Wir können Besteuerung niemals populär machen, aber wir können sie fair machen. Richard Nixon

Fünfunddreißig

Er ist als Geburtstag nix Halbes und nix Ganzes: Mit 35 ist man in der Schwebe. Noch nicht auf dem Gipfel, aber auch kein Youngster mehr. Gedanken zwischen den Lebensaltern.

Fünfunddreißig. Die Zahl spricht sich flüssig. Es ist mein Geburtstag, wie jedes Jahr, dieser 28. Dezember. Zusammen mit dem Ende des Kalenderjahres ist er immer ein doppelter Hinübergang. Fünfunddreißig werden ist aber etwas anderes als 34 oder 32 oder gar 29 oder 28. Ich erkläre Ihnen gerne, warum.

Ich gehöre nicht zu den Menschen, die sagen, die Zeit vergehe so schnell. Bei dem Blick in den Kalender des Jahres 2011, der ja um wenige Tage verschieden auch der meines Lebensjahres ist, sehe ich, dass viel passiert ist in den 365 Tagen, in meinem persönlichen Leben, in der Arbeit mit The European. Im Mittelpunkt des Jahres standen viele Begegnungen mit spannenden und interessanten Menschen, das Jahr war erfüllt von der Arbeit mit einem großartigen Team. Mitnichten ist 2011 – ebenso wenig wie die Jahre davor – im Flug vergangen! Ein anderes Fazit drängt sich vielleicht dem auf, der das Jahr in einem Brennglas verdichtet anschaut und das Kondensat der Betrachtung für das Ganze nimmt. Nicht mein Ding.

Nike Air zum 30. Geburtstag!

Mit 30 stemmt man sich noch gegen das Erwachsenwerden. Das ist in Berlin besonders leicht, weil hier genug Kindsköpfe rumspringen, die nicht erwachsen werden wollen und die Turnschuhe tragen, die ihnen zu Jugendzeiten ihre Eltern nicht kaufen wollten, weil dieser Markenkram einfach viel zu teuer und ihr vom Teenie behauptetes Prestige für die Nachkriegseltern nicht zu vermitteln war. Auch ich trage Nike Air, die mir meine Mama nie kaufen wollte, als sie zu besitzen ein Statussymbol in der Klasse war.

Mit 33 hat man ein symbolträchtiges Alter überschritten. Denn, wie wir alle wissen, wurde unser Herr und Heiland Jesus Christus 33 Jahre alt. Der Scholast Thomas von Aquin lehrt nicht umsonst, dass wir nach unserem Tode so auferstünden, wie wir mit 33 Jahren gewesen wären. Die 33 ist also in unserer Kultur etwas Besonderes. Dennoch habe ich nichts Aufregendes gespürt, als ich diese Altersschwelle überschritten habe.

Verkapptes Bergfest

Nun also fünfunddreißig. Noch nicht ganz Bergfest, denn mindestens 75 möchte ich schon werden. Aber deshalb die 37,5 groß feiern? Wohl kaum. Dafür lieber die 40 mit einer großen Lebensmitte-Party veredeln? Wohl etwas zu großspurig, denn 80 werden, davon möchte ich nicht ausgehen, als wäre es schon ausgemacht. Also schreibe ich hier eine Bergfest-Kolumne zum 35. Geburtstag.

Denn manches hat sich für mich doch geändert: Im nun vergangenen Lebensjahr habe ich gemerkt, dass, wie man das im Volksmund nennt, „sich der Körper umstellt“. Damit meine ich nicht nur, dass man nun endgültig nicht mehr so viel Alkohol verträgt wie mit 18 oder 25. In das Leben schleicht sich eine bestimmte Gravität und Ernsthaftigkeit, die sich vom Lebensgefühl des Spätzwanzigers (und somit des Berliner Frühdreißigers) unterscheidet, ohne dabei wie ein Gruß aus der Gruft daherzukommen. Man hat nun eine Lebensgeschichte und wird sich dessen bewusst. Manche Dinge sind in der Tat nun schon nahezu 25 Jahre her – meine Einschulung ins Gymnasium beispielsweise. Ein Vierteljahrhundert!

Rationale Überprüfung

Ich lege beim Sport nun endgültig mehr Wert auf Ausdauer und Beweglichkeit als darauf, wie viel Gewicht ich auf der Bank drücken kann. Und ohne Zweifel: Es wird ohnehin weniger. Mit 35 wird man zum Verwalter seiner Gesundheit, zum Bewahrer seines Körpers. Ein Leistungsaufbau scheint mir nicht mehr möglich. Klingt wie eine Binse, es am eigenen Leib – im wahrsten Sinne des Wortes – zu erfahren, ist etwas anderes, als es zu hören oder, wie hier, zu lesen.

Und was ist mit dem Geist? Hier verhält es sich umgekehrt. Für mich ist dieses Jahr zu einem Jahr geworden, in dem ich mir die Frage gestellt habe: „Welche Überzeugungen sind dir wichtig, welche trägst du aus Gewohnheit mit dir herum und hast sie schon lange nicht mehr einer rationalen Überprüfung unterzogen?“ Das wird besonders wichtig im Hinblick auf Religion und Politik:

Gelungene Erschütterung von Gewissheiten

Beim Besuch der Christmette bei uns im Dorf dieses Jahr habe ich spätestens ganz deutlich spüren müssen, dass die Kirche und damit die Religion meiner Kindheit endgültig untergegangen sind. Das, was mir daran – ich spreche nicht von intellektuellem Durchdringen, sondern von gespürter Relevanz für mein Leben – wichtig war, existiert nur noch als blasser Schimmer. Für mich als Kind ist der Katholizismus eine wohlige Heimat gewesen. Als Erwachsener in der Großstadt Berlin frage ich mich, welche Antworten die Kirche auf die Fragen meines Lebens, meiner Generation hat: angesichts des technologischen Fortschritts, des digitalen Wandels. Die Antwort ist – leider – wenige!

Nicht nur das Feuilleton stellt die Frage, ob die Linke nicht doch recht hatte. Wir leben in einer spannenden Zeit – die Krisen des Jahres haben wir in unserem Magazin zum Jahreswechsel noch einmal zusammengefasst. Klar, dass die eigenen politischen Überzeugungen hier auf den Prüfstand kommen. Wie es im Moment aussieht, werde ich der CDU als Wähler erhalten bleiben. Ungeachtet dieser Tatsache ist nicht ausgemacht, welchen neuen Wachstumsbegriff wir für unser Wirtschaften anlegen möchten oder wie Politikmachen ohne Schuldenaufhäufen funktionieren soll.

Nach allen Seiten anschlussfähig

Mit 35 merkt man, gerade wenn der Geburtstag in der zeitlichen Nähe von Weihnachten liegt, dass viele von denen, mit denen man aufgewachsen ist, nicht mehr leben. Meine Gedanken sind daher an diesen Tagen bei den toten Großeltern, Tanten, Onkeln, Verwandten und einer lieben Freundin, die im vergangenen Jahr um diese Zeit verstorben ist.

Einen traurigen Gedanken, der sich beim Blick auf die Ahnentafel nicht verdrängen lässt, möchte ich Ihnen, den Leserinnen und Lesern, nicht verschweigen; rechnen Sie gerne einmal mit mir mit: Wenn Sie nicht in der Nähe Ihrer Eltern leben, dann sehen Sie sich – wahrscheinlich so wie ich – durchschnittlich vier Mal im Jahr. Meine Eltern werden 63 und 65, also gebe ich ihnen, der einfachen Berechenbarkeit halber, noch je 15 Jahre zu leben. Das heißt wir werden uns nur noch 60 Mal sehen, bevor sie sterben. Das ist – wenig! Es gilt also, die gemeinsame Zeit zu nutzen.

Ein Hoch auf Patenkinder und Freunde

Eine ganze Generation ist nicht mehr da, die uns Nachfolgenden beginnen gerade ihr Studium oder wurden in den vergangenen zwei, drei Jahren geboren. Wir Fünfunddreißigjährigen sind jetzt in der Mitte des Lebens angekommen. Nach beiden Seiten anschlussfähig – das ist unser großer Vorteil!

Mit 35 wird es Zeit, ehrlich zu sich zu sein: Wer wie ich jetzt noch keine Kinder hat, wird wahrscheinlich keine mehr bekommen. Umso mehr pflege ich die Beziehung zu meinen beiden Patenkindern Julius und Lilli. Wer mit 35 ledig, „Junggeselle“ wie es früher hieß, ist, der misst den Freundschaften eine größere Bedeutung zu als seine verheirateten oder fest liierten Zeitgenossen, denn die Freunde ersetzen die Familie.

Jetzt geht’s los!

Dank des Fortschritts werden wir alle älter werden! Insofern stimmen die alten, getragenen Weisen von der Jugend-, dem Erwachsenen- und dem Greisenalter nicht mehr!

Vielleicht studiere ich mit 45 noch einmal oder erlerne einen weiteren Beruf. In jedem Fall werde ich nicht mit 65 in Rente gehen, sondern weiter arbeiten, gestalten wollen! Nach alter Zählart mag die erste Hälfte meines Lebens nun rum sein, nach neuer Zählart geht es jetzt erst richtig los!

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Alexander Görlach: Staats-Schuld

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