Andere Staaten haben die Chance, das amerikanische Schicksal zu vermeiden. Robert Reich

Nazi-Schlagzeilen gehen immer!

Wenn sich hierzulande in den Redaktionsstuben Langeweile einstellt, kennt man ein sicheres Mittel, für Aufmerksamkeit beim Leser zu sorgen. Einfach irgendwas mit „Nazi“ oder gleich „Hitler“ selbst in die Titelzeile und ab geht die Post. Fakten stören da schlimmstenfalls und werden lieber gleich geändert oder ignoriert.

So in etwa kann man sich erklären, was in den vergangenen Tagen an Medienrummel um Schlagersänger Heino und sein angebliches „SS-Lieder-Geschenk“ veranstaltet wurde. Der blonde Barde war von Ina Scharrenbach, der NRW-Heimatministerin mit CDU-Parteibuch, zu einem sogenannten „Heimatbotschafter“ des Bundeslandes ernannt worden. Als Dank für diesen Titel überreichte Heino der Ministerin im Rahmen eines Kongresses in Münster die von ihm eingesungene Schallplatte „Die schönsten deutschen Heimat- und Vaterlandslieder“ aus dem Jahr 1981. So weit, so gut – sollte man meinen.

Befreiungskrieg oder Dritten Reich – ist doch alles einerlei

Doch der Enthüllungsjournalismus der Westdeutschen Zeitung förderte den „Nazi-Skandal“ um den Tonträger zutage. Denn die Liedauswahl umfasse angeblich auch Liedgut, das „sich ideologisch mit […] der Vorstellungswelt von 1938 überschneidet“. Vor allem die Stücke „wenn alle untreu werden“, „Flamme empor“ und „Der Gott, der Eisen wachsen ließ“ hatten es dann auch den anderen Journalisten angetan, die ebenfalls auf den Heino-Nazi-Zug aufsprangen. Dabei wurde gerne in den ersten Artikeln unterschlagen, dass alle drei Lieder aus der Zeit der Befreiungskriege gegen Napoleon stammen, also gut und gerne rund 120 Jahre vor Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft komponiert wurden. Eine einfache Google-Recherche hätte diesen Umstand schon klären können.

Doch viel wichtiger war die skandalisierende Berichterstattung darüber, dass diese Lieder sich im Dritten Reich einer zweifelhaften Beliebtheit erfreuten. Allen voran „wenn alle untreu werden“ wurde als „Treuelied“ der SS genutzt. Aber auch der kämpferische Text von „Der Gott, der Eisen wachsen ließ“ wurde in der Berichterstattung aus seinem Kontext gelöst und anstatt mit dem deutschen Freiheitskampf lieber mit den beiden Weltkriegen über 100 Jahre später assoziiert. Den Vogel schoss die Bild ab, die kurzerhand das Allgemeine Deutsche Kommersbuch, das Liederbuch der Studentenverbindungen, zum „SS-Liederbuch“ umetikettierte. Was wohl der ehemalige Bild-Chef Diekmann als Burschenschafter dazu gesägt hätte?

Pflichtschuldige Distanzierung

Einige Tage lang lieferten sich nicht nur Boulevardblätter wie Bild oder Rolling Stone einen Überbietungswettbewerb um die reißerischste und letztlich dümmste Schlagzeile. Auch die SPD-Opposition in NRW witterte ihre Chance, die CDU-Ministerin in dieser Angelegenheit anzugreifen. Wie hypersensibel und geradezu hysterisch das politische Klima derzeit ist, lässt sich wunderbar daran ablesen, was offiziell über einen Sprecher der Ministerin Scharrenbach kommuniziert wurde. So kam als Entschuldigung, man habe vor der Überreichung der Schallplatte keine Gelegenheit zur Überprüfung hinsichtlich ihrer politischen Korrektheit gehabt. Weiter hieß es, die Ministerin verwahre sich „aber strikt dagegen, in irgendeiner Weise mit der nationalsozialistischen Ideologie in Verbindung gebracht zu werden.“

Als nach kurzer Zeit klar wurde, dass sich durch die verschenkte Schallplatte kein Polit-Skandal herbeischreiben ließ, ebbte die mediale Empörung rasch ab. So bemühten sich dann auch hinterher Kommentatoren von Zeit und Welt um eine möglichst differenzierte Bewertung des Vorgangs.
Die eigentliche Bewertung fällt kurz und knapp wie folgt aus: Ohne rudimentäres Wissen von der deutschen Geschichte, wird alles vor 1945 schon in eine Verbindungslinie zum Dritten Reich gestellt. Der Rechercheaufwand reicht oftmals nicht mal mehr für Google aus. Im politischen Tageskampf ist offensichtlich nichts zu peinlich, um nicht doch den Versuch zu unternehmen, dem Gegner noch zu schaden. Wen kann da noch der Auflagensinkflug der Printmedien wundern?

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Christian Lindner, The European Redaktion, Gunter Weißgerber.

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