Als die Mauer fiel, hatte ich einen Kloß im Bauch. Paul van Dyk

Wolken wie Engelchen

Eine Irin stürmt die Charts: Cecilia Ahern schreibt, was junge Frauen offenbar sehr gern lesen. Auch ihr neuer Erfolgsroman funktioniert, weil er ein Verschiebebahnhof der Konventionen ist und weil er den Raum der Gründe hinter sich lässt.

In der Welt des Unsinns gibt es wenige Herrscher, und nur wenige herrschen so dauerhaft wie die Tochter eines ehemaligen irischen Ministerpräsidenten, Cecelia Ahern. Die junge Frau ist noch keine 30 Jahre alt, doch ihre Regentschaft währt schon das siebte Jahr. Nichts spricht dafür, dass es ein verflixtes werden könnte. Wie das Debüt von 2004, “P.S. Ich liebe Dich”, hat sich auch die 2010er Novität “Ich schreib dir morgen wieder” in der Top 5 der hiesigen Verkaufsbestenliste festgekrallt. Man erkennt in jeder noch so kleinen Bücherstube die neue Ahern von Weitem. Himmelblau ist der Umschlag, rosa die Autorenzeile, weiß und in stilisierter Handschrift der Titel. So hält man es traditionell.

Die Corporate Identity funktioniert. Sie verheißt jedes Mal aufs Neue einen Großmädchentraum (rosa), eine Portion Romantik, weit wie das Firmament (blau), und eine herzliche, frohgemute, rundherum unschuldige Offenheit (weiß). Offensichtlich wurde diese Verheißung stets erfüllt, Zahlen lügen nicht. Ahern liefert die sprichwörtlich leichte Lektüre für ein junges, weibliches Publikum, auf das herabzusehen mir nicht gelingen will.

Bestseller sind Verschiebebahnhöfe für literarische Motive

Funktionieren kann die reizende Serienproduktion, weil sie Bilder hervorruft, die andere einmal beschrieben haben. Wie die allermeisten Bestseller steht “Ich schreib dir morgen wieder” auf einem Berg, zu dessen Wachstum der Erfolgsschriftsteller oder die Meisterin der Unterhaltung nichts beitragen, nichts beitragen müssen, nichts beitragen können. Bestseller sind Verschiebebahnhöfe für literarische Motive, die sie antippen. Sie zehren von der Arbeit am Wort, die zu ganz anderen Zeiten in ganz anderen Kontexten geleistet worden ist.

Anders ist der charmante Unsinn mancher Sätze nicht zu erklären. Cecelia Ahern schreibt: “Im Schloss war es so still, dass die Wolken, rund und weiß wie Engelchen, mit mindestens hundert Stundenkilometern über den Himmel zu sausen schienen.” Solche Sätze entstehen, wenn Epochen und Topoi, die gerade noch im allgemeinen Bewusstsein herumschwirren, zerteilt, entkernt, verhackstückt werden.

Engel also, diese klassischen Chiffren für das Nichtrationale, werden verkleinert und verniedlicht, werden zu Engelchen, damit sie näherrücken an den Menschen, putziger noch erscheinen. Rund und weiß müssen sie sein, denn das Dicke deutet auf Gemütlichkeit, das Weiße greift die bekannte Ikonografie der Flügel auf – und bekannt hat hier alles zu wirken. Zudem sind die pumperlgsunden Engelchen die erdachte Referenzgröße für tatsächliche Natur, für Wolken, die so einen abermals restlos konventionellen Anschein von Geheimnis erhalten.

Wirklich geheimnisvoll ist nur der “sodass”-Zusammenhang, den die Erzählerin uns auftischt. Ein Schloss, in dem es natürlich still sein muss und also mysteriös, wie es sich spätestens seit Barbara Cartland gehört, hat hier qua Stillsein Einfluss auf die meteorologischen Verhältnisse. Das Schloss befiehlt über die Natur, indem es genau jenes Maß an innerer Stille an diese abgibt, damit dort draußen die Fluggeschwindigkeit der Wolken zuzunehmen scheint. Stille im Schloss macht Wolken schneller: So lautet der bizarre Nexus, den niemand ernst nehmen kann, ernst nehmen soll. Wer die Abwesenheit von Geräuschen wirklich für den Grund einer Wolkenbewegung hielte, landete im Irrsinn.

Da draußen gibt es Vorgänge, die einander bedingen

Pure Evokation ist auch Aherns Technik, der Hauptfigur Tamara innere Vorgänge zuzuschreiben, die durch äußere Behauptungen beglaubigt werden sollen. Tamara “holte ein paar Mal Luft”, “seufzte und blickte auf”, “atmete tief ein”, ihr “sträubten sich die Nackenhaare”, “eine Augenbraue spöttisch hochgezogen”. Jede Wette: Mädchen, sind sie allein, machen all das nicht; junge Männer, alte Frauen übrigens auch nicht. Man liest aber immer wieder, Nackenhaare sträubten sich, Augenbrauen wanderten aus Spottlust nach oben, permanent wird laut eingeatmet. Floskeln sind diese Etiketten, fehlt ihnen jede psychologische Einbettung, jede Arbeit am Gedanken, die hier natürlich programmatisch nicht stattfinden darf.

Natürlich mag “Ich schreib dir morgen wieder” lesen, wer mag. Destruktivere Beschäftigung gibt es zuhauf. Wer seinen Lesehunger aber nur durch Produkte vom Verschiebebahnhof stillt, der sollte bedenken: Da draußen gibt es Vorgänge, die einander bedingen, da sind eben doch die allermeisten Handlungen und Ansichten durch Gründe verbunden. Im Leben ist der Auszug aus dem Raum der Gründe, wie er Triumphe feiert in der Bestsellerproduktion, lebensgefährlich.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    Ralf Köhl – 27.07.2010 - 15:48

    Ich möchte an dieser Stelle eine Lanze brechen und mich für die literarischen Verschiebebahnhöfe bedanken. Ihnen,den Autoren und der Lesewut meiner Lebensgefährtin verdanke ich es von Dokusoaps, Telenovelas,DSDS,Heidi Klum,Kati Katzenmaier, den Ordnungshütern,den Ludolfs,Sonja Zietlow,Big Brother,Solitary,Musikantenstadl,den Richtern Hold und Salesch,Britt,Kallwas uvm verschont zu bleiben.

  • Theeuropean-placeholder
    Leser – 28.07.2010 - 15:20

    wieso kann man hier keine Leserbriefe “liken”? bravo!

  • Theeuropean-placeholder
    – 10.08.2010 - 14:06

    Ich bin da skeptisch. Lesen bildet nicht per se. Es wird auch irrsinnig viel Unsinn gedruckt: Belletristik, die leicht so trivial ist wie die monierten Soaps, und “Sachbücher”, die mit den krudesten Verschwörungstheorien und nachweislich grobem Unfug die Bestsellerlisten stürmen.
    Selbstverständlich sollte man sich nicht auf einige wenige Geistesgrößen beschränken, aber es würde mich wirklich freuen, wenn der gedruckte Schund auch ebenso Schund genannt werden dürfte wie der multimediale.

    Was die sogenannte “Frauenliteratur” angeht, auf die Alexander Kissler hier abzielt: Ich persönlich halte es nichtsdestotrotz für problematisch, mit einzelnen Formulierungen Trivialität nachweisen zu wollen. Gut, den Satz mit den “Engelchenwolken” hab ich mir auch auf der Zunge zergehen lassen (Resultat der Geschmacksprobe: viel zu zucker- und fetthaltig für geistige Nahrung! ;-) ), aber grundsätzlich kann man mit dieser Methode, aus dem Kontext gerissene Formulierungen als Indizien vorzutragen, auch einen Goethe komplett auseinandernehmen. ;-)

  • Theeuropean-placeholder
    Ralf Köhl – 13.08.2010 - 16:21

    @ Iris Kammerer.
    Liebe Frau Kammerer. Leider steckt nicht in jedem Autor eine Geistesgrösse.Woher auch.Die alten Meister waren eben Vorreiter und durch den Mangel an Literatur wurden sie zu dem was sie Heute sind. In unserer Zeit würden sie vieleicht mal nicht einen Verleger Finden. Bestseller werden Heute nicht durch Genie gemacht, sondern mit Fantasie und Auflagen.Dadurch werden bestimmt viele Bücher nicht geschrieben obwohl sie es sicher eine grosse Bereicherung wären.Aber schauen wir uns mal nur in Deutschland die schreibende Elite an. Das was sie so zu Papier bringen spricht doch nur einen ganz kleinen Kreis von Intellektuellen oder Gleichdenkenden an. Wirklich vom Inhalt bewegendes ist nicht dabei, obwohl der jetzige Zustand der Gesellschaft genügend Stoff hergeben würde um anzustossen, zu versuchen was zu ändern. Lesen bildet nicht per se, aber es schadet auch der Bildung nicht.In unserem Regal stehen neben ihren Romanen, auch Biografien von Brandt,JFK bis Stalin, Verschwörungstheorien, Fach und Sachbücher und auch Klassiker usw. .Das was nicht im Regal zu Finden ist sind Kritiker, denn meine Meinung mache ich mir immer noch selbst.

  • Theeuropean-placeholder
    – 17.08.2010 - 14:33

    Lieber Herr Köhl,
    wie käme ich dazu zu glauben, dass in jedem Autor eine Geistesgröße stecke? Mir ging’s nur um die Probleme, die der Umgang mit Texten, wie ihn der von mit sehr geschätzte Herrn Kissler in diesem Artikel praktizierte, mit sich bringt.
    Es gibt in der deutschlsprachigen Veragswelt auch längst nicht nur “E” und “U”, sondern ein breites Spektrum erzählender Literatur, die überaus lesbar und trotzdem intelligent und anspruchsvoll ist – in jedem Genre. Bedauernswert ist lediglich, das die Verlagswelt diesen Mittelbau fast ausschließlich importiert. Aber nachdem die einheimischen Autoren in der Unterhaltung mächtig aufgeholt haben, hoffe ich darauf, dass das Vorurteil, deutsche Autoren seien sprachverliebt, ichbezogen und könnten keine Geschichten erzählen, allmählich aufgegeben wird.

    Meine Meinung bilde ich mir ebenfalls selbst, aber gute Kritiker weiß ich durchaus zu schätzen – wer Kritik grundsätzlich (!) ablehnt, hat das Problem, dass er damit den Wert seiner eigenen Meinungsbildung auch ad absurdum führt.

    Ich habe nichts gegen Unterhaltungsliteratur (schreib ich ja selber), wohl aber gegen das Dogma, “U” sei besser als “E”, weil man damit eben mehr Menschen erreiche. Denn Lesen kann in der Tat der Bildung schaden, wenn z.B. Verschwörungstheorien, die ihre Wurzel im Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus des 19. und frühen 20. Jhs. haben, in Bestsellern und deren Leinwandadaptionen gefeiert werden – natürlich ohne auf die finstere Herkunft der bunten und blutrünstigen Ideen zu verweisen, die der Verfasser, weil ihm die Idee so klasse erschien, schlicht ausgeblendet hat. So etwas ist z.B. sehr schädlich für die Bildung. :-)

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