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Ausgepanscht

Ein Trend kehrt sich um. Der exzessive Gebrauch pseudoenglischer Werbefloskeln ist vorbei: Warum unsere Sprache von Zeit zu Zeit überholt werden muss, ehe sie überholt ist.

Ein Kuss war des Doofen zu viel: Das im üblichen Angeberenglisch gehaltene Motto, mit dem die Deutsche Bahn AG für einen kostenlosen Fahrradstand warb, trieb erst einen niederbayerischen Staatsbürger, dann dessen Bundestagsabgeordneten und nun auch ein wenig den obersten Bahnchef auf die Palme. “Kiss and ride” war ein Straubinger Zweiradangebot betitelt. Man möge, dachten sich die bahneigenen Werbepraktikanten vermutlich, vor dem Bahnhof glücklich einander einen Abschiedskuss ins Gesicht schmatzen – und schon besteige das eine Turteltäubchen subito das gratis vor dem Bahnhofsgebäude parkierte Fahrrad und mache sich von hinnen. Nimmt der Lippenpartner dann seinerseits den Bus? Geht er per pedes? Oder ergreifen beide ihr jeweiliges “Bike” und “riden” Seit an Seit dem Straubinger Abendrot entgegen?

Der Sprachpflege haftet immer etwas Putziges an

Wir wissen es nicht, wir ahnen es kaum. Wohl aber hat der wackere Staatsbürger Aschenbrenner den kühnen Parlamentarier Hinsken zu einem Brief an den Vorstandsvorsitzenden Grube bewogen. Und dieser schrieb, was seinem Vorgänger Mehdorn nicht in tausend Jahren aus der Feder geflossen wäre – wir erinnern uns: Mehdorn erhielt 2007 sehr zurecht den Titel “Sprachpanscher des Jahres” verliehen ob solcher Schwindelbegriffe wie “Service Point” und “McClean”, vulgo Bedürfnisanstalt. Vorvorgänger Ludewig errang denselben Peinlichkeitspreis des “Vereins Deutsche Sprache” anno 1999 für den “db-Counter”.

Grube aber schrieb nun retour nach Straubing, was nottut: Er empfehle “inzwischen ausdrücklich den Verzicht auf Anglizismen”. Der Handzettel werde alsbald den Flyer wieder ablösen, der Schalter den Counter, das “Mietrad-Angebot” den heiseren Ruf “Call a bike”.

Der Sprachpflege haftet immer etwas Putziges an. Man denkt sogleich an humorlose Teutonen, die grimmig über ein Reinheitsgebot wachen, das schon im 20. Jahrhundert anachronistisch und davor eine ziemlich chauvinistische Angelegenheit war. Dass das Pendel nun aber in die Gegenrichtung ausschlägt, dass auf die hohle Phrase die klare Ansage folgt, ist ganz unvermischt Grund zur Freude. Die albernen Neuschöpfungen sollten eine Weltläufigkeit vorgaukeln, die den Provinzialismus, dem sie entstammen, nie zu bedecken vermochten.

Verständnis ist oft nicht gewünscht

In sonst keinem Land der Welt nämlich und nirgends im angelsächsischen Sprachraum gibt es den “Kaffee to go” oder die “Hotline”, verstanden als schlichte Nummer für den Kundendienst. Nur in Deutschland verfiel die nationale Luftfahrtgesellschaft auf die Idee, “There’s no better way to fly” zu postulieren, und verkündete ein Schmink- und Duft- und Bücherriese “Come in and find out”. Verständnis war hier allemal Glückssache und gar nicht gewünscht. Dem offenbar für ebenso provinziell eingeschätzten Konsumenten sollte nur auf denkbar billige Weise die Luft der großen weiten Welt eingeblasen werden.

Dass der hochstaplerische Trend momentan ausläuft, zeigt zweierlei: In Krisenzeiten können es sich Unternehmer noch seltener als ohnehin leisten, von ihren Kunden nicht oder nur vag verstanden zu werden. Das Abspeisen mit Wortresten rechnet sich nicht. Und zweitens kann es einer Gesellschaft nie schaden, wenn die Begriffe, die sie sich gibt, einschließende und nicht ausgrenzende Wirkung haben.

Fremdwörter mögen, wie Adorno hoffte, “ausländischen, womöglich exotischen Mädchen” gleichen und die Ahnung vermitteln einer “besseren Ordnung”. Nötig aber – das wusste der Frankfurter auch – ist der richtige und verantwortliche Gebrauch. Wörter, die überall fremdeln, weil sie nirgends zu Hause sind, die ihr geborgtes Dasein einzig der Bildungsunlust und der Geistverweigerung einiger Gewinnmaximierer verdanken, sind Wunden im Sprachleib. Sie schmerzen, bis sie verschwunden sind.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    – 22.02.2010 - 00:37

    Lieber Alex,

    Sprache ist ein lebendiger Organismus. Nicht umsonst haben wir Einflüsse französischer, italienischer und englischer Sprache im Deutschen. Ein Institut für die Reinhaltung der deutschen Sprache, wie es in Analogie zu unseren französischen Nachbarn immer wieder gefordert wird, halte ich für nicht zielführend. Wenn 75 Prozent der Musik, die tagsüber auf den Radiokanälen gesndet wird, in deutscher Sprache sein muss, verengten wir den Blick der Zuhörer auf die Welt in ungebührlicher Weise.

    Sprachtotalitarismus würde ich das nennen. Es ist die Frage was wem schmerzlichere Wunden zufügt.

    Sei herzlich gegrüßt,

    Alex

  • Avatar
    Christoph Blumberg – 22.02.2010 - 14:32

    Hier auch noch ein paar andere “hilarious” / herrliche ;-) Beispiele. http://www.wirtschaftsblatt.at/home/2299/index.do

    @ Görli: Wir Deutsche sind doch fast das einzige Volk, dass sich einen abbricht, wenn es beim Italiener einen “Schianti” oder “Brüschedda” bestellt. Geht es denen, die es tun darum gebildet daher zu kommen oder ist es so anerzogen worden. Ich glaube kaum, dass die Franzosen, Engländer, Amis, etc. in einem deutschen Restaurant in ihrem Land “Schweinshaxe” bestellen ;-)

    Bis gleich!

  • Theeuropean-placeholder
    – 22.02.2010 - 15:27

    Hallo Herr Kissler, hallo Herr Görlach,

    Sprache ist ein lebendiger Organismus? In Zeiten, in denen per Staatsstreich durch eine irreführende Manipulation der deutschen Rechtschreibung eine katastrophale Wirkung auf die Sprache herbeigeführt wird? Leider also längst nicht mehr.
    Es gibt zum Thema “Denglisch” offizielle Studien und die deutsche Werbewirtschaft tritt großteils und zu Recht den Rückzug aus der Idiotie an.

    Verheerend nämlich fiel das Ergebnis einer repräsentativen Studie der Kölner Endmark AG aus: So übersetzten viele Teilnehmer den Slogan “Come in and find out” (Douglas) mit “Komm rein und finde wieder heraus” und “Drive alive” (Mitsubishi) mit “Fahre lebend” – das hatten die Unternehmen nun wirklich nicht gemeint.
    Die Studie zeigt weiterhin, daß weniger als die Hälfte der Deutschen englische Werbesprüche richtig übersetzen können. Wenn sie schon nicht nicht korrekt verstanden wird, sollte englischsprachige Werbung wenigstens Aufmerksamkeit erregen. Doch die emotionale Bindung gelingt offenbar kaum.

    Die Wunde in den Marketingbudgets der Unternehmen dreht den Trend und heilt bereits durch den Gebrauch gut verständlicher deutscher Sprache:

    McDonald’s: Auf “Every time a good time” ließen die Klopsbrater “Ich liebe es” folgen. C & A wirbt statt mit “Fashion for Living” jetzt mit dem Motto “Preise gut, alles gut”. Und Sat.1 wirbt für sein Programm nicht mehr mit “Powered by emotion”, sondern mit “Sat.1 zeigt’s allen”.

    Ein Vergleich mit der Musik ist völlig unangebracht. Die Musik macht den Ton und bringt die emotionale Ansprache, egal in welcher Sprache. Niemand interessiert sich für den kompletten Inhalt eines Liedes.

    Gratulation! Und Ihnen, Herr Kissler, vielen Dank für Ihre klaren Worte!

    Mike Weiler

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