Man kann sagen: Viagra schuf mehr Härtefälle als Rot-Grün. Harald Schmidt

Vaginaler Aufruhr

Das unangemessene Urteil gegen drei russische Punk-Aktivistinnen sorgt für Kritik. Manche Solidaritätsadresse aber ist zu wohlfeil. Kunst darf auch in Deutschland nicht alles.

Manchmal sind wir alle ein bisschen Bluna, und manchmal sind wir alle im vaginalen Aufruhr: Die Solidaritätsadressen für drei russische Punk-Aktivistinnen mit obszönem Gruppennamen sind weit gestreut und reich gesät. Zu zwei Jahren Lagerhaft wurden die beiden jungen Mütter und die Dritte, Älteste, die bei ihrem Vater lebt, von einem Moskauer Gericht wegen Rowdytums in Tateinheit mit „religiösem Hass“ verurteilt: ein unangemessen hohes Strafmaß, das einmal mehr zeigt, wie „lupenrein“ die Demokratie unter dem Gerhard-Schröder-Intimus Wladimir Putin funktioniert. Auch scheint es um die Gewaltenteilung im einstigen Zarenreich nicht zum Besten bestellt. Reif für die Europäische Union wäre Russland längst nicht.

„Scheiße, Scheiße, Scheiße des Herrn“

Gar zu lässig aber haben die Solidarischen beiseite gewischt, dass beispielsweise auch in der Bundesrepublik Deutschland gemäß Paragraph 167 Strafgesetzbuch mit „Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft“ wird, wer an einem „Ort, der dem Gottesdienst (…) gewidmet ist, beschimpfenden Unfug verübt“. Und eben das haben die drei Frauen getan: Sie stürmten den Altarraum der Christ-Erlöser-Kathedrale, nahe der Ikonostase, hinter der sich das Allerheiligste jeder orthodoxen Kirche befindet, und trieben lauten, schrillen und eben beschimpfenden Unfug – aus Sicht des Hausherrn und der Gläubigen allemal.

Sie skandierten, je nach Übersetzung, „Scheiße, Scheiße, Scheiße des Herrn“ beziehungsweise „Scheiße, Scheiße, Gottesscheiße“. Sie mögen damit Putin gemeint haben oder Patriarch Kyrill, der zudem als „Hund“ oder „Arschloch“ apostrophiert wurde. Auf jeden Fall begingen sie Hausfriedensbruch und lästerten an kultischer Stätte. Vergleichbar wären Schimpfwörter wider einen Mufti oder einen muslimischen Staatspräsidenten in einer Moschee, vielleicht in Istanbul, oder wider einen Oberrabbiner oder jüdischen Ministerpräsidenten in einer Synagoge. Dürften solche Frondeure auch mit mutiger Solidarität in der nichtmuslimischen, nichtjüdischen Welt rechnen?

Angela Merkel und Guido Westerwelle greifen zur falschen politischen wie intellektuellen Kategorie, wenn sie erklären, eine „lebendige Zivilgesellschaft und politisch aktive Bürger sind eine notwendige Voraussetzung und keine Bedrohung für Russlands Modernisierung“ – so die Kanzlerin. Die Aussage stimmt, übersieht aber kolossal, dass die drei Frauen neben ihrem Recht auf Partizipation und Widerspruch ein Recht beanspruchten, das es auch in Deutschland nicht gibt, das Recht auf Hausfriedensbruch und antireligiösen Aufruhr.

Travestie eines Gebets

Wenn der Außenminister sagt, „Demokratie ist ohne Freiheit unmöglich, eine freiheitliche Gesellschaft ohne Freiheit der Kunst gibt es nicht“, stimmt das ebenfalls, ist aber wiederum eine halbe Wahrheit. Die Freiheit auch schlechter Kunst ist nicht absolut, nicht abwägungsfrei. Gradmesser für eine freiheitliche Gesellschaft kann nicht die Demonstration von Vulgarität in einer Kirche sein, ganz gleich zu welchen Zwecken. Auch öffentlichen Gruppensex im neunten Schwangerschaftsmonat hatte eine „Pussy“ schon im aktivistischen Angebot.

Zudem muss man kein Literaturwissenschaftler sein, um zu erkennen, dass der gebrüllte Text der drei Frauen kein – wie es nun zu lesen ist – „Punk-Gebet“ war, sondern die Travestie eines solchen, die polemische Kontrafaktur eines Gebets. Die drei Frauen nahmen sich die Rhetorik, die Lexik und die litaneienhafte Strophenfolge des Gebets als Spielmaterial, um ein Anti-Gebet zu formulieren. Sie wandten sich ironisch an eine „Mutter Gottes, Jungfrau“, die „Feministin“ werden solle, an einen vermeintlichen „Höchsten“, der die Frauen zwinge, zu „gebären und (zu) lieben“, und der stattdessen an Demonstrationen wider Putin sein Gefallen finden solle. Sie kleideten ihre politische Agenda in pseudoreligiöse Formeln. Gebetsstättenstörung ist kein Gebet.

Das Strafmaß ist zu hoch, der Prozess war sehr fragwürdig und gehorchte keinen rechtsstaatlichen Standards. Fragwürdig und zu hoch sind indes auch die gratismutigen Solidaritätswellen, in deren Windschatten mancher Politiker des Westens sich als lupenreinen Demokraten nun selbst selig spricht. Schwarz und Weiß sind hier keine erhellenden Farben.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Kissler: Provision auf Weltrettung

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