Zu all unseren Rechten gehören auch gewisse Pflichten. Alec Ross

Was soll der Geiz?

Die Ökumene komme nicht voran, heißt es. Längst nicht nur theologische Streitpunkte sind aber für diesen Eindruck verantwortlich. Ökumene ist oft leider ein anderes Wort für Ahnungslosigkeit und Selbstaufgabe.

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Wer kaum neue Rezepte kennt, aber gern Späße macht am Herd, der kann als Fernsehkoch reüssieren. Wer sich nicht wirklich auskennt, aber zu allem eine Meinung hat, der schafft es zum Interviewexperten für dies und das. Und wer das Abendmahl nicht von der Eucharistie unterscheiden kann, Luther für einen sanften Frauenversteher, Erasmus für eine Konservenbüchse und den Papst für einen Vorstandsvorsitzenden hält, der ist bestens geeignet zum Ökumeniker. Ökumene ist nämlich oft der Tarnbegriff für Ahnungslosigkeit. Ökumenisch reden gern leider jene Protestanten, die von der Reformation vor allem wissen, dass sie lange her ist, und Katholiken, die für kein Geld dieser Welt einen katholischen Katechismus kaufen würden. Ökumene wird so zur Freizeitübung für graue Zellen. Sie erlaubt es, ein Wissen überlegen beiseitezulegen, das man nie hatte.

Vorauseilende Selbstaufgabe

Natürlich gibt es auch gedankenvolle, tiefsinnige Erörterungen zum durchaus anspruchsvollen Einheitsgedanken, natürlich ist und bleibt die Ökumene eine Schicksalsfrage der Christenheit. Nur gibt es eben zu wenig Ökumeniker, die sich in ihrer eigenen Konfession derart verwurzelt, derart intellektuell wie emotional beheimatet fühlen, dass sie für das Gegenüber ein ernsthafter, ein neugieriger, ein attraktiver Gesprächspartner wären. Stattdessen betreibt man vorauseilende Selbstaufgabe. Sonst müsste man ja Auskunft geben über einen Glauben, den man kaum noch hat. Sonst müsste man sich einlesen in eine Materie, die einen überfordert.

Ein älterer Mann mit Namen Michael Broch gab jüngst in einer Zeitung zu Protokoll, er sei Ökumeniker. Daraus beziehe er Trost. Jedoch – und dieses Jedoch ist die Grundbedingung der ökumenischen Dampfplauderei – “gehe” ihm die Ökumene “viel zu langsam, die Kirche ist da viel zu verbeamtet”. Michael Broch selbst braucht sich dank der Kirchensteuer um sein Auskommen nicht zu sorgen. Er wurde frisch berufen zum sogenannten geistlichen Leiter einer Journalistenschule in sogenannter katholischer Trägerschaft, des Münchner Instituts zur Förderung publizistischen Nachwuchses. Michael Broch ist hierfür sozusagen qualifiziert, weil er nicht nur Ökumeniker ist, sondern auch Priester jener römisch-katholischen Kirche, in der es ihm zu langsam vorangeht. Er drischt die Hand, die ihn füttert.

Der Zorn der alten Männer

Verständlicherweise aber, mag man ausrufen, geht es in jene Richtung, die dem Ökumeniker vorschwebt, nur langsam voran. Es scheint der brochsche Weg ein Weg zu sein, der die eigene Kirche auflöst zugunsten einer nationalprotestantischen Landeskirche. Broch, den die katholische Beamtenkirche auch das “Wort zum Sonntag” sprechen lässt, mag im Fernsehen “nicht missionieren”, zumindest nicht für die christliche Botschaft, eher schon für seine eigene Agenda: Weg mit einem “System Kirche”, das von “ein paar zölibatären Männern beherrscht” werde – Rechen- und Differenzierungskünste sucht man da vergebens. Her mit “anderen Lebensmodellen” als dem Zölibat, den zu halten er 1971 selbst versprach. Weg mit der “Bunkermentalität”, der Benedikt XVI. entstamme, am besten ganz weg mit diesem Papst, der “die Kirche an die Wand” fahre, weg mit den Kirchenvätern, die für Joseph Ratzinger schon immer “das große Thema” gewesen seien, weg mit dem Priesterkragen, den er, Broch, sich aus dem “Staatstheater im Kostümfundus” holen müsste. Broch trägt krawattenlose Hemden.

Das ist, wie er selbst eingesteht, der “Zorn der alten Männer” und insofern ein klassisches Genre. Es ist von der Freiheit zu fabulieren vollauf gedeckt. Jedoch wirft die plumpe Suada ein trübes Licht auf die Ökumene: Sie besteht hier darin, den eigenen Laden, die eigene Glaubensanschauung und auch den eigenen Arbeitgeber verächtlich zu machen. Kann man aber mit jemandem ernsthaft theologisch streiten, der die Konfession und die Institution, der er angehört, letztlich für verrottet hält? Setzt man sich gern an den Diskurstisch, wenn das Gegenüber, noch ehe das Spiel begonnen hat, die Jetons rüberschiebt, das Blatt aus der Hand gibt und strahlend ausruft: Was soll der Geiz? Ich kapituliere! Deshalb nämlich stockt das ökumenische Gespräch: Rosstäuscher mögen es, Denker winken ab und Gläubige beten lieber, als den Watschenmann abzugeben.

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