler,

    2 sehr gute Links zu dem Thema:

    http://www.nytimes.com/2010/08/04/opinion/04friedman.html

    http://www.thedailyshow.com/watch/mon-august-23-2010/the-parent-company-trap

    Viele Grüße aus Berlin

    Boris Radke

  • Theeuropean-placeholder
    M. Kiefer – 27.08.2010 - 11:02

    Der Islam möchte die Welt erobern und genau das soll hier geschehen – sie wollen eine Sieger-Moschee auf den Gräbern von Ground Zero bauen.

    Wehret den Anfängen!

  • Theeuropean-placeholder
    Kurt Erb – 27.08.2010 - 16:02

    Es wird vor allem übersehen, dass es keine muslimisches Problem gibt, sondern ein Problem mit den Saudis. Sie haben den Jihad finanziert und die Terroristen gestellt. Sie finanzieren die radikalen Islamschulen überall in der islamischen Welt. Wegen den Saudis und ihrer innerislamischen Mission trägt man überall wieder Kopftücher wie bei der Generation der Urgrosseltern. Auch die Moschee wird mit saudischem Geld finanziert. Die USA haben nach 9/11 ausgerechnet eine militärische Bedrohung Saudi Arabiens aus dem Weg geräumt: Saddam Hussein. Es geht nicht um den Moslem sondern um die Interessen der saudischen Eliten.

    Natürlich muss man auch verstehen, dass 9/11 einen anderen Klang im islamischen Kulturkreis hat, es steht für zwei Niederlagen der Osmanen gegen den Westen (Heilige Allianz), die Schlacht um Wien und die vernichtende Niederlage bei Zenta. Die symbolischen Anschläge auf das World Trade Center haben alles überschattet, was man bisher mit 9/11 in der islamischen Welt als Schmach hinnahm. Nur logisch, dass man seine Riesenmoschee zum Triumph bauen will.

    Die Besonderheit des Streites ist, dass eine Renaissance einer Kreuzritterbewegung in den USA droht, die bislang nur in Osamas Propaganda existierte, nämlich eine offensive Konfrontation des Islam im christfundamentalistisch und sendungsbewussten Amerika.

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