Christian Wulff ist keine Idealbesetzung. Alexander Kissler

Milieufragen

Wenn Umweltschutz auf Feminismus trifft: das Fünf-Punkte-Programm des keineswegs herrschaftsfreien 98. deutschen Katholikentags.

Der Katholikentag des Zentralkomitees der deutschen Katholiken hat einen Zweck: die Milieustabilisierung. Somit stellt sich die Frage nach dem Milieu, das in Mannheim von heute an seiner selbst sich vergewissern will. Ein Blick in den Programmkatalog gibt Auskunft. Es handelt sich um das Milieu eines politisch korrekten Humanismus, der auf seine christliche Nährlauge nicht ganz verzichten will. Der Katholikentag soll die innerkirchlichen Diskurse verwalten und ist insofern ein klassisches Herrschaftsinstrument.

Überraschungswert tendiert gegen null

Das Motto der fünf Tage will seine Genese in den 1970er-Jahren nicht verleugnen, das Programm ebenso. Der Pleonasmus „Einen neuen Aufbruch wagen“ bündelt eine Vielzahl von Podien, auf denen die Üblichen die Üblichen befragen und dann und wann ein Feigenblatt dabei sitzt. Einverständnis ist Ziel der meisten Gesprächsrunden. Diskussionssimulation wird betrieben, wenn etwa die suggestive Frage formuliert wird, warum die Konfessionen „noch getrennt beim Herrenmahl“ seien (ist die Eucharistie gemeint?). Das Podium lässt vermuten, dass diese „Trennung“ verbaliter aus dem Weg geräumt werden soll. Auch tendiert der Erkenntnis- und Überraschungswert gegen null, wenn zum wiederholten Male Norbert Lammert und Wolfgang Thierse ihre Forderungen nach einer protestantisierten Kirche repetieren – nach einer Glaubenskultur also, die sich rein empirisch für den Marsch ins säkulare Nirwana entschieden hat, zumindest in den deutschen Landeskirchen.

Zum Milieukatholizismus, wie ihn viele Laienverbände vertreten, zählt untrennbar der Umweltschutz. Ihm kommt Surrogatfunktion zu. Er ist nicht zufällig das einzige Credo, auf das sich eine spätmoderne Spielart der Zivilreligion einigen kann. Weitere Bestandteile des korrekten Bekenntnisses, dem im Mannheim manches Hochamt gewidmet ist, sind: zweitens die sogenannte Geschlechtergerechtigkeit, womit faktisch ein anthropologischer Vorbehalt gegen das Männliche als Prinzip gemeint ist. In Mannheim soll von Gott „geschlechtersensibel“, ergo feministisch geredet werden. Damit ist der strategische Vorraum bereitet, um das kirchlich kaum herzuleitende „Diakonat der Frau“ als „Zeichen der Zeit“ fordern zu können: Der eigens verweiblichte Gott soll Frauen in das Amt rufen. Ein einförmig und strikt weiblich besetztes Podium einschließlich einer „Frau mit Diakonatsausbildung“ wird dafür werben.

Drittens zählt zum Bekenntnis des deutschen Milieukatholizismus die Multireligiosität. Indische Spiritualität und hinduistische Körpertechniken sollen einem lebensweltlichen Konzept der Daseinsfürsorge dienlich gemacht werden. Viertens wird in Mannheim eine Entsakralisierung der Kirche gefordert. Die beschworene „sprachfähige Kirche an der Seite der Menschen“ markiert einen zwangstransparenten Sozialverein mit innerparteilicher Basisdemokratie. Jeder und jede soll alles tun oder lassen dürfen, was den allgemeinen Subjekt- und Menschenrechten entspreche. Kein religiöser Sonderbezirk, sondern eine Interessengemeinschaft zur Weltrettung soll die deutsche Milieukirche sein. Damit eng zusammen hängt – fünftens – der Anspruch auf eine Monopoltheologie. Fast nur säkularkirchliche Progressivtheologen kommen zu Wort, um eine Hoheit über die Fakultäten vorzuführen – sei’s zu Recht, sei’s zu Unrecht. Die programmatische Abkehr von den Texten des Zweiten Vatikanischen Konzils und die Hinwendung zu dessen „Geist“ soll auf diese Weise wissenschaftsrhetorisch abgesichert werden.

Dialog wäre ein Unfall

Alles in allem trifft Konvention auf Restauration. In Zeiten kollabierenden Glaubenswissens soll jede innerbetriebliche Unruhe vermieden werden. Der titelgebende Aufbruch ist nach innen gerichtet, hinein in die hermetischen Sprach- und Machtspiele des Hegemonen namens Milieukatholizismus. Die Welt bleibt draußen, Dialog wäre ein Unfall. Warum zum Beispiel gibt es kein Streitgespräch zwischen „Wir sind Kirche“ und „Pro Missa Tridentina“? Warum fand sich auf den zahllosen Podien kein Stündchen für ein Gipfeltreffen etwa von Piusbruderschaft und Memorandumstheologie? Was Laboratorium sein könnte, atmet Treibhausluft.
Der Verdacht ist unabweisbar: Nur schwache Argumente scheuen das Licht der Debatte. Nur stumpfen Messern setzt man die Butter der braven Denkungsart vor. Bleiben wird vom Katholikentag im heiteren Mannheim vermutlich nur dies, ein letztes Mal vor dem Kollaps der Fassaden: Umweltschutz, Feminismus, Multireligiosität, Entsakralisierung und Monopoltheologie.

’S ist eigentlich schad’.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Kissler: Provision auf Weltrettung

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