Nun also werden wir immer wissen, was wir am 10. November 2009 getan haben. Vergleichbar der medialen Wucht, mit der der Fall der Mauer und der Anschlag auf die “Twin Towers” sich in unser kollektives Bewusstsein gefräst haben, schnitt die Nachricht von Robert Enkes Tod einen Nervenstrang entzwei. Die DDR verging, die Wirtschaft erholte sich vom 11. September, Terrorattentate wurden nicht alltäglich. Auch der Tod des Fußballprofis Enke wird einsinken in das, was war. Das Datum aber werden wir nicht los – und mit ihm eine Beunruhigung, die deshalb so allgemein wurde, weil die Tat eines Einzelnen Fragen aufwirft, die alle angehen und jeden überfordern. Dieser Tod spricht laut, doch seine Sprache ist uns nicht geläufig.
Schon die Frage nach der richtigen Bezeichnung des Vorgefallenen macht ratlos. Vom Selbstmord zu sprechen, haben weite Kreise sich abgewöhnt. Heimtücke, Niedertracht, Gewinnstreben: Die üblichen Ingredienzien eines Mordes scheinen ganz zu fehlen. Und doch ist das Sterben von eigener Hand immer auch ein rücksichtsloser Vorgang. Man stiehlt sich aus jener Verantwortung, die man den Hinterbliebenen zentnerschwer auflastet. Sie müssen ein Leben weiter führen, dem die Mitte genommen ist, müssen sich allein den Kopf zermartern. Bindet der Sterbewunsch Dritte, entstehen auch dort ganz unverschuldet Trauer und Trauma.
Kapitulation vor der Unfreiheit
Freitod hingegen klingt elegant und ist doch meist unwahr. Wer im Schatten einer verdunkelnden Seelenkrankheit lebt, hat die Freiheit, anders zu wollen und anders zu können, eingebüßt. Nicht Ausdruck eines freien Willens ist die Tat, sondern Kapitulation vor der Unfreiheit, zu der das Leben geworden ist.
So bleibt denn nur als einigermaßen sachliche Feststellung das Wort von der Selbsttötung. Auch dieses aber hebt die Ungeheuerlichkeit nicht auf, dass ein Leben, das sich selbst tötet, dem Leben schon lebend verloren ging.
Ineinander verschränkt sind zudem die Fragen nach dem Mann, nach dem Sport, nach der Gesellschaft, nach der Endlichkeit. Urmännlich sei der Trieb zu siegen, die Kräfte zu messen, vom Agon der Antike bis Armstrongs Mondfahrt. Der Sport wiederum als Exerzitium der Härte gegen sich selbst wird einer kapitalistischen Konkurrenzgesellschaft dienlich gemacht, stabilisiert diese täglich aufs Neue.
Zwischen Ego-Coaching und Wellnessreligion
im Ebendieses agonale Prinzip aber ist am beginnenden 21. Jahrhundert ebenso krisenhaft geworden wie das Bild vom Mann als dem kämpfenden, ernährenden Kerl. Schon lange vor der Weltwirtschaft kollabierte der Mann. Heute liegen beide danieder, und vielleicht wird jene uns deshalb noch so lange beschäftigen, weil dieser und damit ihr Konstrukteur und Therapeut keine Antwort mehr gibt. Zwischen Ego-Coaching und Wellnessreligion ist der Mann sich selbst undeutlich geworden.
Wir wissen nicht, bis zu welchen Graden Robert Enke, der Selbsttöter, der Mann, der Sportler und der Konkurrenzkämpfer, diese Fragen an sich heranließ, sie in sich aufnahm. Wir sehen aber nun, dass sein Tod uns das Pflaster von der Illusion wegriss, diese Fragen ließen sich säuberlich trennen, man könne sie gewissermaßen der Reihe nach in Expertenzirkeln abarbeiten. Im Menschen, dem mal tragisch, mal glücklich gemischten Wesen, laufen sie alle zusammen, unentwirrbar. Diese Fragen bilden alle die eine Probe auf unseren Umgang mit der Endlichkeit. Sie nämlich ist das größere Tabu, die größte Kränkung, die einer Gegenwart, die im Gegenwärtigen sich erschöpft, zuteilwerden kann.
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