Es wäre inhuman, wenn Fleiß, Talent und Lebensentscheidungen keinen Unterschied mehr machten. Christian Lindner

Lehrer Gauck

Die Antrittsrede zu Berlin war ein Abschluss, kein Anfang. Erst mit dem Staatsbesuch in Polen begann die Präsidentschaft Joachim Gaucks. Er begreift sich als Nationalpädagoge, dessen Lehre erst noch sichtbar werden muss.

Aber ja doch, es ist eine Wohltat, einen Bundespräsidenten zu haben, der von Frieden, Freiheit, Gerechtigkeit spricht – ohne sich fragen zu müssen, ob da ein Politiker von Journalisten in Frieden gelassen sein will, nachdem er sich die Freiheit nahm, nach all dem zu greifen, was ihm doch wohl gerechterweise zustehe. Solche Fragen, die das Amt verkleinern und die Person zu beiderlei Nachteil aufblasen, lässt Joachim Gaucks präsidiale und eben nicht politische Anmutung gar nicht erst zu. Eine Bugwelle der Sympathie treibt ihn durch die Lande.

Wulffs Scheitern ist Gaucks Glück

Natürlich strahlt ein Licht desto heller, je dunkler es ringsum ist oder war. Wulffs Scheitern ist Gaucks Glück. Sein Antrittsbonus ergibt sich unmittelbar aus dem Vorgängermalus. Vor diesem Hintergrund nicht zu leuchten, wäre auch eine Kunst. Dennoch gab sich Gauck mit seiner Antrittsrede alle Mühe, die Façon mit Inhalt zu füllen – auf eine durchaus strategische Weise. Getrieben von der Absicht, jede(n) zufriedenzustellen, gab er allen alles. Die Zuckerl flogen im hohen Bogen durch den Reichstag. Jeder bekam eines, die Eingesessenen und die Zugewanderten, die Jungen und die Alten, die Altachtundsechziger und die Netzavantgarde, die Bürger und die Politiker. Begonnen hat darum Gaucks Präsidentschaft erst nun, beim Antrittsbesuch in Polen. Die Berliner Rede war ein Nachruf auf das Intermezzo davor.

In Warschau stellte Gauck sich vor als „Liebhaber der Freiheit“, der sich dort wohlfühle, wo die Freiheit zu Hause ist, und der darum ein großer Freund Polens sei: „Polen verstehen auch, warum mir und vielen anderen das Freiheitsthema und die Kritik am totalitären System sowjetischer Prägung so wichtig ist.“ In der DDR habe er den „Mut und die Entschlossenheit, mit der sich die Menschen (…) in ganz Polen für ihre Freiheit und für ihre Rechte als Bürgerinnen und Bürger erhoben“, stets bewundert. „Unsere friedliche Revolution in der DDR konnte auch deshalb erfolgreich sein, weil unsere polnischen Nachbarn schon gezeigt hatten, dass man die Freiheit auch gegen die Übermacht eines kommunistischen Unterdrückungsapparates erstreiten kann.“ Authentischer kann Gauck von sich und seinen Erfahrungen nicht reden. In seiner Person verdichtet sich eine geglückte Freiheitsgeschichte, eine unbesiegbare Freiheitssehnsucht, tatsächlich eine Freiheitsliebe. Nicht zufällig ist Freiheit auch Kernbegriff des Christentums.

Zuvor indes, im Reichstag, war diese Amour abgepolstert in einem Geflecht der Rücksichtnahmen. Gauck weiß, dass der gemeine Deutsche die Sicherheit mehr schätzt als die Freiheit. „Unser Land“, sagte er deshalb, brauche „Freiheit als Bedingung für Gerechtigkeit – und Gerechtigkeit als Bedingung dafür, Freiheit und Selbstverwirklichung erlebbar zu machen“. Das ist so trivial wie konsensual, dass der Sinn der Aussage in ihrer Signalwirkung liegen dürfte: Schau her, liebes Mainstream-Deutschland, ich bin kein libertärer Kapitalist und kein Feind der Mitbestimmung und kein Gegner des Sozialstaats.

Bekräftigung des mehrfach Bekräftigten

Die Unser-Land-Rede war die Bekräftigung des mehrfach Bekräftigten, das Fazit dessen, was sich durch die Ära Wulff hindurch als der eiserne Bestand der bundesrepublikanischen Idee gerettet hatte. Gauck benannte das Spielfeld, ohne selbst einen Zug zu setzen. Er stellte alles auf Anfang.

Danach erst, in den beiden Warschauer Tagen und in allem, was folgen wird, erleben wir Gauck, den Präsidenten. Die Wulff’schen Trümmer sind beseitigt, das Einverständnis ist wieder hergestellt, das Amt definiert. Die Abschlussrede aus dem Reichstag zeigte einen vertrauten, endlich wieder offenen Horizont.

In einem Punkt aber sollten wir die Berliner Rede sehr beim Wort nehmen. Gauck kündigte an, kraft seiner Erinnerung „mich und uns zu lehren und zu motivieren“. Pädagoge will er tatsächlich sein. Im Lehren will er selbst lernen und im Lernen Deutschland lehren. Die Arbeit am Selbst soll Arbeit an Deutschland sein und umgekehrt.

Diesen nationalpädagogischen Impuls hatte letztmals Richard von Weizsäcker verfolgt. Damals stand die Mauer noch und Gauck lebte jenseits ihrer. Nun muss sich zeigen, worin die neue Lehre des Joachim Gauck bestehen wird. Wir kennen bisher nur den Rahmen und die Überschrift, die Schule und den Lehrer.

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