Kein Geld der Welt kann mich dazu bringen, ein Buch in die Hand zu nehmen, dessen Fans es solchermaßen loben: “Pervers, kitschig, blutrünstig” sei der Roman, die Heldin eine “sechzehnjährige frühreife, drogensüchtige, sexbesessene Selbstmörderin im Vorbereitungsstadium”, die Sprache “suggestiv wie Sowjetpropaganda”, die Handlung die “Schussfahrt einer ganzen (…) Lost Generation ins tiefe Tal des Gewaltsex, des schlechten Drogen- und Alkoholrauschs, des Horrorfilms-Wahnsinns, der masochistischen Schlaflosigkeit.” So hymnisch, so selbst schon im Rausch pries Maxim Biller das Debüt einer angeblich 17-jährigen angeblichen Berlinerin namens Helene Hegemann. Auch deshalb verdient sich das Buch mein vollendetes Desinteresse, weil die Autorin die Tochter jenes Carl Hegemann sein soll, der als Frank Castorfs Chefdramaturg an der Berliner Volksbühne einst den geschwurbelten Überbau lieferte für die berühmten “Kartoffelsalat”-Inszenierungen des überschätzten Hausherrn. Immer musste jemand auf Kartoffelsalat ausrutschen, damit das Theater hübsch lebendig wirkte und zum Gähnen frech.
Wie geht es eigentlich der westkaukasischen Beutelratte?
Helene Hegemann also interessiert mich in etwa so sehr, wie mich die Rhythmische Sportgymnastik in Belgien interessiert oder das Schicksal der westkaukasischen Beutelratte. Minderjährige sollen schreiben, bitte sehr, Erwachsene sollen den Schund dann kaufen, bitte sehr, kein Problem. Aus solchen Produkten spricht vor allem der Überdruss eines umfassend an sich selbst gelangweilten Literaturgroßbetriebs. Wie damals bei Castorf die Schauspieler mit Laien, behinderten und nicht behinderten, durchsetzt und mit Kartoffelsalat drangsaliert werden mussten, um dem Leben nachzujapsen: reiner Vampirismus.
Und doch müssen wir hier kurz von Helene Hegemann sprechen. Ihr reihum gelobtes Buch mit dem Titel “Axolotl Roadkill” ist offenbar in Teilen eine Collage, die nicht als solche gekennzeichnet ist, ein Medley ohne Herkunftsangaben, also ein Plagiat. Ein Blogger brachte es ans Tageslicht. Helene Hegemann gestand zumindest, sie habe “insgesamt eine Seite, ohne sie groß verändern zu müssen, regelrecht abgeschrieben”. Schön sei das nicht von ihm gewesen, räumte das Kind ein, aber man müsse doch in Rechnung stellen, dass es im Internetzeitalter groß geworden sei und deshalb längst gewöhnt an die “Ablösung von diesem ganzen Urheberrechtsexzess durch das Recht zum Kopieren und zur Transformation.”
Wer abschreibt, schreibt nicht
Nein, muss man nicht. Wer abschreibt, schreibt nicht. Wer stiehlt, ist kein Besitzer. Helene Hegemann – oder wer immer das Buch zustande gebracht haben mag – ist (vorerst) keine Autorin, sondern eine Cutterin von Textfragmenten. Sie schneidet und schüttelt und klebt, sie schreibt nicht, schreibt nicht in dem Sinne, in dem das Schreiben verstanden werden muss, damit daraus ein Roman entsteht. Was nicht ist, kann noch werden, gewiss.
Einstweilen aber markiert die Aufregung um die großstädtische Lolita einen Tiefpunkt der jüngeren Rezeptionsgeschichte. Vornehmlich mittelalte Männer loben ein Buch in dem Himmel, in dem eine minderjährige Unbekannte sich in pornografischen Fantasien ergeht. Das ist nicht originell, das ist nicht reizvoll, das ist unfassbar traurig: Décadence 2010.
















Noch tiefer als ein Buch zusammenstehlen ist eigentlich nur noch jemand, der über ein selber nicht gelesenes Buch seine “Meinung” derart aus zweiter Hand herbeikolportiert. Bleibe er doch lieber bei den Kolumnen für den 1.FC Kaiserslautern.
Sehr amüsant verfasst Herr Kissler!
Und Gregor, der artikel wurde nicht über das Buch sondern über den Hype ums Buch geschrieben und trifft den Nagel auf den Kopf.
“wer abschreibt, schreibt nicht” – da hat Alexander Kissler völlig recht. Skandalös, wie in den Presse-Reaktionen auf die Entlarvung des Plagiats (es geht um viel mehr als 1 Seite!) mit postmodernen Collage-Theorien verharmlost wird! “Das ist mein Leben”, heißt es an einer Stelle. Und eben das ist gelogen – ganz einfach. Kissler sollte trotzdem mal in das Buch hineinschauen: Er würde dann noch ganz anders zuschlagen, denke (und hoffe) ich.
Es ärgert mich sehr, wie sich der Verlag und Hegemann herumwinden, wie die Literaturszene das Geschehen teilweise schönredet, weil man nicht manns genug ist, zuzugeben, dass das Buch einer Minderjährigen für das Marketing einfach interessanter ist, als die Vorlage eines knapp Dreißigjährigen. Weil es die Wunderkind-Klischees, Gesellschaftsverwahrlosungs- und Lolitaphantasien gewisser Altherrenkritiker bedient. Wie so oft ist es erst mal nicht das Werk, das zählt, sondern die “Sensation” des Drumherum.
Und wie immer rege ich mich hier über das dreiste Selbstverständnis auf, dass sich wie ’ne Seuche ausbreitet und etabliert hat: der respektlose und selbstgerechte Umgang mit dem Gedankengut anderer. Wie immer: das Sein bestimmt das Bewusstsein.
Ob Fräulein Hegemann auch so locker bleibt, wenn “ihr” Buch im Namen anderer “weitergeshared” wird?
Wahrscheinlich schon, denn echtes “Blut, Schweiß und Tränen” haben ja schon diejenigen beim Schreiben vergossen, bei denen sie sich schamlos bedient und die aus Eitelkeit und Egoismus um ihre verdiente Aufmerksamkeit gebracht werden.
Als Vertreter des megacoolen und selbstgerechten “Copyandpastiismus” hat man dann eben eine natürliche Distanz zum Werk.