Der Islam in Geiselhaft

Alexander Görlach12.12.2014Gesellschaft & Kultur

… denkt man gar nicht, gelten doch Muslime als die besten Geiselnehmer der Welt. Aber es sind andere, die unsere Gesellschaft in neue Religionskonflikte zwingen wollen.

Der Islam wird von zwei Seiten in die Zange genommen und malträtiert. Da sind auf der einen Seite die Gläubigen: Für die christlichen Kirchen ist das Erscheinen des Islam eine “Epiphanie”:http://de.wikipedia.org/wiki/Erscheinung_des_Herrn in Zeiten abnehmender gesellschaftlicher Wirkmacht. Man erhofft sich durch die Forderungen und Zumutungen des Religiösen, mit denen Muslime beziehungsweise die Funktionäre der Islamverbände die Öffentlichkeit konfrontieren, einen allgemeinen Machtzuwachs für die Religion an sich.

Muslimen und Christen sind zeitgenössische Erscheinungen wie die satirische Beleidigung religiöser Figuren und Institutionen gleichermaßen ein Dorn im Auge. Beide sähen es daher gerne, wenn der Gotteslästerungsparagraf zum Tragen käme und die Beleidigung des Allerhöchsten von Gesetz wegen aufhören müsste. Vor dem Christengott haben heute die wenigstens Bundesbürger mehr Angst, aber vor dem der Muslime, da hüten sie ihre Zunge. Zu sehr fürchten sie einen aufgebrachten Mob auf der Straße, der einen für ein unvorsichtiges Wort zum Islam und seinem Propheten in die Bredouille bringen oder einen Schlag aufs Maul geben könnte. Dieser vorauseilende Gehorsam ist in seiner spezifisch kriecherischen Art bisweilen nicht zu ertragen. Christliche Religionsfunktionäre jedenfalls erhoffen sich also im Windschatten des Islam fahrend auch mehr Schonung für ihre eigene Religion.

Die Gottlosen stehen bereit, den Islam für sich zu vereinnahmen

Der kriecherische Gestus ist allerdings für viele Muslime beschämend, denn Stärke und Überzeugung sind als Ausweis charakterlicher Ausprägung und als ein Beweis der Existenz eines Rückgrats hoch geschätzt. Es ist zumindest eine Fehleinschätzung, wenn nicht gar absichtliche Ignoranz: Gläubige, Muslime gleichermaßen wie Christen, fürchten nicht die Auseinandersetzung, sie definieren für sich aber Grenzen, jenseits derer sie nicht mehr zum Diskurs bereit sind, weil sie sich als Personen nicht ernst genommen oder, eine Steigerung, verletzt fühlen. Das kann man auf der Gegenseite dumm und Sissi-haft finden.

Aber letztendlich ist keine Diskussion mehr möglich, wenn man in virilem Überschwang augenzwinkernd erklärt, dass die Alte (also Maria) dem Joseph irgendwie mit der „empfangen vom Heiligen Geist“-Story einen fetten Bären aufgebunden habe. Dazu hat übrigens Dieter Nuhr auch schon eine Meinung kundgetan. Oder dass Muhammad eine Frau im Kindesalter gehabt hat und dass das Permissive von daher schon im Islam angelegt sei. Wenn man in einer gemeinsamen Öffentlichkeit über die Rolle der Religion sprechen möchte, gibt es, wie in jedem anderen Diskurs auch, Regeln, an die sich die Gesprächsteilnehmer halten müssen.

Auf der anderen Seite stehen die Gottlosen bereit, um den Islam für sich zu vereinnahmen. Die Gottlosen? Ja, denn sie wollen Religion ganz aus der Öffentlichkeit und damit aus dem Bewusstsein der Menschen verbannen und wenden dafür einen Trick an. Sie sagen: „Wir müssen entweder alle Religionen gleich behandeln oder gar nicht.“ Wenn es also christliche Feiertage gibt, dann müsste es auch islamische geben – oder eben überhaupt keine religiösen Feiertage. Ihnen sind keine lieber. Sie verbrämen ihre Religionsfeindlichkeit, indem sie immer wieder behaupten, dass dies oder jenes Muslime beleidige.

Von den vielen Muslimen, die in Deutschland leben (von denen rund 80 Prozent jeden Freitag ebenso dem Gebet in der Moschee fern bleiben wie ihre christlichen Nachbarn dem Gottesdienst am Sonntag), ist nicht überliefert, dass sie sich von einem Christbaum inkommodiert fühlen. Die Mehrheit der Muslime, und das gilt für die Christen gleichermaßen, sind für einen moderaten religiösen Grundsound, der in einer Gesellschaft zu hören sein darf, der aber nicht alle gesellschaftlichen Belange religiös gedeutet wissen will. Eine gottlose Gesellschaft empfinden sie als kalt, sie möchten nicht, dass die Menschen frieren.

Die Debatte ist schon längst auf die Spitze getrieben

Der Islam wird zwischen diesen beiden Polen zum Stellvertreter in einer viel größeren Debatte: der Zukunft der Religion. Die einen wollen, dass sie ganz verschwindet, die anderen setzen auf eine Allianz gegen ihr Verschwinden. In manchen Ausprägungen religiöser Praxis und gesellschaftlichen Vorstellungen unserer muslimischen Nachbarn schaut uns unsere eigene religiöse Verblendung aus der Vergangenheit direkt in die Augen: auch wir waren einmal verbohrt und gewaltbereit. Auf der anderen Seite ist es trotz dieser Vergangenheit heute völlig legitim, sich als Eltern, die den christlichen Glauben ernst nehmen, mit dem Lehrplan der öffentlichen Schulen auseinanderzusetzen und ihn gegebenenfalls zu kritisieren. Völlig klar: Die, die keine Religion mehr in der Gesellschaft wollen, möchten sie eliminieren, um in die Freiräume, die ihr Wegfall eröffnet, mit ihren eigenen Machtansprüchen dringen zu können.

Dabei ist die Debatte schon längst auf die Spitze getrieben und eine Entladung steht kurz bevor. Es ist doch klar: Es wird in Deutschland nicht so viele buddhistische, jüdische, islamische Feiertage geben, wie es christliche Feiertage gibt. Für die Mehrheit im Lande ist es auch vollkommen schlüssig, warum das so ist. Die anti-religiösen Interessenvertreter treiben mit der buchstabengetreuen Lesart des Neutralitätsgebots des Staates (was auch eine fundamentalistische Herangehensweise ist) die Mehrheit vor sich her. Weihnachten soll angeblich nicht mehr Weihnachten sein dürfen – eine der Stilblüten im aufgeheizten Diskurs.

Es sind also in diesem Streit die Anti-Religiösen, die mit ihrem Prass auf Religion der Gesellschaft ihre spaltenden Gedanken aufzwingen wollen. Die Mehrheit der Muslime hat nichts gegen Weihnachten und die Mehrheit der Christen hat nichts gegen Muslime, die das Fastenbrechen feiern. Es sind andere, die die beiden Gruppen gegeneinander aufbringen wollen.

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