Dieser Ausklang mag nicht enden: Noch immer hat der Siegeszug des japanischen Meisterwerks “Nokan” durch die deutschen (Programm-)Kinos nicht an Schwung verloren. Vordergründig ist es die anrührende Geschichte eines arbeitslosen Orchestermusikers, der in die Kunst des Schminkens und Schmückens von Leichen eingeführt wird. Die letzte Etappe soll würdevoll, wohlriechend und im Kreis der Familie stattfinden. Danach schließt sich der Sarg, das Feuer nimmt von ihm Besitz.
Im Kern aber ist “Nokan” eine Parabel auf die Kunst. Als solche zeigt der 2009 mit dem “Auslands-Oscar” prämierte Film des Regisseurs Yojiro Takita, wie sehr das Leben die Kunst doch braucht – und wie sehr diese auf ein Leben angewiesen bleibt, das im Moment, da wir es betrachten, immer schon vergangen ist. Kunst, die dauern will, hat darum stets den Charakter eines Epitaphs. Sie ist das gewesene, in Kunst verwandelte Leben.
“Kalt erstarrt, zur Schönheit wiedererweckt.”
Einmal spricht Hauptdarsteller Masahiro Motoki das Leitwort des neuen Handwerks aus: “Kalt erstarrt, zur Schönheit wiedererweckt.” Der Cellist lernt die Zeremonie kennen, mit der sich vor den Augen der knienden Trauergemeinde die Leiche in jenes Bild verwandelt, das der Tote von sich in den Herzen hinterlassen hat. Sein Lehrmeister weiß, was zu tun ist. Er hat stets ein Foto des oder der Verstorbenen im Blick, er trägt Schminke auf, polstert die Backen, entkrampft die Finger, tut also alles, um für den kurzen Augenblick des Abschiednehmens aus der Körperhülle eine wirklich “schöne Leiche” zu machen. Schönheit entsteht, indem die Zeichen des Gewesenen zu einer neuen Form zusammengesetzt werden. Dann berühren oder küssen die Lebenden den Gegangenen, scherzen dabei oder weinen, behandeln ihn ein letztes Mal echt menschlich, echt lebendig.
Kunst ist geradeso wie diese Zeremonie mehr Handwerk als Überschwang, eher Verfahren als Eingebung. Sie muss sich ihrer Mittel gewiss sein, um auf ein Charisma hoffen zu können. Und sie lässt das Entscheidende, das Werden ihrer Formensprache, ungezeigt. Zeremonienmeister Sasaki (Tsutomu Yamazaki), ein mundfauler Eigenbrötler, beherrscht das Hantieren mit Stoffen bewundernswert. Er entkleidet den Körper, ohne dass er je nackt würde. Er färbt und bezeichnet ihn und lässt nur das Ergebnis sehen. Stets ist da ein Tuch zwischen Publikum und Künstler, dient das eine Kleid zur Beherbergung und Verdeckung des anderen. Am Ende ist der Tote wie neugeboren. Er blickt, wenn die äußeren Laken fallen, lebendiger denn je mit geschlossenen Augen.
Nun mag man einwenden, Kunst habe vor allem mit Fantasie zu tun und nicht mit Schminke. Kunst müsse den radikal subjektiven Blick auf einen Weltausschnitt wagen, nicht dessen gefällige Aufhübschung. Überhaupt sei Schönheit im Reich der Ästhetik ein Nebeneffekt, allenfalls. Im Angesicht des globalen Hässlichen wäre sie, ganz ungebrochen, eine glatte Lüge.
Kitsch in der Kunst
Natürlich sind wir alle hindurchgegangen durch die Schule des 20. Jahrhunderts. Wir wissen, dass das Naturschöne ebenso wie das Kunstschöne zum kitschigen, wenn nicht gar totalitären Idyll ausschlagen kann. Kirschbäume und Körper im Gleichmaß können die Wirklichkeit verhöhnen.
Das Auge aber ist ebenso trotzig wie das Ohr. Beide nehmen die Lektionen des Geistes nicht so ganz ernst. Theoretisch stimmen sie zu, praktisch erfreuen sie sich am Gegenständlichen ohne Schrammen, an Dur und Moll und Kinderreim. Wer es nicht glaubt, der mache die Probe aufs Exempel und schaue sich “Nokan oder die Kunst des Ausklangs” an. Es wird ihn nicht kaltlassen, Hände zu sehen, wie sie die Male des Todes tilgen und den Tod doch nicht verraten. So erblüht für einen kurzen Moment das Neue aus den Bruchstücken des Alten: Kunst, eine Metamorphose.
















