Man kann die Menschen manchmal betrügen, aber nicht immer. Bob Marley

Ende eines Zwischenspiels

Der Rücktritt der Ratsvorsitzenden war unumgänglich. Glaubensgemeinschaften ohne Glaubwürdigkeit gehen zugrunde. Die evangelische Kirche hat nun die Chance auf einen geistlichen Neuanfang.

Wenn Personen der Öffentlichkeit von ihren Ämtern zurücktreten, lautet die Frage: War das nötig? Sind sie zu früh, zu spät oder umsonst zurückgetreten? Am Ende gar als Bauernopfer, um höheren Rängen den Rücken frei zu halten? Bei Margot Käßmanns Rücktritt stellt sich diese Frage nicht. Sie hatte keine andere Wahl. Eine Ratsvorsitzende jener evangelischen Kirche, die gerade für “7 Wochen Ohne” wirbt, für automobile wie alkoholische Enthaltsamkeit in der vorösterlichen Passionszeit, ist unglaubwürdig, wenn sie zur selben Zeit betrunken Auto fährt. Sie gefährdete sowohl das eigene wie das Leben anderer Verkehrsteilnehmer, und sie scherte sich keinen Deut um das christliche Fastengebot.

Wasser predigen, Wein trinken

Politikern wird ein solches heuchlerisches Verhalten derart oft unterstellt, dass es nur selten für einen Rücktritt taugt. Glaubwürdigkeit ist dennoch das wichtigste Gut der Politik. Es ist aber das einzige Gut, mit dem Glaubensgemeinschaften prunken können. Die Welt, mag sie noch so säkular sein, erwartet sich von den Gläubigen und erst recht von deren Spitzenpersonal den gelebten Vorschein eines anderen Lebens – eines Lebens, das um die Vorläufigkeit alles Irdischen weiß und daraus seinen Mut, seine Kraft, seine Hoffnung bezieht. Christen sollten zumindest aufrichtig versuchen, der Botschaft Jesu und dem moralischen Kompass des Neuen Testaments treu zu bleiben. Wer grob versagt, wer sündigt, verliert deshalb nicht den christlichen Prägestempel. Wohl aber ist er oder sie für ein Leitungsamt ungeeignet. “Nüchtern, besonnen, ehrbar”, heißt es im ersten Brief des Apostels Paulus an Timotheus, habe ein Bischof zu sein, “kein Trinker, kein Raufbold, sondern gütig”.

Das traurige Ende des käßmannschen Intermezzos ist indes keine Tragödie. Nicht als Theologin, sondern als linkspolitischer Kopf mit Mut zur Innerlichkeit hatte sie Erfolg. Noch in ihrer knappen Rücktrittserklärung präsentierte sie sich – ohne auf die näheren Umstände des Rauschs und der rätselhaften Fahrt einzugehen – als politisch denkende Frau mit Herz und Seele. Die “Grüße und Blumen” hätten “meiner Seele sehr gut getan”. Nun aber müsse sie, mit einem alttestamentlichen Bibelwort gesprochen, tun, “was dir dein Herz rät, und mein Herz sagt mir ganz klar: Ich kann nicht mit der notwendigen Autorität im Amt bleiben.”

Politische Rhetorik

Sie sprach vom “schweren Fehler”, nicht von Sünde oder Schuld, bemühte sich also, dem Rücktritt einen politischen Anstrich zu geben. Nicht, wie es bei christlicher Reuebekundung üblich ist, Verzeihung oder Vergebung erhoffte sie von Gott. Stattdessen tat es ihr leid, dass sie jetzt “viele enttäusche, die mich gebeten haben, im Amt zu bleiben, ja die mich vertrauensvoll in diese Ämter gewählt haben”.

Wir wissen nicht, was im stillen Kämmerlein geschah. Öffentlich dominierte – trotz der Schlussformel, man könne “nie tiefer fallen als in Gottes Hand” – wieder die politische Rhetorik, die säkulare Redeweise. Das Intermezzo endete ebenso subjektiv und politisch, wie es während der vier Monate wahrgenommen worden war. Die evangelische Kirche hat nun die echte Chance auf einen geistlichen Neuanfang.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    Jürgen Olf – 01.03.2010 - 12:05

    Die Wertung von Alexander Kissler kann ich ganz und gar nicht nachvollziehen.
    Für mich war der Rücktritt von Frau Käßmann eine politische Angelegenheit, schlimmer, ein Zugeständnis an die Political Correctness, also an diese anonyme Normsetzung, die sich immer mehr vor die echten Normen schiebt, die in Kirchenkreisen immer noch durch die 10 Gebote gesetzt werden. Mir ist unerfind-lich, wie eine Gesellschaft, die es, zumindest mit den Sprachrohren der Medien toll fand, daß eine Geschie-dene die Gebrochenheiten ihres Lebens in ein so hohes Amt mitnehmen darf, jetzt wegen einer Alkohol-sache gehen muß. Schlimmer kann man die Prioritäten der Werte nicht mehr durcheinander bringen. Wenn man
    mit der Scheidung aus menschlichen Gründen gut leben kann, warum kann man es mit dieser Angelegenheit
    nicht? Frau Käßmann war wirklich nicht meine Traumvorstellung ihrer Position, aber diesen Abgang kann ich nicht nachvollziehen. Jürgen Olf, katholischer Pfarrer

  • Theeuropean-placeholder
    Alexander Kissler – 01.03.2010 - 15:49

    Werter Herr Olf,
    vielen Dank für den Leserbrief. Gerade aus einer biblischen, am Dekalog orientierten Sichtweise hat Frau Käßmann sich durch ihre Fahrt im Rausch disqualifiziert. Bereits zuvor jedoch, da stimme ich Ihrer Prioritätensetzung zu, war das Amt und dessen Signalwirkung mit der Ehescheidung nicht vereinbar.
    Herzliche Grüße, Alexander Kissler.

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