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Mixa, Marx und die verlorene Hoffnung

Der Fall Mixa wird zur Schlammschlacht. Vermutlich wird sich nie ganz klären lassen, welche Vorwürfe gegen den ehemaligen Augsburger Bischof wahr sind und welche von interessierten Kreisen erfunden wurden. Der Fall ist aber auch ein Lehrstück vom Ruin einer urchristlichen Tugend: der Gnade.

Lange ist es her, dass das Christentum in die Welt trat. Es begann als eine innerjüdische Bewegung ganz sonderbarer Menschen. Nicht die Reichsten, Schönsten, Klügsten hatten sich da versammelt, sondern jene, die von einer ganz unglaublichen Hoffnung beseelt waren: Ein Mensch aus ihrer Mitte sei gestorben und auferstanden, ein Mensch, der Mensch war und Gott zugleich und der ihnen Anteil versprach an seiner ewigen Seligkeit. Diese Hoffnung machte die ersten Christen ganz unverschämt froh. Sie stritten wie andere Menschen auch, sie sündigten und logen. Die Betriebstemperatur ihres Umgangs aber hatte sich radikal geändert. Sie wussten, Sünde und Lüge müssen Ausnahmen bleiben. Sie wussten, dass sie auf Umkehr angewiesen waren und dass sie tatsächlich jeden Tag neu anfangen, neu umkehren durften. Täglich wandten sie sich zerknirscht an den, der ihnen vorausgegangen war und der ihnen das ewige Glück fest versprochen hatte. Aus Gnade.

Christus ist die Quelle der Gnade

Noch heute bildet die Gnade den Kern aller christlichen Hoffnung. Die Gnade ist der zentrale christliche Beitrag zur Kultur des Abendlandes. Christus wird Thron der Gnade genannt, Quelle der Gnade und Weisheit, seine Mutter die Gnadenvolle, Maria gratia plena. Der christliche Gott gilt als gerechter und gnädiger und genau deshalb barmherziger Gott. Bei ihm zählt das rechte Wollen, nicht nur das rechte Tun, bei ihm darf die Kirche der Sünder sich als Ort der Gnade fühlen. Denn unverdient sei das Geschenk der dauernden Güte, das Christus versprochen hat und das er nicht bedingungslos, aber überreich gewähren will. “Alle Fähigkeiten des menschlichen Seins”, sagte in der zurückliegenden Woche Papst Benedikt XVI., “werden durch die göttliche Gnade gereinigt, verwandelt und erhoben.”

Deshalb spürten alle, die damals von der Gnade Christi froh und gerecht gemacht wurden: Wir müssen miteinander gnädig umgehen. Wir müssen manchmal Gnade vor Recht ergehen lassen, müssen die Sünde hassen, den Sünder aber lieben. Wir müssen verzeihende Menschen werden, eben weil wir so fest und froh hoffen, dass am Ende der Tage auch uns verziehen werden wird. Heute ist bekanntlich vom Ende der Tage kaum die Rede, deuten Christen selbst den Anfang des Christentums als fromme Legende, ist zuweilen nicht das Verzeihen, sondern die Gnadenlosigkeit ein christliches Wesensmerkmal. Darauf deuten, neben anderem, die schrillen Volten im sogenannten “Fall Mixa”.

Vermutlich niemals wird sich das stachelige Knäuel entwirren lassen. Was der ehemalige Augsburger Bischof wann zu wem gesagt, was er mit wem getan hat, werden wir wohl nie erfahren. Gewiss ist einstweilen nur: Walter Mixa ist, theologisch gesehen, ein Sünder wie wir alle. Seinen Platz hat er neben all den anderen Sündern, die an Christus glauben, auf seine Gnade bauen und gerade so seine Kirche bilden. Die Nagelprobe auf die Christlichkeit der Kirche lautet nun nicht: Wer ist ein kleinerer Sünder als Walter Mixa und darf deshalb das Wort erheben? Die Nagelprobe kann nur lauten: Wie kann dem, der fällt, geholfen werden? Was ist zu tun, damit der Sünder nicht am Fall zerbricht und die anderen nicht an ihrer Gnadenlosigkeit zugrunde gehen? Denn der Sünder von heute und die Sündigenden von morgen bleiben durch das Band der Gnade verbunden.

Gnadenloser Marx

In diesem Sinne ist es unchristlich, wenn Christen, Bischöfe zumal, sich öffentlich in Gnadenlosigkeit überbieten – wie es unter Journalisten leider lange schon Brauch ist. Weder sollte der stolpernde, halb fallende und halb gestoßene Mixa öffentlich nach tatsächlichen oder vermeintlichen Brudermördern fahnden, noch sollte ein Münchner Erzbischof zynisch verkünden lassen: Der Mensch, der Christ, der Bischof Mixa sei in einer psychiatrischen Klinik bestens aufgehoben; man wünsche ihm gute Besserung, das sei ein “erster wichtiger Schritt”. Wer so redet oder reden lässt, der gibt zu verstehen, dass er alle Hoffnung schon hat fahren lassen – die Hoffnung auf einen gnädigen Gott, auf ein gnädiges Ende des eigenen Lebens wie der ganzen Welt, die Hoffnung auch auf Christus als den Barmherzigen. Bischof Reinhard Marx wird künftig kaum beanspruchen können, dass man ihm ganz glaubt, wenn er von der begnadeten Maria oder der göttlichen Gnade predigt. Er hat sich vorerst selbst in einen Gnadenlosen verwandelt.

Darin liegt das Traurige dieses Falles, der ein Fallen ist nach allen Seiten hin: Christen, selbst in leitender Stellung, geben zu verstehen, dass der innere Kern des Christentums ihnen praktisch unbekannt ist. Dass sie den Hoffnungskern nicht mehr in sich spüren, der vor zweitausend Jahren in die Welt kam. Dass sie nichts wissen von der Gottferne alles Gnadenlosen.

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