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Kisslers Kultur-Kolumne Ökumene für Dummies

Was soll der Geiz?

Die Ökumene komme nicht voran, heißt es. Längst nicht nur theologische Streitpunkte sind aber für diesen Eindruck verantwortlich. Ökumene ist oft leider ein anderes Wort für Ahnungslosigkeit und Selbstaufgabe.

 
 

Ökumene für Dummies

Datum: 2010-06-01

Wer kaum neue Rezepte kennt, aber gern Späße macht am Herd, der kann als Fernsehkoch reüssieren. Wer sich nicht wirklich auskennt, aber zu allem eine Meinung hat, der schafft es zum Interviewexperten für dies und das. Und wer das Abendmahl nicht von der Eucharistie unterscheiden kann, Luther für einen sanften Frauenversteher, Erasmus für eine Konservenbüchse und den Papst für einen Vorstandsvorsitzenden hält, der ist bestens geeignet zum Ökumeniker. Ökumene ist nämlich oft der Tarnbegriff für Ahnungslosigkeit. Ökumenisch reden gern leider jene Protestanten, die von der Reformation vor allem wissen, dass sie lange her ist, und Katholiken, die für kein Geld dieser Welt einen katholischen Katechismus kaufen würden. Ökumene wird so zur Freizeitübung für graue Zellen. Sie erlaubt es, ein Wissen überlegen beiseitezulegen, das man nie hatte.

Vorauseilende Selbstaufgabe

Natürlich gibt es auch gedankenvolle, tiefsinnige Erörterungen zum durchaus anspruchsvollen Einheitsgedanken, natürlich ist und bleibt die Ökumene eine Schicksalsfrage der Christenheit. Nur gibt es eben zu wenig Ökumeniker, die sich in ihrer eigenen Konfession derart verwurzelt, derart intellektuell wie emotional beheimatet fühlen, dass sie für das Gegenüber ein ernsthafter, ein neugieriger, ein attraktiver Gesprächspartner wären. Stattdessen betreibt man vorauseilende Selbstaufgabe. Sonst müsste man ja Auskunft geben über einen Glauben, den man kaum noch hat. Sonst müsste man sich einlesen in eine Materie, die einen überfordert.

Ein älterer Mann mit Namen Michael Broch gab jüngst in einer Zeitung zu Protokoll, er sei Ökumeniker. Daraus beziehe er Trost. Jedoch – und dieses Jedoch ist die Grundbedingung der ökumenischen Dampfplauderei – “gehe” ihm die Ökumene “viel zu langsam, die Kirche ist da viel zu verbeamtet”. Michael Broch selbst braucht sich dank der Kirchensteuer um sein Auskommen nicht zu sorgen. Er wurde frisch berufen zum sogenannten geistlichen Leiter einer Journalistenschule in sogenannter katholischer Trägerschaft, des Münchner Instituts zur Förderung publizistischen Nachwuchses. Michael Broch ist hierfür sozusagen qualifiziert, weil er nicht nur Ökumeniker ist, sondern auch Priester jener römisch-katholischen Kirche, in der es ihm zu langsam vorangeht. Er drischt die Hand, die ihn füttert.

Der Zorn der alten Männer

Verständlicherweise aber, mag man ausrufen, geht es in jene Richtung, die dem Ökumeniker vorschwebt, nur langsam voran. Es scheint der brochsche Weg ein Weg zu sein, der die eigene Kirche auflöst zugunsten einer nationalprotestantischen Landeskirche. Broch, den die katholische Beamtenkirche auch das “Wort zum Sonntag” sprechen lässt, mag im Fernsehen “nicht missionieren”, zumindest nicht für die christliche Botschaft, eher schon für seine eigene Agenda: Weg mit einem “System Kirche”, das von “ein paar zölibatären Männern beherrscht” werde – Rechen- und Differenzierungskünste sucht man da vergebens. Her mit “anderen Lebensmodellen” als dem Zölibat, den zu halten er 1971 selbst versprach. Weg mit der “Bunkermentalität”, der Benedikt XVI. entstamme, am besten ganz weg mit diesem Papst, der “die Kirche an die Wand” fahre, weg mit den Kirchenvätern, die für Joseph Ratzinger schon immer “das große Thema” gewesen seien, weg mit dem Priesterkragen, den er, Broch, sich aus dem “Staatstheater im Kostümfundus” holen müsste. Broch trägt krawattenlose Hemden.

Das ist, wie er selbst eingesteht, der “Zorn der alten Männer” und insofern ein klassisches Genre. Es ist von der Freiheit zu fabulieren vollauf gedeckt. Jedoch wirft die plumpe Suada ein trübes Licht auf die Ökumene: Sie besteht hier darin, den eigenen Laden, die eigene Glaubensanschauung und auch den eigenen Arbeitgeber verächtlich zu machen. Kann man aber mit jemandem ernsthaft theologisch streiten, der die Konfession und die Institution, der er angehört, letztlich für verrottet hält? Setzt man sich gern an den Diskurstisch, wenn das Gegenüber, noch ehe das Spiel begonnen hat, die Jetons rüberschiebt, das Blatt aus der Hand gibt und strahlend ausruft: Was soll der Geiz? Ich kapituliere! Deshalb nämlich stockt das ökumenische Gespräch: Rosstäuscher mögen es, Denker winken ab und Gläubige beten lieber, als den Watschenmann abzugeben.

 

von Alexander Kissler – 01.06.2010

 

Leserbriefe

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    von Esther – 01.06.2010 - 13:00

    Bravo! Endlich mal ein katholischer Journalist mit einem – Verzeihung – Arsch in der Hose! Danke.

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    von von Peter – 01.06.2010 - 14:48

    Das ist nicht nur das Problem der Ökumene sondern auch des interreligiösen Dialogs. Die islamischen Gelehrten brauchen nur zu warten, bis die Christen jedweder Konfession jede Überzeugung aufgeben – und dabei braucht er weder Hand noch Mund zu bewegen, sie besorgen es selbst. Dass man dann aber nicht mehr ernst genommen wird, scheint unseren Leuten nicht bewusst zu werden.

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    von lebowski – 01.06.2010 - 15:02

    Der Arbeitsmarkt für Berufsökumemiker ist klein aber edel. Arbeitet man in diesem Berufsfeld, muss man keine Erfolge vorweisen. Ja, der ökumenische Mißerfolg ist geradezu Bedingung für die Arbeitsplatzsicherung: Es geht halt alles so langsam.
    Man würde ja gerne, aber diese verhärteten Strukturen. Schlimm, schlimm!

    Und der Rest der Welt hat andere Probleme, als die Frage zu beantworten, ob Protestanten und Katholiken an der gleichen Oblate lutschen dürfen.

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    von Florian – 01.06.2010 - 16:30

    Ups, da ging was schief, habe aus Versehen auf den Daumen-runter-Button geklickt.

    Möchte aber betonen, dass ich ihrer Meinung, Herr Kissler, voll und ganz zustimme. Wer christliche Glaubenswahrheiten Mehrheitsentscheidungen unterstellen will, der hat einiges nicht verstanden.

    Danke für Ihre klare und eindeutige Meinung. Sie haben in wenigen Absätzen mehr gesagt, als manch “mündiger Christ” in sieben Romanen schwätzen würde. Eindeutig Daumen hoch!

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    von Thorsten Blau – 01.06.2010 - 17:25

    Gehorsam, Schnauze halten, weiter so…

    Dank an Alexander Kissler, für so viel Offenheit. Wer so wenig bereit zur Bewegung ist, nein: sie von vornherein ausschließt, für den ist die tiefgründige Diskussion auch schon Ökumene genug, sagt “Schön, dass wir mal darüber gesprochen haben” und weiß, dass er allein im Recht ist. Nein: Im Recht bleibt. Ewig.
    Klar.

    Deshalb hilft es hier wohl nicht viel darauf hinzuweisen, dass der Herr Broch sein Auskommen als Priester nicht der Kirchensteuer, sondern – Dank deren Absetzbarkeit als Sonderausgabe – allen Steuerzahlern verdankt.

    Der Artikel, der “in einer Zeitung” erschien findet sich übrigens hier: http://tinyurl.com/36zoh5f

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    von Dominik – 01.06.2010 - 18:30

    Klasse auf den Punkt gebracht!

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    von Roland Juchem – 01.06.2010 - 21:10

    Sorry, Kollege Kissler, aber dieser Beitrag ist genauso dumpf, wie das nicht gerade gelungene Interview von Herrn Broch. Die Mischung aus beleidigter Schnute und ein paar Schlägen unter die Gürtellinie hat etwas vom Kleinkrieg im Sandkasten um Schippchen und Eimerchen, natürlich verbal etwas aufgebrezelt. Das bringt niemanden weiter – auch die Sache nicht. Und das anschließende Schultergeklopfe – dem hast du’s aber gegeben! – ist genauso öde.

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    von Svenja Doyen – 03.06.2010 - 13:11

    Lieber Herr Juchem,
    etwas salopp geschrieben aber genau so empfinde ich die Debatte auch. Jeder will in seinem Standpunkt Recht bekommen und sich dafür auf die Schultern klopfen lassen.
    Aber Ökumene kann so nicht gefunden noch gelebt werden!
    Geimeinschaft der Christen, dazu braucht es eine gegenseitige Einladung zur tätigen Teilnahme!
    Dazu gehört in erster Linie die Freude an der Gemeinschaft mit Jesus Christus, Respekt und Toleranz für den jeweiligen Weg, dieser Ausdruck zu verleihen. Jesus selber hat Judas nicht vom Mahl ausgeschlossen, auch ihm galt seine Liebe. Mit welchem Recht richten die Kirchen?
    Die Ökumene wird nicht von den Gläubigen verhindert, da wird sie in gemischt konfessionellen Ehen bereits vielfach gelebt und als Bereicherung empfunden, verhindert wird sie von den Hirten der Kirchen, also ist hier sehr wohl ein Nachdenken über Sinn und Unsinn zu enger Auslegung nötig. Tut dies zu meinem Gedächtnis sprach Jesus, er hat nicht festgelegt was wir dabei zu empfinden haben noch wo wir ihm gedenken sollen, aber wir müssen es aus tiefstem Herzen wollen, dass ist die Chance für Gemeinschaft, für Liebe und auch für die Ökumene.

    Svenja Doyen

    Ökumene heißt für mich annehmen, nicht verhandeln. Lieben, nicht Bedingungen stellen.

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    von Sabine – 02.06.2010 - 01:03

    Respekt für diese klare Einsicht – und den Mut, sie öffentlich vorzutragen. Denn mit Einladungen an "katholsiche " Akademien und Beiträgen in “katholischen” Zeitungen dürfte es für jene wie Kissler, die nicht den Papst beschimpfen, sondern sein hiesiges Personal kritisch beleuchten, wohl schwer werden.
    Wann sieht die Kirche in Deutschland, dass sie längst in den Händen alternder, linker Katholen-68er ist? Die Arroganz, mit der hier – ganz im Stile früherer “demokratischer” Praktriken in den ASten – Schlüsselpositionen besetzt werden, um dann der Kirche ihr Innerstes (Liturgie, Lehre, Geschichte) flink auf Links zu drehen, ist beschämend. Cool nur, daß die Verwpstungen im wesentlichen auf Deutschkand und Nachbarländer wie CH und NL beschränkt bleiben – danke sei der weltkichlichen Konstruktion ;-)

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    von Alexander Demling – 02.06.2010 - 10:20

    Ach, darf man den “die Hand, die einen füttert” jetzt nicht mehr dreschen. Ist nicht einmal mehr berechtigte Kritik am eigenen Arbeitgeber erlaubt? Na dann, freu ich mich ja auf mein Berufsleben.

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    von Klaus P. Sattler – 02.06.2010 - 12:50

    Die bewohnte Erde als christliches Missionsfeld
    verlangt nun einmal einen gänzlich anderen Umgang
    im Bereich der “Magnetfelder”.
    Das Enger-Zusammenrücken unterschiedlicher
    Glaubensrichtungen beinhaltet auch – und besonders -
    die “Spannungsveränderung” hinsichtlich des Umgangs mit dem Vorurteil der Osmanen.
    Dieses bei Jenen in einer ganz anderen Kritik
    nicht nur zu beleuchten, sondern argumentativ
    wirksamer anzugehen.

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    von Lutz Jahnke – 07.06.2010 - 10:34

    Diesen Artikel bitte an jede Kirchentür nageln, – denn genau so ist es!

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    von Jan Thomas Otte – 07.06.2010 - 12:51

    Gut gemacht! Wenn schon an die Kirchentür (als Protestant) nageln, gibt es noch eine Ökumene für Dummies: http://oekt.journalisten-akademie.com/?p=1650.

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