Die zwei Hauptleidenschaften der Politik sind Angst und Hoffnung. Chantal Mouffe

„Heul doch, Trulla!“

Der Schriftstellerin Sibylle Berg passt es nicht, dass Menschen gegen Abtreibungen demonstrieren. Ohne praktizierte Toleranz aber stirbt die Republik. Einige Fragen an Frau Sibylle.

Ein Bekenntnis vorweg: Die Texte von Sibylle Berg lese ich gerne. Sie sind schwungvoll, meistens klug, nie langweilig. Die Frau kann schreiben, und sie hat etwas zu sagen. Häufig ist diese Mischung unter den hauptberuflich Schreibenden nicht anzutreffen. Umso seltsamer, dass Sibylle Berg jetzt nach weniger Demokratie und weniger Toleranz ruft. Beides sind schließlich die wichtigsten Voraussetzungen, dass unsereins hauptberuflich schreiben kann. Einem Mehrheitsklima sich anzudienen oder gar gehorchen zu müssen, hat noch keines Schreibers Schreiben verbessert.

Argumentativen Boden unter den Füßen weggezogen

Nun also dies: Sibylle Berg echauffiert sich in ihrer Kolumne – und zwar gewaltig – über Demonstrationen im öffentlichen Raum, über angewandte Demokratie also, echten republikanischen Geist. Zur Hölle, wenn sie an eine solche glaubte, wünscht Sibylle Berg sich Demonstrationen gegen Abtreibungen. Berg fährt dagegen unter dem Titel „Gebärt doch, ihr Bratzen!“ die lauteste rhetorische Kavallerie auf, die man sich denken kann. Wer dergleichen tue, so Sibylle Berg, dem mögen „riesengroße Kuhfladen auf den Kopf und Räder an die Füße genagelt“ werden. So verfahre man am besten mit den „belehrenden Religiösen“.

Ach, Frau Sibylle, so unentspannt heute? War der Sommer eine Pest? Gegenstand des Zorns und Eifers ist der „Marsch für das Leben“, mit dem Staatsbürger ihr staatsbürgerliches Recht auf Versammlungs- und Meinungsfreiheit in Anspruch nehmen. Ich bin bei noch keinem solcher Märsche dabei gewesen. Videos zeigen jedoch eine schweigend demonstrierende Schar, die das „schreiende Unrecht der Abtreibung zu beenden“ anmahnt, und aggressiv dagegen anpöbelnde Gegendemonstranten. Symbole von Judentum und Christentum sind schon zerstört worden. Ein wenig erinnert dieses Ungleichgewicht des Schreckens an das böse Schicksal von Yvonne, der Burgunderprinzessin. Im gleichnamigen Stück von Witold Gombrowicz bringt eine schüchterne junge Frau einen ganzen (Hof-)Staat gegen sich auf, einfach weil sie da ist und beharrlich schweigt und keinem etwas zu leide will. Ihr Trotz provoziert Mordgelüste.

Die stummen Demonstranten nun, so Sibylle Berg, spielten sich zu „Richter(n) über die Gebärmutter“ auf und wähnten sich „im Alleinbesitz der Wahrheit“. Schlimmer noch, den demonstrierenden Zivilbürgern wirft sie vor, „anderen euer Leben aufzwingen“ zu wollen. Es sei doch nicht deren „verdammtes Problem“, ob andere Frauen abtrieben oder nicht. Summa summarum sollte die schweigende Minderheit auf den Straßen unserer Republik ihre „Klappe halten und andere mit liebevoller Nachsicht betrachten“.

Sind das wirklich Ihre Worte, Frau Sibylle? Merken Sie nicht, dass Sie damit den argumentativen Boden sich unter den Füßen wegziehen? Wo ist Ihre eigene liebevolle Nachsicht? Eine Demokratie lebt davon, dass die allerverschiedensten Meinungen dasselbe Recht auf öffentliche Präsenz haben wie das jeweils glatte Gegenteil. Wer für seine Meinung friedlich (und hier sogar schweigend) eintritt, weiß selbstverständlich ganz genau, dass viele Menschen eine ganz andere Meinung haben. Ja, diese fremde andere Meinung ist exakt der Grund seines Einsatzes. Würden Sie, Frau Sibylle, je behaupten, Sie seien nun im Umkehrschluss „Richterin“ über das Häuflein der Abtreibungsgegner, denen Sie durch die Kolumne wiederum Ihre Ansichten „aufzwingen“ wollen? Schätzen Sie den Pluralismus, von dem Sie leben, derart wenig?

Jeder und jede hat das Recht, sich zu äußern

In einer Republik hat jeder und jede, liebe Frau Sibylle, das „verdammte“ Recht, sich zu allem und jedem zu äußern. Um keinen geringeren Preis ist unsere Freiheit zu haben. Diese Demonstranten, deren Treiben Sie so verächtlich finden, dass Sie ein „Klappehalten“ fordern, den Verzicht also auf praktizierte Meinungs- und Versammlungsfreiheit, leisten einen Freiheitsdienst – geradeso wie es alle Demonstranten tun, die sich friedlich, aber strittig im öffentlichen Raum treffen. Das nennt man, liebe Frau Sibylle, Zivilisation. Gelebte Toleranz.

Ach, Ihre Kolumne, liebe Frau Sibylle, lässt mich ratlos zurück. Meinen Sie das wirklich ernst? Wer ablehnt, was ich gutheiße, soll abhauen? Wollen wir eine solche totalitäre Spur des Denkens künftig bei allen Auseinandersetzungen beschreiten? Wo bliebe da Ihr Publikum, das sich nur sammeln kann, weil Ablehnung und Zustimmung sich wechselweise verstärken und dadurch Aufmerksamkeit generieren?

Wäre ich Sibylle Berg, ich müsste jener Sibylle Berg, die diese Selbstgerechtigkeitsepistel geschrieben hat, im Berg-Sound antworten: Heul doch, Trulla! Ich bin es aber nicht.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Kissler: Provision auf Weltrettung

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